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Mittwoch, 23. September 2020

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Beatrice Rana, Copyright: Nicolas Bets

Beatrice Rana, © Nicolas Bets

Jurowski und das London Philharmonic Orchestra in der Alten Oper Frankfurt

So klingt Revolution

Dmitri Schostakowitschs elfte Symphonie op. 103 aus dem Jahr 1957 fällt aus dem Rahmen, in jeglicher Hinsicht. Komponiert zum 40. Jahrestag der Revolution, lieferte er ein programmatisches Werk mit Bezug auf die Ereignisse am blutigen Sonntag 1905 oder auf die Niederschlagung des Ungarn-Aufstands. Eindeutig ist das nicht. Öffentlich bezog Schostakowitsch nie Stellung zu aktuellen politischen Ereignissen, sondern agierte subtiler, wie eben in dieser Symphonie, die ein Musterbeispiel im Stil des sozialistischen Realismus darstellt, um barrierefrei jedem verständlich zu machen: So klingt Revolution, wenn sie blutig niedergeschlagen wird.

Revolutionssturm

Das erlebte das Publikum in der Alten Oper Frankfurt beim Gastspiel des London Philharmonic Orchestra. Stramm stand Vladimir Jurowski am Pult, den Rücken durchgedrückt wie ein Feldherr, sein Dirigat über weite Strecken mehr ein Stechen und Peitschen und im Gestus vergleichsweise minimalistisch, womit er aber einen wahren Revolutionssturm entfachte. Nahtlos reihen sich die vier Sätze mit den programmatischen Titeln 'Platz vor dem Palast', 'Der 9. Januar', 'Ewiges Gedenken' und 'Sturmgeläut' aneinander. Immanent ist der Eindruck einer Symphonischen Dichtung über die Gräuel des niedergeschlagenen Aufstands, so plastisch und fesselnd gelang Jurowskis Interpretation.

Der Eingangssatz, ein atmosphärisch dichtes Adagio als Abbild fahler Winterfrühe vor dem Admiralspalast in St. Petersburg, erklang überraschend analytisch-sachlich, als sondiere der Feldherr die Lage, organisiere die Aufstellung zur Schlacht. Mit der Präzision einer perfekten Maschinerie folgten die Musiker, immer leidenschaftlicher im Spiel, so wie die Bittreime an 'Väterchen Zar' in Kantilenen durchklangen und in ein endloses Wehklagen, überdeckt von lähmender Trauer, mündeten, um endlich in einer Schlussapotheose zu gipfeln, die mit Sturmgeläute und Kanonendonner einem großorchestralen Exzess glich.

Faszinierende Anschlagskultur

Weit weniger emotional stimmte die junge italienische Pianistin Beatrice Rana auf diesen russischen Abend ein. Das dritte Klavierkonzert in C-Dur op. 26 von Sergej Prokofjew, komponiert in jener frühen Schaffensphase, mischt Witz mit grotesken Passagen, traditionelle Anklänge mit harmonisch überraschenden Fortschreibungen, extrem im Detail wie in der angelegten Virtuosität. Beatrice Rana meisterte mit Bravour den virtuosen Part: scheinbar nie endende perlende Läufe und Wendungen, ausgeführt mit akkurater Präzision, punktgenau in Übereinstimmung mit dem Orchester, ausgespielt mit ungeheurer Kraft und Energie. Dabei begeisterte sie durch ihre Anschlagskultur, mit der sie jegliches Detail analytisch, akribisch und differenziert offen legte.

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Kritik von Christiane Franke

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London Philharmonic Orchestra: Prokofjew und Schostakowitsch

Ort: Alte Oper,

Werke von: Dimitri Schostakowitsch, Sergej Prokofieff

Mitwirkende: Vladimir Jurowski (Dirigent), London Philharmonic Orchestra (Orchester), Beatrice Rana (Solist Instr.)

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