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Dienstag, 19. November 2019

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The Bassarids, Copyright: Monika Rittershaus

The Bassarids, © Monika Rittershaus

'The Bassarids' an der Komischen Oper Berlin

Henze als Hauptstadt-Happening

Dem Musikdrama 'The Bassarids' 2019 in Berlin zu begegnen ist eine faszinierende und zutiefst verstörende Erfahrung. Hans Werner Henze komponierte das Werk im Auftrag der Salzburger Festspiele, wo es 1966 in Superstarbesetzung in Premiere ging, u. a. mit Ingeborg Hallstein. Die antike Tragödie von Euripides hatte der britische Poet W. H. Auden zusammen mit seinem Lebensgefährten Chester Kallman neu eingerichtet, als Geschichte von frei ausgelebter Lust und verborgener Leidenschaft, der Entsagung, Kontrolle und Keuschheit gegenübergestellt werden. Es fällt nicht besonders schwer sich vorzustellen, was die drei homosexuellen Männer Auden, Kallman und Henze an dem Stoff rund um den Gott Dionysus und den König von Theben, der in Frauenkleidern zu einer nächtlichen Sexparty geht, bei der er im wilden Rausch von den Bassariden zerfleischt wird, angezogen hat.

Man sollte aber bedenken, dass das Werk zu einer Zeit entstand, als in Deutschland der Paragraf 175 noch nicht entschärft worden war und Homosexualität in der von den Nazis eingeführten vollen Härte verfolgt wurde und zu absoluter gesellschaftlicher Ächtung führte. In England war die Situation bis 1967 ähnlich. Für Künstler bedeutete das, dass sie das Thema verstecken mussten, z. B. hinter sogenanntem ‚klassischen Drag‘. Denn in Form einer griechischen Tragödie konnte schließlich niemand etwas gegen die Vorgänge sagen (alternativ waren auch biblische Stoffe sehr beliebt). Und so haben Auden/Kallman ein Libretto fabriziert, das sich geradezu windet vor gekünstelten Formulierungen, um das, worum es wirklich geht, nicht zu sagen. Weil sie es nicht sagen durften.

Alte angepasste Säcke

Den Text aus heutiger Sicht zu hören, ist schockierend. Weil wirklich alles an diesem Drama maximal verklemmt ist. Und gleichzeitig ist es ein erigierter Mittelfinger ins Gesicht der Nachkriegsgesellschaft, die vor der 68er-Studentenrevolution in einer ‚bleiernen Zeit‘ verharrte und einem Konservativismus frönte, den die darauffolgende LGBTIQ-Generation zutiefst verabscheute. Diese nachrückenden Aktivisten sahen alle vorher als ‚alte angepasste Säcke‘ (wie es der Gründer des Schwulen Museum, Wolfgang Theis, kürzlich in einem Interview so schön formulierte). Mit denen wollte man nichts zu tun haben. Und so war es erst die übernächste Generation, die neuerliches Interesse an der Zeit und an den 'Bassariden' zeigte und sie der Vergessenheit wieder entriss.

Regisseur Barrie Kosky verzichtet in seiner Neuinszenierung auf jegliche zeitliche Einordnung. Er lässt das Stück – inklusive dem wieder eingefügten komischen Intermezzo – in einem zeitlosen Holzraum spielen, der die teils rituelle Handlung fast wie eine gut durchchoreographierte konzertante Aufführung wirken lässt. Diese Schlichtheit, mit Bühnenbild und Kostümen von Katrin Lee Tag, hat den Vorteil, dass sie jedem Besucher maximalen Raum lässt, sich selbst Gedanken zum Stück zu machen und frei zu assoziieren. Denn man kann in diesem szenischen Arrangement alles sehen – oder nichts. Der Chor (von David Cavelius einstudiert) ist in seiner rhythmischen Beweglichkeit überwältigend. Und das gilt auch für die Tanzgruppe von Otto Pichler, die dem Abend den Pulsschlag gibt und in der großen Orgienszene maximale abstrahierte Wirkung entfaltet.

Splatter-Ästhetik

Zwischen den Chorgruppen, Tanzgruppen und dem teils auf der Bühne platzierten Orchester bewegen sich die hervorragenden Solisten in gleichfalls schlichter, zeitlich nicht genau festzumachender Kostümierung. Und sie bekommen vom Regisseur viel Raum für ihre großen Szenen. Da ist Tanja Ariane Baumgartner als Agave, Mutter des Pentheus, die zum Schluss ihr eigenes Kind im Rausch umbringt, ohne es zu merken. Und dann wahnsinnig wird, als sie sieht, wessen Leichenteile sie in einer weißen Plastiktüte umherträgt. Auch das ist hier mit gewisser Splatter-Ästhetik abstrahiert und wirkt dadurch besonders intensiv. Ihr zur Seite Vera-Lotte Boecker als ihre Schwester Autonoe, ein bisschen im Hallstein-Look und mit gleißenden Sopranhöhen (denen nur der zwitschernde hochindividuelle Hallstein-Ton fehlte). Als Wachmann trumpfte Tom Erik Lie auf, Jens Larsen gab einen prägnanten Großvater Cadmus, Margarita Nekrasova eine charaktervolle Amme Beroe.

