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Donnerstag, 26. November 2020

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Carmen (Adriana Bastidas-Gamboa), Copyright: Hans-Jörg Michel

Carmen (Adriana Bastidas-Gamboa), © Hans-Jörg Michel

'Carmen' neu inszeniert an der Oper Köln

Leben, Tod und Religion

Ob Sozialromantik, von folkloristischen Tänzen untermalte freie Liebe oder mysteriöse Femme fatale, Georges Bizets 1875 uraufgeführte 'Carmen' gehört zu den Opern-Publikumslieblingen schlechthin. Die Oper Köln hat für ihre Neuinszenierung im November dieses Jahres ein meisterliches Produktions- und GesangssolistInnenteam gewinnen können. Und ja, abgesehen von den klassischen Evergreens und musikalischen Highlights hat auch die von Prosper Mérimée in der Ich-Form erzählte, höchst dramatische, bewegende Liebes- und Lebensgeschichte eines zum Tode verurteilen Mörders auch 2019 noch Wirkungskraft.

Glutvolles Timbre

Gleich im ersten Akt lässt Adriana Bastida-Gamboa mit dunkel eingefärbtem, glutvollem Timbre das Klischee der eigenwilligen Persönlichkeit aufblitzen. Begleitet von einer Gitarre ähnelnden Streichern, beschwört sie sinnlich und verspielt, dynamisch differenziert gestaltend in der 'Habanera' die Freiheit. Dazu das musikalisch wunderbar harmonierende Duo aus Alina Wunderlin als Frasquita und Arnheiður Eiríksdóttir als Mercédès.

An Carmens Seite sang in der besuchten Vorstellung Dmytro Popov – ein begnadeter Don José, der mal mit weicher, ganz ins Pianissimo zurückgenommener, kopfstimmig gefärbter Höhe, mal mit schmelzendem, mal mit jugendlich kraftvollem Tenortimbre faszinierte. Bei solch stimmlicher Gestaltungspracht riss denn auch in der finalen Auseinandersetzung der Spannungsbogen nicht ab. Sein verzweifeltes Flehen, ihre kühle Reaktion. Don José hätte allen Grund, mit seinem gezückten Messer zuzustechen. Sie scheint es geradezu zu provozieren. So jedenfalls legt es die Musik nahe. In der Regieinterpretation Lydia Steiers jedoch lässt er in letzter Verzweiflung das Messer sinken. Sie ergreift es, um sich das Leben zu nehmen.

Verletzte junge Frau

Schon zu den Klängen der Ouvertüre zeichnet Steier das Bild einer zutiefst verletzten und verstörten jungen Frau, die aufbegehrt und entschlossen die aus den Anfängen der Filmkunst stammende, wackelnde Projektion eines reitenden Picadors zerreißt. Momme Hinrichs hat für den ersten Akt die ganze Raum- bzw. Bühnenbreite in eine südlich anmutende, zunächst mit einem Gitter versperrte Markthalle verwandelt. Menschen warten ungeduldig vor Canicerias, Fleischständen mit hängenden Rinderhälften. Männer in einheitlicher, weinrot-weißer Uniform beobachten das muntere Treiben, sehnlichst die von der Seite einströmenden jungen, mit bunten Stirnbändern und schwarzer Arbeitskleidung versehenen Frauen erwartend. Steier versteht es, das muntere Marktgetümmel aus verschiedenen Chorgruppen und StatistInnen auf verschiedene Ebenen zu verteilen und lebendig wie im Film vor Augen zu führen. Links neben der Bühne und von weißer Gaze verdeckt spielt das Gürzenich Orchester Köln unter der Leitung Arnaud Arbets.

Carmen erscheint hier nicht in kurzem, roten Röckchen, weißen durchbrochenen Seidenstrümpfen mit wippender Akazienblüte im Mundwinkel und wiegenden Hüften – wie bei Prosper Mérimée beschrieben. Sie wartet in einem einfachen Zimmer lesend oberhalb der Caniceria auf ihren Auftritt. Gianluca Falaschi hat für sie ein grünes Overall-Kostüm, das Erinnerungen an kubanische Freiheitskämpfer wachruft, vorgesehen. Es gibt weitere Details, die das vertraute Marktgeschehen zu ver-rücken scheinen, z. B. Kinder, die von ihren Eltern zurecht gewiesen und drangsaliert werden, oder zur Statue erstarrte, mit amerikanischem Soldatenhelm ausgestattete Fleischverkäufer. In den musikalischen Zwischenspielen werden neue Erwartungen geweckt. Schritt für Schritt, Szene für Szene wird das tragische, scheinbar unentrinnbare Gesellschafts- und Geschlechterbild aus Religion, Erwartungshaltungen, Heimat, Corrida, männlichem und weiblichem Eros, Heiligenbild und Hure, Tod und Verklärung offengelegt. Steiers Regieinterpretation gipfelt in einem karnevalesk und grotesk surreal überzeichneten Umzug zum Auftritt des siegreichen Toreadors Escamillo im vierten Akt. Minutenlanger Applaus beendete den Abend.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Carmen: Opéra-comique in vier Akten

Ort: Oper,

Werke von: Georges Bizet

Mitwirkende: Gürzenich-Orchester Köln (Orchester)

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