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Freitag, 25. September 2020

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Daniel Barenboim, Copyright: Monika Rittershaus

Daniel Barenboim, © Monika Rittershaus

Barenboim, Batiashvili und die Staatskapelle Berlin

Saint-Saëns mit Zartheit und vulkanischer Kraft

Die kommende Premiere von Camille Saint-Saëns‘ Oper 'Samson et Dalila' (1877) an der Lindenoper gab nun den Anlass für eine neuen Blick auf das symphonische Schaffen des Komponisten durch die Staatskapelle Berlin. Im Abonnementkonzert in der Berliner Philharmonie unter Daniel Barenboim standen das dritte Violinkonzert (1880) und die 'Orgelsymphonie' (1885) auf dem Programm – mithin zwei Werke aus der reifen Periode des auch international etablierten Künstlers. 'Samson' wurde bekanntlich in Weimar von Franz Liszt uraufgeführt, die Orgelsymphonie war ein Auftragswerk für London.

Lisa Batiashvili begann das dritte Violinkonzert mit breitem Strich, wie aus vulkanischen Tiefen heraustretend, um bald eine brillante Höhe zu erreichen, die sie mit genau abgezirkelten Figuren ausmaß. Ein sehr entspanntes 'Allegro non troppo' war es, das Barenboim hier anstimmte, dabei zart und intim. In kaum hörbarem Pianissimo hatten die Streicher der Solistin einen Teppich ausgelegt, um dann mit immer neuen Klangschattierungen ein reiches Repertoire an Ausdrucksgesten vorzuführen, die alle gleichermaßen konzis und leicht fasslich waren. Der erste Satz floss derart dahin wie eine lange Improvisation der Solistin zum zurückhaltenden Salonklang des Orchesters.

Zarte Momente

Nicht weniger kontemplativ kam das 'Andantino quasi allegretto' daher, bei dem sich aber eher Naturbilder einstellten: ein Idyll am Bach mit unberührten Oboenklängen. Träumerisch spielte sich Batiashvili durch ihren Solopart, wie ein Einsiedler auf Wanderschaft, dabei stets mit derselben Ruhe und sanften Kraft. Erst im Finalsatz ließ Barenboim auch rauhere Töne zu, die bald wieder hauchzarten E-Saitenklängen der Violinen wichen. Sehr klangschön, dicht und wendig zugleich, erwiderte ihnen der Posaunenchor. Vielleicht etwas phlegmatisch in der Grundanlage – ‚sluggish‘ könnte das passende Wort sein –, dabei aber voller schöner Farben und zarter Momente ging so das Konzert zu Ende.

Auch die folgende Orgelsymphonie, letztlich von deutlich anderem Kaliber, begann mit einem Pianissimo der Violinen. Doch dauerte es nicht lange, bis sich mit Urgewalt das erste Tutti – nach und nach wie im Wellengang Stimme um Stimme gewinnend – herausschälte. Auch hier zeigten die Streicher der Staatskapelle wieder eine Fülle von Klangcharakteren. Den nach wie vor dominierenden weichen und warmen Tönen traten bald gehetzte, ja hektische Figuren zur Seite, die sich nicht sogleich in jenen intimen Kosmos von Barenboims Interpretation integrieren ließen. Ein störendes, ja zerstörerisches Außen stand so einem absoluten Inneren gegenüber.

Den ersten Orgeleinsatz im 'Poco adagio' des ersten Satzes nutzten Dirigent und Orchester in der Folge zu einer Besinnung. Induziert durch die sakrale Symbolik des Instruments, klangen meditative Ruhe, ja Reue und Buße an, wie sie auch aus 'Samson et Dalila' als Klangcharaktere bekannt sind. Die folgende Aufbauphase gipfelte in der langgeschwungenen Wiederaufnahme des Hauptthemas durch die Fülle des Geigenklangs, dem bald die wunderbar ahnungsvollen Posaunen antworteten. In einem perfekten Akkord von Orgel und expressivem Streicherklang endete der erste Satz, der – ebenso wie der folgende Finalsatz – aus zwei Tempi zusammengesetzt ist.

Bedrohte Innenwelt

Das Finale der Symphonie zeichnete nochmals, nun in zugespitzter Weise, das Bild jener äußeren Bedrohung einer Innenwelt. Als Ziel der Werkdramaturgie erscheint so letztlich eine ausgeglichenere Energie- und Kraftentfaltung, die Beständigkeit und Tatkraft miteinander vereint und nicht zuletzt durch die neuerlich, nun machtvoll einsetzende Orgel oder auch den etwas flockiger gesetzten Klavierpart akzentuiert wird. Beide Tasteninstrumente sind ja große Gleichmacher, indem sie alle Stimmen eines Satzes in derselben Farbe präsentieren. Doch vor der finalen Vereinigung standen noch die widerstreitenden Klangcharaktere des 'Dies irae'-Zitats, das auch durch die Verbindung von Pizzicato und blockartig gesetzten Holzbläsern so unfehlbar an Hector Berlioz‘ 'Symphonie fantastique' (1830) erinnert. Der vordem so intime Streicherchor klang wenig später richtiggehend feindselig… Am Ende der Werkdramaturgie steht die Zusammenfügung aller Klangcharaktere – von Orchestertutti, Klavier und Orgel. An diesen Stellen drückt sich auch, wie immer, die Einheit in der Vielfalt aus, die hier nur durch kleinere Asynchronizitäten innerhalb der Blechbläserfamilie kurzzeitig getrübt wurde.

Kritik von Matthias Nikolaidis

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Abonnementkonzert II: Camille Saint-Saëns

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Camille Saint-Saens

Mitwirkende: Daniel Barenboim (Dirigent), Staatskapelle Berlin (Orchester), Lisa Batiashvili (Solist Instr.)

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