Aber die zentralen Rollen waren natürlich Dionysus und Pentheus. Günter Papendell nutze seine gewaltige Bassorgel, um dem verklemmten König Kontur zu verschaffen. Es gelang ihm, die Verkleidung als seine eigene Mutter (um unerkannt zum Fest des Dionysus zu gelangen) nicht zur Eurovision-Song-Contest-Parodie werden zu lassen, sondern tiefe Verunsicherung durchschimmern zu lassen: ein Suchen nach dem eigenen ‚Ich‘, das hier direkt in die Ausgrenzung und in den Tod führt. Diesen Tod führt Dionysus herbei, den Tenor Sean Panikkar singt. Ihm zuzuhören und zuzusehen ist ein Ereignis. Die Höhen sind berauschend, absolut sicher, elegant herausgeschleudert, überrumpelnd. Als einzige Person of Color auf der Bühne ist dieser Dionysus in mehrfacher Hinsicht ‚anders als die andern‘, das macht seinen Vernichtungsfeldzug gegen Pentheus und Theben (Heimat seiner Mutter Semele) auch zu einem gespenstischen Kommentar zu strukturellem Rassismus, über den ich lange nachdenken musste. Der Jubel für Panikkar am Ende war ohrenbetäubend.

Gaststar am Pult

Am Pult stand – quasi als Star-Gast – Vladimir Jurowski, der einen äußerst aufgeräumten Henze-Klang von größtmöglicher Klarheit präsentierte. Die Brutalität der Partitur setzte Jurowski brillant um, verfehlte aber für meinen Geschmack die zarteren, intimen Momente. Dafür war die große Jagdszene-auf-Pentheus mit großem Schlagwerk ein Highlight des Abends (auch dank der Otto-Pichler-Tänzer).

Audens Jugendfreund Christopher Isherwood veröffentlichte 1976 die Autobiographie 'Christopher and His Kind' und erzählte darin die wahre Geschichte seiner berühmten Berlin-Erlebnisse, aus denen das Musical 'Cabaret' wurde. Isherwood wurde damit, als alter Mann, zur Ikone der jungen Schwulenbewegung in den USA und weltweit. Auden wiederum verbat es sich bis zu seinem Tod, dass öffentlich über seine Homosexualität gesprochen oder geschrieben wurde. Er starb 1973 in Wien. Ich fragte mich in der Komischen Oper öfter, wie das wohl gewesen wäre, wenn Auden-Kallman-Henze ihre 'Bassariden' erst 1976 geschrieben hätten, nach dem Befreiungsschlag von Isherwood? Hätten sie dann das erzählt, worum es eigentlich in dem Stück geht, was aber unter einer gespreizten Kunstsprache versteckt wird?

Finsteres Jahrzehnt

Im Schwulen Museum Berlin läuft aktuell eine Ausstellung über den Film 'Anders als die andern' von Richard Oswald, der 1919 (!) erstmals im Kino das Thema Homosexualität behandelte und einen gigantischen Skandal in der jungen Weimarer Republik auslöste. Es ist fast erschütternd, diesen Film mit Conrad Veidt, Anita Berber und Reinhold Schünzel mit den 'Bassariden' zu vergleichen in Bezug auf Offenheit des Umgangs mit dem Thema Sexualität. Es macht deutlich, in welch finsterem Jahrzehnt die Henze-Oper komponiert wurde – und wie sehr wir diese Finsternis vergessen haben im Zuge der allgemeinen gesellschaftlichen Befreiung der letzten Jahre.

An all das mit dieser Neuproduktion zu erinnern und die vielen Bedeutungsebenen nahezu spielerisch für sich selbst sprechen zu lassen, ist das große Plus der Inszenierung. Das Ganze zudem so unkompliziert attraktiv aussehen zu lassen, so wirkungsvoll als Happening auf die Bühne zu bringen, kann man schon fast als genial bezeichnen. Und die Besetzung hat definitiv Hauptstadtformat – und hier sollte man Ivan Turšić als Tiresias nicht vergessen, der einen non-binären blinden Seher spielt. Eine zweigeschlechtliche Figur, von der die antike Sagenwelt vor über 2.000 Jahren zu berichten wusste, lange bevor ‚non-binär‘ zum Modewort des aktuellen Jahrzehnts wurde. Kein Wunder, dass die 'Siegessäule' als ‚Berlins queeres Stadtmagazin‘ diese Produktion präsentieren wollte. Sie zeigt, dass ‚queer‘ heute viel bedeuten kann. Sie zeigt auch, dass man die versteckten queeren Momente im Stück nicht zwanghaft bloßlegen muss, sondern dem Werk sein Geheimnis lassen kann. Denn dadurch erst entsteht seine ohrenbetäubende Binnenspannung.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Hans Werner Henze: The Bassarids (1966): Englische Fassung von Auden und Kallman

Ort: Komische Oper,

Werke von: Hans Werner Henze

Mitwirkende: Vladimir Jurowski (Dirigent), Barrie Kosky (Inszenierung), Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester), Günter Papendell (Solist Gesang), Tanja Ariane Baumgartner (Solist Gesang)

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