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Donnerstag, 9. Juli 2020

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Michèle Losier (Octavian) und Camilla Nylund (Feldmarschallin Fürstin Werdenberg), Copyright: Ruth Walz

Michèle Losier (Octavian) und Camilla Nylund (Feldmarschallin Fürstin Werdenberg), © Ruth Walz

André Heller führt an der Lindenoper Regie

Zubin Mehta bringt den 'Rosenkavalier' zum Fließen

Wer in diesem Stück die Hauptperson ist, bleibt auch nach 119 Jahren unsicher. Man weiß, dass Strauss für den Ochs war, während andere lieber Quinquin, Mariandel oder den Rosenkavalier (drei Mal dieselbe Person) auf den Plakaten lesen wollten. Den Ausschlag gab am Ende anscheinend Pauline Strauss. Dass niemand von der Feldmarschallin sprach, mag angesichts ihrer Schlüsselrolle in der Dramaturgie des Werks verwundern. In der Premiere an der Staatsoper Unter den Linden kam man nun erneut einer Ochs-Oper nahe – und dies vor allem dank der Leistung von Günther Groissböck in der Beinahe-Titelrolle.

Laut Programmheft hat sich André Heller einen ‚Rausch der Schönheit‘ für seine Inszenierung gewünscht. Vielfalt war da durchaus, von Belle Époque bis Art déco mit breiten Anleihen bei Gustav Klimt, doch eine Linie war kaum zu ziehen – von der üppig-floralen ‚Tapete‘ des Schlafzimmers im I. Akt über die schon zum Klischee geronnene silberne Uniform Octavians in der Rosenszene des II. Akts bis hin zu einem orientalisch ausstaffierten ‚Palmhäusel‘ und dem eleganten lila-rot-schwarz-weißen Outfit der Feldmarschallin im III. Akt. Die Räume lagen etwas weit und unbelebt da. Und es war am Ende eher ein Traum in jenem Blau, das den Bühnenhintergrund weithin dominierte. Dem beruhigenden Charakter dieser Grundfarbe widersprachen aber wieder die meist grellen Beleuchtungen der Szene. Die Arbeit Hellers und seines Teams erscheint hier eher als Ausweis des Suchens denn des Sicherwissens.

Ansprechende Personenregie

Die Personenregie, so zwischen der Feldmarschallin und Octavian im I. Akt, war dabei durchaus ansprechend, erwies sich aber an vielen Stellen als verbesserungsfähig, vor allem sobald eine Figur allein im Raum stand (was insbesondere der Feldmarschallin mit zunehmender Spieldauer häufiger passiert). Im II. Akt blieben Chor und Statisterie zu statisch. Als stimmiges Bild gelang das Aktfinale mit dem selbstmitleidigen Ochs von Lerchenau, der von Groissböck erst lässig im Sessel liegend gesungen wird, dann auch erstmals den Bühnenraum ansatzweise erfahrbar macht. Hübsch auch die deutliche Prosodie Katharina Kammerlohers als trickreiche Annina.

Camilla Nylund sang die Feldmarschallin nonchalant mit meist flacher, soubrettenhafter Stimme, die sich in den besten Momenten (I. Finale) den flehenden Geigen des Orchesters anverwandelte. Leider blieb die kanadische Mezzosopranistin Michèle Losier hinter den Erwartungen an einen Octavian zurück, konnte weder in den dynamischeren Teilen des I. Aktes, noch im zarten Terzett- und Duettgesang mit Sophie und Feldmarschallin dauerhaft überzeugen. Die US-Amerikanerin Nadine Sierra als Sophie zeigte zarten Ansatz und edel schimmerndes Timbre, könnte aber an der Kontinuität ihres Klangs arbeiten, ohne diesen gar zu flächig werden zu lassen.

Gemütlicher Grundrhythmus

Zubin Mehta beginnt die dramatische Handlung etwas gedehnt (was Losier Vibrato-Probleme bereitet), zieht aber im Laufe des Abends etwas an. Hat man sich erst einmal an den moderat-gemütlichen Grundrhythmus gewöhnt, der letztlich dem Konversationscharakter des Werks zugutekam, dann fällt auf, mit welch bestechender Klarheit die Partitur hier erklingt. Auch all ihre ‚Lücken‘, die wohlgewählten Fadenscheinigkeiten sind als ‚tönendes Schweigen‘ zu hören. Die Instrumentengruppen der Staatskapelle geben sich fortwährend die Hand, eins führt zum anderen, und man kann vieles erlauschen, das in einer dichteren Deutung untergegangen wäre. Mehta lässt die musikalische Prosa des Werks prachtvoll erklingen, bringt sie recht eigentlich ins Fließen. Bravi zu Beginn des III. Aktes machten deutlich, dass das auch dem Publikum gefiel.

Kritik von Matthias Nikolaidis

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Der Rosenkavalier: Komödie für Musik in drei Aufzügen

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Zubin Mehta (Dirigent), Staatskapelle Berlin (Orchester), Günther Groissböck (Solist Gesang), Camilla Nylund (Solist Gesang)

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