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Donnerstag, 26. November 2020

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Lohengrin an der Staatsoper Hamburg in der Inszenierung von Peter Konwitschny, Copyright: Arno Declair

Lohengrin an der Staatsoper Hamburg in der Inszenierung von Peter Konwitschny, © Arno Declair

'Lohengrin' in Hamburg

Utopie und Realität

Alle Jahre wieder, kommt der 'Lohengrin'. An der Hamburgischen Staatsoper ist es mittlerweile Tradition, Richard Wagners romantisches Musikdrama in der Inszenierung Peter Konwitschnys zu Weihnachten für einige Vorstellungen auf die Bühne zu bringen. Dass 2019 als gutes Jahr in die Geschichte eingehen wird, liegt nicht zuletzt an der Besetzung, allen voran mit Klaus Florian Vogt in der Partie des namenlosen Gralsritters. Vogt, der direkt nach der Vorstellung auf der Bühne noch zum Hamburger Kammersänger ernannt wurde, darf mit seinem knabenhaft-jugendlichen Tenor als Idealbesetzung für diese Inszenierung gelten. Denn mit seiner hellen Stimme passt Vogt in das wilhelminische Klassenzimmer wie der Zeigestab in die Hand des Heerufers (Andrzej Dobber), der sich gleich zu Beginn mit großer Stimme Gehör verschafft. Als mustergültiges Beispiel für klar verständlichen Wagner-Gesang muss man bei Vogt nicht einmal auf die Übertitel gucken – praktisch.

Simone Schneider als Elsa sorgt mit ihrem dramatischen und dunkel eingefärbten Sopran für das irdische Gegenwicht zum himmlisch hellen Gralsritter Vogt. Trotz gespannter Beweglichkeit hat ihre Stimme so viel Gewicht, dass man eher an eine Brünnhilde denkt. Allerdings manifestieren sich auf diese Weise ihre Zweifel am Traum des utopischen Vertrauens so auf stimmliche Weise. Mit spektakulärer Wucht agiert hingegen die Ortrud von Tanja Ariana Baumgartner, die ihre Spitzentöne bis in den obersten Rang schleudert und auch darstellerisch wunderbar zwischen störischem Trotz und entschlossener Boshaftigkeit changiert.

Kein Wunder, dass Wolfgang Koch als Friedrich von Telramund da vergleichsweise unauffällig bleibt, wenngleich er die Aufgabe ebenfalls mit viel baritonalem Gewicht versieht. Dies mag aber der Inszenierung geschuldet sein – zwischen Lohengrin und Ortrud bleibt für den Telramund nun mal wenig Platz. Mit vokalem Nachdruck agiert auch der König Heinrich von Christof Fischesser. Heimlicher Star der Aufführung dürfte jedoch der Chor der Hamburgischen Staatsoper (Eberhard Friedrich) sein. Dieser beschränkt sich keinesfalls auf bloßes Schmettern in den großen Chorszenen, vor allem im Münster im zweiten Aufzug. Vielmehr werden Wagners weitgespannte polyphone Verläufe dynamisch differenziert wie theatralisch lebendig entfaltet. Nicht zuletzt sorgt das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano für einen beseelten Wagnerklang, von der grazilen Gralsmusik in den vielstimmigen Streichern des Vorspiels bis zum herrlichen Gebretter im Blech während der Heerschau im ersten Aufzug.

Das Klassenzimmer zwischen Utopie und Realität

Über die Inszenierung von Peter Konwitschny ist schon viel geschrieben worden. Auch 2019 kann man sich wieder davon überzeugen, dass die Verlegung in ein wilhelminisches Klassenzimmer am Vorabend des Ersten Weltkriegs prächtig funktioniert. Nicht nur die hehre romantische Naivität des Lohengrin ist hier bestens aufgehoben, sondern auch die ins Hysterische umschlagende Begeisterung für den neuen ‚Führer‘ und ‚Schützer Brabants‘ sowie der an Größenwahn grenzende Nationalismus, der vor allem im ersten und letzten Aufzug deutlich durchschlägt. Sicher, in den 1840er Jahren, noch vor der Deutschen Revolution, hätte keiner auch nur ahnen können, wohin Wagners Wunsch später einmal führen würde. Daran erinnert ganz am Schluss der Kindersoldat in Gestalt von Gottfried, was dem 'Weh! Ach!' des Chores eine ganz neue Bedeutung verleiht – die Vorahnung auf den Ersten Weltkrieg und die Zeit danach. Durch die Verlegung ins Klassenzimmer wird all das ironisch gebrochen und bleibt zugleich bestehen, da die Schüler mit flammendem Eifer agieren und so aus dem Spiel wieder Ernst wird. Der 'Herr der Fliegen' lässt grüßen. Dass das Publikum diese Sichtweise teilt, belegten der Zwischenjubel nach jedem Akt und die Bravi-Rufe am Ende.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Lohengrin: Klaus Florian Vogt

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Richard Wagner

Mitwirkende: Chor der Hamburgischen Staatsoper (Chor), Kent Nagano (Dirigent), Peter Konwitschny (Inszenierung), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Klaus Florian Vogt (Solist Gesang), Simone Schneider (Solist Gesang)

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