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Freitag, 29. Mai 2020

Hera Hyesang Park (Dschainah Lylo), Hendrik Vestmann, Copyright: Iko Freese / drama-berlin.de

Hera Hyesang Park (Dschainah Lylo), Hendrik Vestmann, © Iko Freese / drama-berlin.de

Abrahams Operette 'Dschainah' nach 84 Jahren wieder aufgeführt

Pioniertat

Wenn die Erwartungen an eine Paul-Abraham-Operette an der Komischen Oper Berlin überdurchschnittlich hoch sind, dann liegt das vor allem daran, dass es im Haus an der Behrenstraße in der Vergangenheit außergewöhnliche Aufführungen der Jazz-Operetten dieses lange vergessenen Genies gab. Angefangen mit Barrie Koskys 'Ball im Savoy'-Produktion, die ein wirkliches Abraham-Revival in Gang gesetzt hat: mit einem unwiderstehlichen Sound, den Adam Benzwi entfachte, unwiderstehlicher Choreografie von Otto Pichler und einer unwiderstehlichen Besetzung, aus der Dagmar Manzel und Katharine Mehrling hervorstachen. Es folgte eine gleichfalls außergewöhnlich besetzte und musizierte konzertante 'Märchen im Grand-Hotel'-Produktion, wo wiederum Adam Benzwi zeigte, wie magisch dieser 1930er-Jahre-Abraham-Sound sein kann, wenn man es schafft, ihn mit Fantasie umzusetzen. Das schaffte das Team der Abraham-Fußballoperette 'Roxy und ihr Wunderteam' danach nur bedingt, weil’s da eher nach gestriegeltem MGM-Musical der 40er-Jahre klang als nach Spät-Weimarer Dekadenz. Dafür war aber die Besetzung rund um die Geschwister Pfister eine Wucht und ließ vieles entschuldbar erscheinen.

Nun also kurz vorm Fest die traditionelle konzertante Weihnachtsoperette: diesmal eine absolute Rarität, vor der es keine Aufnahmen gibt, nur Legenden und Berichte aus der Tagespresse Wiens von 1935. Die Rede ist vom am Theater an der Wien uraufgeführten Zweiakter 'Dschainah: Das Mädchen aus dem Tanzhaus', nach einem Libretto von Alfred Grünwald und Fritz Löhner-Beda. Die lange verschollen geglaubte Partitur haben Henning Hagedorn und Matthias Grimminger ‚bühnenpraktisch‘ rekonstruiert, Dirigent Hendrik Vestmanns belebte sie nun erstmals in moderner Zeit neu mit einem Team von sechs Solisten rund um Hera Hyesang Park in der schillernden Titelpartie.

Dancing in the Dark

Das Stück ist in vielerlei Hinsicht fesselnd. Es wurde komponiert für die Ehefrau des schwerreichen Kaffeefabrikanten Julius Meinl, der für seine 40 Jahre jüngere Gattin Michiko Tanaka-Meinl ein Starvehikel suchte und bei Abraham in Auftrag gab. Es ist die Geschichte eines sogenannten Sing-Song-Girls, die als eine Art Prostituierte in Saigon arbeiten muss und von ihrem gefühllosen wie geldgierigen Besitzer verkauft werden soll. Das verhindert in letzter Sekunde der schmucke französische Marienoffizier Pierre Claudel, der das Mädchen Lylo ‚befristet‘ heiratet, um das Schlimmste abzuwenden. Der sie aber wenig später wieder verlässt, weil er bereits eine Verlobte in Paris hat, zu der er zurückkehrt. Die exotische Lylo besingt ihr zerbrochenes Liebesglück in einem Abschiedstango ('Ich hab‘ dich lieb'), entscheidet sich aber – anders als Madame Butterfly – für eine pragmatische Lösung und heiratet einen reichen indischen Maharadscha, der sie schließlich mitnimmt nach Paris. Wo sie Pierre wiedersieht und als guten Freund in die Arme schließen kann.

Abrahams Musik ist in den Paris-Szenen von den typischen mondänen Modetänzen der Zeit durchpulst, im 2. Akt allerdings, der vorm Sing-Song-Haus in Saigon spielt, entfacht er eine exotische Klangopulenz, die an Puccini und Lehár geschult ist, aber gleichzeitig eine ganz eigene Note findet, um den Reiz dieser 'Dschainah' und ihrer erotisch aufgeladenen Welt zu vermitteln. Neben wunderbaren Tanzsequenzen, in denen von Tamtam bis Glocken und Schlagwerk alles aufgefahren wird, was einem europäischen Komponisten zum Thema Asien einfallen könnte, ist es das große Lied der Lylo, das den Kern dieses Aktes ausmacht. Sie singt zu ihrem Marineoffizier 'Tanz mir mir', und eingehüllt in einen Rausch von Instrumentaleffekten klingt das fast wie das berühmte 'Dancing in the Dark' in einer europäischen Variante. Mit anderen Worten: hinreißend.

