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Sonntag, 8. Dezember 2019

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Seth Carico als Aschenbachs Gegenspieler, Copyright: Marcus Lieberenz

Seth Carico als Aschenbachs Gegenspieler, © Marcus Lieberenz

'Death in Venice' mit Ian Bostridge

Packendes Erlebnis

‚Muss das Streben nach Liebe, nach Schönheit ins Chaos führen?‘ Diese Frage, die die Figur des Gustav von Aschenbach in Benjamin Brittens Oper 'Death in Venice' beschäftigt, trieb den Komponisten zeitlebens um. In seiner letzten Oper war es diese Sinnfrage, die den todkranken Britten im Schaffensprozess vorantrieb, aber auch seine Liebe zu seinem Lebensgefährten, dem britischen Tenor Peter Pears, dem er ein letztes Geschenk machen wollte.

Autobiographische Parallelen

In der Figur des Gustav von Aschenbach in Thomas Manns 1911 entstandener Novelle 'Der Tod in Venedig' fand Britten viele Parallelen zu sich selbst. Ein Schriftsteller mit Schreibblockade flieht in den Süden, findet Inspiration beim Anblick eines Jünglings, huldigt dessen Schönheit, schwelgt in homoerotischer Spannung und gerät in Widerstreit mit dem disziplinierten Selbst, in den Konflikt zwischen dem dionysischen und dem apollinischen Geist. Selbstzerstörerisch führt er einen inneren Monolog über das Sein und die Kunst und gewährt Einblicke in Abgründe, die sich auftun, wenn Leidenschaft und Schuld aufeinanderprallen.

So entstand ein hochdramatisches Bühnenwerk mit einer Mammutpartie für Peter Pears in der Rolle des Gustav von Aschenbach, was dem Werk zeitweise den Ruf eines ‚Concerto for Tenor and Opera‘ einbrachte. Die zweiaktige Oper ist in 17 durchkomponierte Szenen untergliedert, jede für sich ein perspektivischer Blick auf die Empfindung des Künstlers, wechselnd zwischen Realität und Traum, Erzählung und Reflexion. Das Libretto stammt von Myfanwy Piper.

Wiederaufnahme nach 2017

1973 wurde 'Death in Venice' im Rahmen des Aldeburgh Festival in Snape bei Aldeburgh uraufgeführt, ein Jahr später gab es die deutsche Erstaufführung an der Oper Berlin, 2017 folgte an diesem Haus eine Neuinszenierung, jetzt eine Wiederaufnahme mit Ian Bostridge in der Rolle des Gustav von Aschenbach. Der englische Tenor zählt zu den bedeutendsten Liedsängern der Gegenwart. Seine Stärken liegen in der Wandlungsfähigkeit seiner Stimme, plastisch und hochdramatisch im Ausdruck, technisch mühelos in jeder Stimmlage, emotional aufgeladen, aber nie künstlich. Mit Britten beschäftigt sich der promovierte Historiker seit seinen Anfängen als Chorsänger. Sich einem Werk anzunähern bedeutet für ihn tiefes Eintauchen in die Gedanken- und Empfindungswelt des Schöpfers. Das leistete er in seiner Beschäftigung mit 'Death in Venice' gründlich und überzeugend.

Ian Bostridge als Gustav von Aschenbach auf der Bühne in der Deutschen Oper Berlin ist ein Hochgenuss beim Hören und in seiner Darstellung fesselnd in jedem Augenblick. Selbstreflexiv sinniert er, nur vom Flügel begleitet, über den Sinn der Kunst, mischt sich in den explosiven Orchesterklang zum Treiben auf der Bühne, durchlebt das Stadium der Vernunft wie der selbstaufgebenden Leidenschaft beim Anblick des Jünglings, durchschreitet traumatische Zustände und endet mit einem letzten Abgesang, einem Melodiebogen, den er so überirdisch-schön, schmerzvoll niedergehend im Nichts verklingen lässt.

Kunsträume

Die Inszenierung von Graham Vick lässt zu dieser Entfaltung allen Raum. Die Geschichte spielt nicht in München oder Venedig, sondern an einem Ort der Trauer. Rechts ein überdimensionaler Grabschmuck aus Tulpen, links ebenso übergroß das Porträt des Gustav von Aschenbachs aus Luigi Viscontis Verfilmung der Novelle. Anstelle eines Sargs steht ein Flügel. Stühle für die Trauernden und der Tisch sind jene Requisiten, die immer neu drapiert werden, aber überaus künstlich und kunstvoll, wie jedes der 17 Bilder, die Vick überaus artifiziell in Szene setzt, zusammengehalten in einem gelben Einheitsbühnenbild mit Türwänden, die sich in den Traumszenen wechselhaft öffnen, um kurzzeitig Licht in das Dunkel fluten zu lassen. Der Verfall im zweiten Akt wird signifikant durch den Verfall des Materials. Das Bild, ehedem schon ein Opfer eines Wasserschadens, hat sich aus dem Rahmen gelöst, auf der gelben Wand steht ‚Achtung‘ in schwarzen Lettern.

Die Oper lebt von zahlreichen Klein- und Kleinstrollen, die durchweg gut besetzt waren. Besonders hervorzuheben ist der Bariton Seth Carico, der als Todesbote in sieben wechselnden Charakteren stimmliche Flexibilität und Spielvergnügtheit bewies und begeisterte. Gastdirigent zur Wiederaufnahme ist Markus Stenz. So beredt wie die große Tenor-Partie ist der Klang des Orchesters, kammermusikalisch angelegt und mit viel exotischem Schlagwerk ausgebaut. Stenz garantierte nicht nur den optimalen Zusammenklang zwischen Bühne und Orchester, sondern verstärkte mit einer für diese Oper unerlässlichen schlanken Durchlässigkeit selbst in explosiven Passagen die dramatische Wirkung der Musik. So gelang ein packendes Opernerlebnis.

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Kritik von Christiane Franke

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Death in Venice: Benjamin Britten

Ort: Deutsche Oper,

Werke von: Benjamin Britten

Mitwirkende: Markus Stenz (Dirigent), Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester), Ian Bostridge (Solist Gesang)

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