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Tonkünstler-Orchester vor dem Wiener Musikverein, © Martina Siebenhandl
Die Tonkünstler und Daniel Müller-Schott in Wien
In besten Händen
Ursprünglich sein Freund Hanuš Wihan hätte Antonín Dvořáks (einziges) Cellokonzert h-Moll op. 104 anlässlich dessen Uraufführung spielen sollen. Nachdem ersterer aber zu viele Änderungen verlangte, war es letztlich der Brite Leo Stern, der es unter Leitung des Komponisten 1896 in London erstmalig der Öffentlichkeit präsentierte. Prominenter Solist im Großen Saal des Wiener Musikvereins war am Samstagabend Daniel Müller-Schott, der es gemeinsam mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich unter Leitung von Dimitrij Kitajenko zur Aufführung brachte.
Mit energischer Entschlossenheit markiert er den ersten Cello-Einsatz nach einem souverän intonierten Horn-Solo. Mit vielfältigem Vibrato formuliert Müller-Schott im weiteren Verlauf beseelte Phrasen, die warm fließende Legato-Melodik ist bei ihm in besten Händen. Ein Übriges dazu tut der in allen Lagen charismatische Klang seines Instruments, des 1727-er 'Ex Shapiro' von Matteo Goffriller.
‚Traum jedes Cellisten‘
Vom Beginn des 'Allegro' an gut abgestimmt ist das Zusammenspiel mit dem Orchester, die Tonkünstler stellen die ausschweifende Dynamik plastisch dar. Satte Streicher überzeugen ebenso wie voluminöses, homogenes Tutti. Exzellent geführt ist der innige Dialog zwischen Violoncello und Solo-Flöte in Person von Ting-Wei Chen. Gefühlvoll übernimmt Müller-Schott zu Anfang des Mittelsatzes die sauber geführten Holzbläser-Linien, profilscharf betont er die wehmütigen Vorhalte. Eindringlich bekräftigt Kitajenko den kurzen, aber heftigen orchestralen Ausbruch, sensibel modelliert die Solostimme demgegenüber die üppigen Kantilenen des von Dvořák zitierten eigenen Lieds 'Lasst mich allein' op. 82/1. Als ‚Traum jedes Cellisten‘ bezeichnet Ursula Erhart-Schwertmann aus den Reihen der Tonkünstler im Programmheft sein Konzert, mit dieser Meinung steht sie nicht allein da: Auch Brahms‘ erklärte Begeisterung für das Werk ist verständlich ob technisch derart ausgefeilten, passionierten Spiels wie von Müller-Schott.
Emotional zupackend sowohl in der Marcato-Diktion des Orchesters als auch im Solopart beginnt das rhythmisch straffe Finale, edle Tongebung prägt wiederum dessen lyrische Passagen. Kammermusikalisch kompetente Zwiesprache hält das Cello mit Konzertmeister Vahid Khadem-Missagh. Nicht ganz den letzten agogischen ‚Drive‘ erhält die nochmals beschleunigende 'Molto espressivo'-Sequenz kurz vor dem letzten Teil, umso ausdrucksvoller gelingen Müller-Schott die lang gehaltenen Noten in den sich agogisch wieder zurückziehenden 'Meno mosso'- und 'Più Andante'-Abschnitten. Ein weiteres Mal nimmt Dvořák in der Coda Bezug auf das schon im zweiten Satz anklingende Lied, nicht zuletzt wegen seines Beharrens auf diesem musikalischen Element anstelle einer von diesem gewünschten Kadenz zerschlug sich eine Aufführung durch den Widmungsträger Wihan. Beim auch ohne Kadenz begeisterten Publikum bedankt er sich mit der sechsten Variation aus Tschaikowskys 'Rokoko-Variationen', in denen er nochmals die ganze Bandbreite seines kultivierten Tons vorführen kann.
Märchenhafte Bilderfolge
Weiter geht es mit Tschaikowsky nach der Pause, die auszugsweise Satzfolge aus dem zweiten Akt des 'Nussknackers' op. 71 hat Kitajenko selbst zusammengestellt. Noch nicht ganz will sich die ganze orchestrale Magie im 'Zauberschloss' einstellen, es braucht bis zur kraftvollen dynamischen Entladung in der zweiten Hälfte, bis sich das anfänglich noch etwas unbewegliche Klangbild verfeinert und über gestochen scharfe Walzer-Präzision voll entfaltet. Und dann reiht sich im 'Divertissement' ein Highlight ans andere: 'Schokolade' servieren die Tonkünstler mit geschmackvoller Eleganz, zum 'Tee' gibt es feinstes, samtweiches Streichertimbre, zum 'Kaffee' nochmals eine hervorragende Leistung der Solo-Flöte.
Der allseits bekannte 'Trepak' explodiert mit feurigem Elan, der 'Tanz der Rohrflöten' schwebt auf luftigen Wolken. Perkussive Funken sprüht die Episode 'Mutter Gigoen und die Polichinelles', untermalt von hellwachen Pizzicato-Spitzen. Sehr selten bekommt man nach einem brillant rauschenden Harfen-Solo einen ‚Evergreen‘ wie den 'Blumenwalzer' derart schlank und dynamisch aufgefächert zu hören. Vornehme Eleganz besitzt der Auftritt der 'Zuckerfee', den 'Pas de deux' sieht man mit majestätischem Glanz regelrecht vor dem inneren Auge getanzt. Viel zu rasch zieht diese musikalische Bilderfolge vorbei, gerne wäre man noch weiter mit den Tonkünstlern in Tschaikowskys programmatische Märchenwelten abgetaucht.
Kritik von Thomas Gehrig
Kontakt zur Redaktion
Tonkünstler-Orchester Niederösterreich: Der Nussknacker
Ort: Musikverein,
Werke von: Antonín Dvorák, Peter Tschaikowsky
Mitwirkende: Dimitrij Kitajenko (Dirigent), Daniel Müller-Schott (Solist Instr.)
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