Als wärs von Ernst Krenek

Die Magie vermittelt sich in der Komischen Oper, obwohl Vestmann als Dirigent gar kein Gespür für die Eleganz der Abrahamschen Klangsprache zeigt und kaum Abstufungen im Sound erzeugt, um innerhalb der Nummern Steigerungen und Nuancen zu vermitteln. Teils wirken Chorszenen (etwa die der Prostituierten), als hätte Ernst Krenek sie geschrieben. Doch statt als solchen eklektischen Momenten Spannung zu beziehen, wirkten sie auf mich nur: falsch. Genau wie das Gegeneinander von Tanzschlagern und opernhafter Opulenz keine Chiaroscuro-Wirkung erzeugte, sondern (leider) viel zu oft nach Seventies-Partykeller klang, mit einem penetranten Schlagzeug als One-Man-Rhythmusgruppe. Das war meilenweit entfernt von jeglicher Raffinesse, wie sie Benzwi beim 'Märchen im Grand-Hotel' entwickelte. Und es war noch nicht mal so bieder-solide wie Stefan Soltez letztes Jahr mit einer uninspirierten 'Viktoria und ihr Husar' (bei der man wenigstens berühmte Klangalternativen im Kopf hat).

Charme und Sicherheit

Die Besetzung war von den Knock-Out-Qualitäten des 'Ball im Savoy', 'Märchen' oder 'Roxy' ebenfalls weit entfernt. Hera Hyesang Park präsentierte die Titelpartie mit viel Charme und sicheren Tönen, aber ohne das Quantum Starquality, das Michiko Tanaka-Meinl allen Berichten zufolge hatte. Es ist eine große Rolle, die neben einer sinnlichen Mittellage vor allem gleißende Höhen verlangt (Michiko Tanaka-Meinl sang u. a. Butterfly neben Richard Tauber). Sagen wir mal so: Hera Hyesang Park hat das mehr als ordentlich gemeistert, teils anrührend gewirkt, aber sie ist keine exaltierte Operettendiva von Mehrling-Manzel-Ursli-Pfister-Format. Und das müsste sie sein, um dieses Stück zum Ereignis zu machen.

Um sie herum vorzügliche Hauskräfte wie Mirka Wagner und Talya Lieberman als solide Soubretten, denen aber bei aller stimmlichen Souveränität ebenfalls das aufmüpfige Lachen in Stimme und Darstellung fehlt (wobei sie sich beide erkennbar Mühe geben, aber scheinbar nicht über ihren Opernschatten springen können). Daniel Foki als polnischer Baron macht seine Sache ebenfalls ‚traditionell‘ solide. Und Johannes Dunz als Tenorheld des Abends – also als Marineoffizier Pierre – singt berückend geradeaus, wirkt jedoch immerzu verschüchtert, statt allen mal so richtig zu zeigen, was für ein toller Kerl er ist. Und er ist ein toller Kerl, wie er schon vielfach bewiesen hat, wenn man das Tenor-Extra aus ihm herauskitzelt.

Schlagfertig

Bleiben Zazie de Paris als Pierres Schwiegermutter-in-spe, die visuell interessant wirkt, aber in ihrem Chanson gegen Ende keine wirkliche Wirkung entfalten kann. Und natürlich Klaus Christian Schreiber als Erzähler. Der macht seine Sache schlagfertig und sehr gewitzt. Er navigiert die Zuhörer gekonnt durch die Handlung und sorgt dafür, dass man stets weiß, was gerade passiert. Bei einem so unbekannten Werk ist das lebenswichtig. Bei einem Werk, das von Menschenhandel, moderner Sexsklaverei und von Kolonialismus und Imperialismus handelt, also lauter Dingen, über die aktuell in der Gesellschaft sehr intensiv und kontrovers diskutiert wird, bei solch einem Werk einfach zu behaupten, es sei halt ‚dumme Operette‘, die man nicht weiter ernst nehmen müssen, das ist – pardon, wenn ich das so hart formuliere – ein Verrat an Abraham, Grünwald und Löhner-Beda. Es ist auch ein Verrat an dem Operetten-Revival-Projekt, für das die Komische Oper zu Recht weltweit gefeiert wird. Denn dieses Stück ist eben alles andere als eine ‚dumme‘ Operette, es lohnt ohne Wenn und Aber, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen. Auch mit den vermeintlich ‚dummen‘ Aspekten.

Als Tondokument erhalten

Glücklicherweise hat Deutschlandfunk Kultur die Premiere aufgezeichnet und wird das Stück voraussichtlich im Januar 2020 senden. Ob die Balance zwischen dem (viel zu lauten) Orchester und den Solisten dann besser funktioniert, muss man abwarten. Auf alle Fälle ist damit ein Klangdokument geschaffen, das es erlaubt, diese letzte große Wiener Operette vorm Totalzusammenbruch und dem Anschluss Österreichs zu konservieren. Und vielleicht auch irgendwann als Highlight-Fassung auf CD herauszubringen. (Das Stück ist hier auf 90 pausenlose Minuten gekürzt.)

Eine weitere Live-Aufführung findet am 30. Dezember statt. Vielleicht gehen die Solisten dann ja mehr aus sich raus, wenn der Premierenstress vorbei ist. Und vielleicht hört sich der grundsätzlich sehr sympathisch rüberkommende Dirigent Hendrik Vestmann bis dahin noch ein paar historische Abraham-Aufnahmen ab, um ein besseres Gespür für diese Klangwelt zu bekommen?

Unterm Strich: Ein wichtiger Abend und eine Pioniertat. Man darf gespannt sein, ob wie bei 'Märchen im Grand-Hotel' demnächst andere Bühnen das Werk szenisch auf die Bühne bringen werden. Lohnen würde es absolut, denn die Geschichte des Sing-Song-Girls Lylo hat so viele Ebenen, dass man sie mehrfach kritisch durchleuchten sollte. Und die 'Tanz mit mir'-Szene ist von nachgerade singulärer Sinnlichkeit, deren Glamour in der Komischen Oper trotz aller Einschränkungen wie ein bengalisches Feuer leuchtete.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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