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Dienstag, 19. November 2019

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Ksenia Dudnikova (Prinzessin Eboli) und Olga Busuioc (Elisabeth von Valois), Copyright: Matthias Baus

Ksenia Dudnikova (Prinzessin Eboli) und Olga Busuioc (Elisabeth von Valois), © Matthias Baus

'Don Carlos'-Premiere in Stuttgart

Gedankenfreiheit

Das Postulat nach Gedankenfreiheit ist das wohl bekannteste Zitat aus Schillers literarischer Vorlage für Verdis 'Don Carlos'. Dessen Premiere war am Sonntagabend im Stuttgarter Staatstheater zu sehen, verantwortlich für die dortige Neuproduktion zeichnet die niederländische Regisseurin Lotte de Beer. Sie setzt dabei auf düstere, buchstäblich nebulöse Bilder, die im Grundton die trostlosen Seelenzustände der Protagonisten auf den beklemmenden Punkt bringt. Interessant ist dabei in jedem Fall schon mal der formale Ansatz. Für die französische Fassung in fünf Akten entscheidet sich das Konzept, angereichert um eine besondere Rarität: Der erste Akt wird um eine Szene ergänzt, die seinerzeit im Interesse der Besucher wegen der fahrplanmäßig ungünstigen Zuganbindung (jawohl, richtig gelesen!) der Pariser Vororte gestrichen worden war.

Formal experimentell

Ansonsten greift diese Produktion auf die revidierte Fassung von 1886 zurück. Musikalisch wird ebenfalls experimentiert, die originale Ballettmusik wird in Anspielung auf die regimekritische russische Band Pussy Riot um Gerhard E. Winklers 2015 entstandene 'Pussy-(r)-Polka' ergänzt. Gedankenfreiheit im Sinne der Überschrift nimmt sich dieses Regiekonzept also durchaus und kreiert sozusagen eine weitere zusätzliche Version. Besagter musikalischer Kunstgriff geht allerdings gründlich daneben. Wer den geschilderten Hintergrund nicht kennt, kann mit diesem stilistisch irritierenden, so gar nicht zur dargestellten Atmosphäre passenden Fremdkörper als wirrem Versatzstück rein gar nichts anfangen.

Minimalistisch geht de Beer in puncto Bühnenausstattung zu Werke, mal ein Treppenabsatz, hier ein Bett, dort ein Tisch – das sind die Accessoires, mit denen sie die Szenerie auskleidet. Im Vordergrund ein massiver, drehbarer und zum Zuschauerraum hin spitz zulaufender schwarzer Block, der möglicherweise so etwas wie die bedrohlich über dem Stück lastende Schwere symbolisieren soll, de facto aber lediglich als funktionales Utensil für den Bühnenumbau denn als sinnfälliges Gebilde wahrgenommen wird. Solch karge Ausstaffierung kann man immer wohlwollend als die Intention auslegen, den Fokus voll und ganz auf die Darsteller und deren Interaktion zu richten. Das gelingt de Beer tatsächlich teilweise, es entstehen einige intensive Dialoge, ja psychologisch geschärfte Porträts. Damit allein ist es aber nun mal nicht getan – über die gesamte Distanz wirkt die abstrakte Leere doch relativ statisch, aufgelockert nur gelegentlich durch die ‚Massenszenen‘. Die allzu plakativ in den Vordergrund gerückte Schwarz-Weiß-Symbolik ist ein zu alter, trivialer Hut. Von der Personenführung her ist jedenfalls das Porträt des Infanten missglückt, er agiert eher unbeholfen in der Luft hängend statt als ernstzunehmender Charakter.

Rollendebüts

Neben de Beers Regie-Debüt an der Stuttgarter Staatsoper gibt es an diesem Abend jede Menge Rollendebüts, die für gleich mehrere echte Highlights sorgen. An vorderster Front zu nennen: Olga Busuioc als Elisabeth, die mit leuchtenden Höhen und versiertem Schauspiel alles überstrahlt, exemplarisch in der ganzen Verlorenheit ihres eindringlichen Monologs. Kaum minder charismatisch und tonsicher: Ksenia Dudnikova als Eboli. Hervorragend gelingt auch Björn Bürgers Einstand als Marquis, der mit Beweglichkeit in allen Registern glänzt. Falk Struckmann gibt einen Mönch, der nicht nur ein stimmgewaltiges, sondern auch darstellerisch meisterhaftes Bild einer mit lässiger Überlegenheit über den weltlichen Dingen stehenden Instanz zeichnet. Auch Goran Jurić überzeugt als König mit resolut-kernigem Volumen.

Für die oben genannte unglückliche Personenführung seiner Partie kann Massimo Giordano in der Titelrolle nichts, auch gesanglich bleibt er allerdings hinter den Kollegen zurück, ihm fehlt stellenweise die tenoral tragende Stabilität. Mit der französischen Sprache kommen alle Darsteller gut zurecht. Was für eine Bereicherung Cornelius Meister als GMD ist, hat er schon oft genug bewiesen. Insofern besonders schade, dass die Koordination von Orchester und (gewohnt glänzend disponiertem) Chor bzw. Sängern an diesem Abend zu oft nicht ganz stimmt. Daran, dass Meister dennoch etliche ungemein intensiv zugespitzte orchestrale Momente erzeugt und eine klangfarblich filigrane Verdi-Lesart pflegt, ändert das freilich nichts. Davon, dass derlei Ungenauigkeiten bei der Premiere ein Einzelfall bleiben, darf man, wenn man Meisters eigenen hohen Anspruch und seine dirigentische Klasse kennt, ausgehen.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Don Carlos: Premiere

Ort: Staatstheater,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Cornelius Meister (Dirigent), Staatsorchester Stuttgart (Orchester)

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