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Sonntag, 8. Dezember 2019

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Deutsches Symphonie-Orchester Berlin mit Robin Ticciati in der Berliner Philharmonie, Copyright: Kai Bienert

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin mit Robin Ticciati in der Berliner Philharmonie, © Kai Bienert

Robin Ticciati dirigiert 'La damnation de Faust'

Klassische Distanz

Wir sind ja immer noch im Berlioz-Jahr, und da passt es gut, dass Robin Ticciati kurz vorm Ende der Feierlichkeiten zum 150. Todestag mit seinem Deutschen Symphonie-Orchester (DSO) die gloriose Höllenfahrt des französischen Exzentrikers in der Philharmonie zu Gehör brachte: 'La damnation de Faust', dramatische Legende in vier Teilen op. 24, nach Johann Wolfgang von Goethe. Das Werk ist melodisch nicht so überwältigend wie die 13 Jahre später uraufgeführte 'Faust'-Oper des Kollegen Charles Gounod. Und Mephisto tanzt hier auch nicht so infernalisch wie bei Franz Liszt, der 'Fausts Verdammnis' 1852 in Weimar erstmals in Deutschland aufführte, bevor er seine berühmte 'Mephisto'-Walzerserie schrieb und eine 'Faust-Symphonie', die 1857 in Premiere ging, ebenfalls in Weimar.

Das Berlioz-Werk hat aber seine spektakulären Momente, die ihm nachhaltigen Ruhm und Popularität einbringen. Robin Ticciati dosierte diese Spektakelmomente klug, um nicht schon mit dem ungarischen Marsch im 1. Teil alles Pulver zu verschießen, sondern sich das XXL-Klangfeuerwerk fürs Finale aufzubewahren. Zusammen mit dem Rundfunkchor Berlin und Schola sowie den Kindern vom Staats- und Domchor war dieser Schluss, inklusive Margaretes Verklärung mit sechs Harfen in Stereo-Position, ein Überwältigungsmoment der Sonderklasse. Auch wenn die Chor-Herren mit ihren dadaistischen Teufelsrufen ziemlich brav blieben (Einstudierung: Michael Alber) und klassische Distanz wahrten, statt sich mit Lust in die Apokalypse zu stürzen.

Mit Hochglanzlack übergossen

Auch sonst war der lange Berlioz-Abend für mich selten von lustvollem Musizieren geprägt, verglichen mit John Eliot Gardiner, der vor einigen Monaten beim konzertanten 'Benvenuto Cellini' in der Philharmonie ganz andere Klangekstasen erfahrbar gemacht hatte. Bei Ticciati blieb vieles mit Hochglanzlack übergossen, statt experimentell, vorwärtsweisend und subversiv. Aber auch das hat seinen Reiz: statt den Revolutionär, gab es den Klassiker Berlioz, klangschön, edel, fast wie in Marmor gemeißelt. Ein Monument! Das Problem mit Marmormonumenten ist, dass sie manchmal etwas blutleer wirken. Allan Clayton als Faust sang seine Weltschmerzklagen mit klarer, heller, schwebender Stimme, stand aber über drei Stunden wie ein Pennäler mit herabhängenden Armen da, so als müsste er Weihnachtsgedichte aufsagen und hätte dazu keine Lust. Rein akustisch kann sein Tenor unmittelbar verzaubern, besonders mit der silbrig schimmernden Höhe und der ‚voix mixte‘. Aber Clayton verfügt scheinbar nur über eine einzige Klangfarbe, was bei einem langen Stück mit so vielen kontrastierenden Stimmungen bedauerlich ist. Da wäre mehr Unterscheidbarkeit zwischen dem alten Faust vom Anfang, dem jugendlichen Liebhaber des Mittelteils und dem am Ende von Schuldgefühlen gemarterten Mann vorteilhaft gewesen, ebenso mehr sprachliche Ausgestaltung, die einen französischen poetischen Zauber verstrahlt.

Geschichte mit Thriller-Elementen

Sprachliche und darstellerische Ausgestaltung gab‘s dafür in Übermaß von Alexander Vinogradov als Méphistophélès. Mit machtvoll auftrumpfendem Bass, agilem Körpereinsatz und verführerischer Präsenz auf dem Podium war er für mich der eigentliche Star des Abends, der klar machte, dass dies ein Geschichte mit Thriller-Elementen ist, nicht nur Konzertstück zum Wochenende. Als Gretchen konnte man Karen Cargill erleben. Eine interessante Hörerfahrung, weil sie teils den Jungmädchenton der Marguerite wunderbar traf, besonders mit lyrisch leuchtenden Höhen, aber immer wieder aus der Innigkeit herausrutschte in einen dramatischen Ton, der zu einer Carmen oder Eboli passt, weniger zu einer ‚kindlichen Seele‘ (wie‘s im Text heißt). Dadurch wirkte diese Marguerite – in ein blutrotes Abendkleid gehüllt – auf mich teils wie eine Karikatur, besonders in den fast grotesk hochdramatischen Herzklopf-Momenten der berühmten Arie 'D‘amour l‘ardente flamme'. Hier gab es immerhin ein elegisch schönes Englischhorn-Solo zu bewundern, fast in Slow Motion, weil Ticciati die Nummer bemerkenswert langsam dirigierte.

Ein Schuss ‚excentricité’

Die zweite Aufführung am Samstag wurde von Deutschlandfunk Kultur im Radio übertragen, die erste am Freitag war vielleicht eher eine Durchlaufprobe, die bewusst Luft nach oben ließ. Ich muss gestehen, dass es mir nach dem Gardiner-Abend schwer fällt, zu einem ‚klassischen‘ Berlioz-Sound zurückzufinden. Es fällt mir auch schwer, in Konzerten Vokalsolisten zu erleben, die so ganz gegen den traditionellen Typ der Rolle besetzt sind, ohne daraus interessante neue Interpretationen entstehen zu lassen. So bleibt am Ende ein superlativer Méphistophélès und ein Epilog, für den ich mir das Konzert jederzeit nochmal anhören würde. Und deutsche Orchesterkultur vom Feinsten, der ein Schuss ‚excentricité’ gut getan hätte.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Berlioz: La damnation de Faust: Mit Robin Ticciati

Ort: Philharmonie (Grosser Saal),

Werke von: Hector Berlioz

Mitwirkende: Runfunkchor Berlin (Chor), Robin Ticciati (Dirigent), Deutsches Symphonie-Orchester Berlin (Orchester), Allan Clayton (Solist Gesang), Alexander Vinogradov (Solist Gesang)

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