> > > > > 01.12.2019
Sonntag, 8. Dezember 2019

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SoRyang, Copyright: Schedl

SoRyang, © Schedl

SoRyang im Wiener Musikverein

Unter den Möglichkeiten

Mit einem Recital war die südkoreanische Pianistin SoRyang am gestrigen Sonntagnachmittag im Brahmssaal des Wiener Musikvereins zu hören. Einen schonungslosen Blick auf das tatsächliche Können des Spielers gibt diese Form des Konzertierens frei, allein sich selbst und dem Instrument, ohne die Möglichkeit, sich hinter Partnern oder einem Orchester zu verstecken, ist er hier ausgeliefert – in diesem Fall nicht unbedingt zum Vorteil der Interpretin.

Nervöser Einstieg

Am Beginn des Programms steht Bachs 'Italienisches Konzert' BWV 971. Bereits in dessen erstem Satz sind ein paar falsche Noten zu hören, der Einstieg ist erkennbar von Nervosität geprägt, an einem Punkt verliert SoRyang gar kurz gänzlich den Faden. Klangliche Nüchternheit muss bei Bach – man denke nur an Glenn Gould – kein negativer Aspekt sein, ihrem Spiel fehlen aber auch im 'Andante' schlicht die Dimensionen. Da hilft es auch nicht, dass die Stimmen grundsätzlich zwar hörbar sind, ein dynamisches Eigenleben entwickeln sie aber nicht. Nun wäre es sicherlich nicht gerecht, sie mit führenden Bach-Instanzen wie András Schiff, Piotr Anderszewski oder einst dem genannten Glenn Gould zu vergleichen, ein bisschen mehr als die relativ eckige Artikulation und das teils inkohärente Tempo im 'Presto' dürfte es aber schon sein. Lediglich stellenweise lässt sie ihr Können mit luftig-leichtgängiger Linienführung in der linken Hand aufblitzen. Das ändert sich leider auch bei Beethoven nicht maßgeblich, der Anfang seines schwergewichtigen Opus 111 gelingt ihr zwar klanglich dezidiert und mit voluminöser Überzeugungskraft, auch die Unisono-Skalen gehen ihr souverän von der Hand. Die kanonische Themenverarbeitung gerät in der Folge jedoch anschlagstechnisch zu brachial, auch hier entstehen im Verlauf des Kopfsatzes leichte Temposchwankungen.

Fehlender Tiefgang

In die Eingangstakte der 'Arietta' versenkt SoRyang sich mit sensibler Empfindung, die rhythmisch pointierten Zweiunddreißigstel-Arpeggien mit ihren Sforzato-Betonungen klingen aber zu trocken. Insgesamt fehlt hier das Ätherische, der tiefschürfend späte Beethoven-Gestus. Nur kurz klingen die Diskant-Glocken mit strahlend heller Färbung, der ‚längste Triller der Welt‘ bleibt leider eher blass. Nach der Pause gibt es im Brahms-Saal tatsächlich auch Brahms, sein es-Moll-Scherzo op. 4. Das Anfangsmotiv führt SoRyang ganz im Sinne der Vortragsbezeichnung ‚Rasch und feurig‘ statisch aufgeladen und mit dem einstigen Pep eines Wilhelm Kempff ein, das zweite Thema erscheint allerdings wiederum etwas spröde, die abrupten Akkord-Zäsuren klingen etwas hohl. In Liszts 'Vallée d‘Obermann' aus den 'Années de Pèlerinage' (Band 1) fehlt auf der einen Seite der oktavierten Melodielinie und der singenden Diskantstimme das lyrische Leuchten, die gewaltigen Oktavketten klingen zu angestrengt. Auf der anderen Seite stellt sie im Gegensatz zu Brahms hier die vollgriffigen Impulse wirkungsvoll in den Raum. Leider auch wenig überzeugend geraten die Zugaben – ein eher mechanisch gespieltes 'Ave Maria' und Chopins im Tempo teils holprige As-Dur-Polonaise op. 53 mit mehrfach falschen Noten. Immer wieder hört man punktuell heraus: SoRyang kann mehr (und man würde sich und ihr wünschen, dass sie es zeigt) – der gestrige war aber definitiv nicht ihr Tag.

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Kritik von Thomas Gehrig

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SoRyang: Recital 2019

Ort: Musikverein,

Werke von: Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms, Franz Liszt

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