> > > > > 30.03.2006
Sonntag, 29. Mai 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

Violeta Urmanas fulminantes Norma-Debüt

Belcanto in Dresden

Lange Zeit ist das italienische Repertoire an Dresdens Semperoper sträflich vernachlässigt worden, der italienische Belcanto allzumal. Doch seit einigen Jahren gibt es endlich wieder regelmäßig Inszenierungen, die die großen Verdi- und Puccini-Lücken des Spielplans füllen und ein Reihe mit konzertanten Aufführungen mit Werken Donizettis oder Bellinis aus der Hochzeit des italienischen Belcanto. Dieses Jahr Vincenzo Bellinis ‚Norma’. Jenes Stück, dass sich im Deutschland der Nachkriegszeit – zumeist unter der fadenscheinigen Begründung: nach der Callas sei das nicht mehr möglich – kaum durchsetzen konnte, während in anderen Ländern Sängerinnen wie die Caballé, die Cerquetti, die Sutherland, die Scotto, die Devia usw. beständig das Gegenteil demonstrierten. Das Stück, als Primadonnen-Stück, erlebte erst vor kurzer Zeit neue Popularität in deutschsprachigen Landen, als Edita Gruberova, mit durchaus diskussionswürdigem Ergebnis, die Partie in München, Baden-Baden, Wien und andernorts, sich und ihren Fans schenkte.

Priesterin des Belcanto

Die Dresdner Semperoper kann nun, in ihrer inzwischen jede Spielzeit stattfindenden und so wichtigen Reihe mit konzertanten Aufführungen, mit einen Rollendebüt der Extraklasse aufwarten: Violeta Urmana, die gerade dabei ist, ihren Fachwechsel vom Mezzosopran zum Sopran – trotz aller Skepsis - erfolgreich zu vollziehen, war die so gar nicht primmadonnenhafte, heftig umjubelte Priesterin des Belcanto, inmitten eines grandiosen, ebenbürtigen Ensembles. Am Ende gab es für sie und alle Beteiligten vom Publikum Jubel und standing ovations, wie es das Haus länger nicht erlebt hatte.

Die Urmana ist eine selbstbewusste Norma, sie stattet die Partie mit einer klaren, festen Tongebung aus, die ihr Fundament natürlich im erdigen Brustregister des Mezzosoprans hat. Doch ihre exzellente Technik erlaubt es ihr, darauf aufbauend, die ‚unendlichen Melodiebögen’ Bellinis zu entwickeln, mit dunklen Färbungen zu versehen, mit leichten Schattierungen zu spielen und mit immer präziser werdenden Läufen über die gesamte Tessitura hin gestalterische Momente zu setzen. Die Urmana ist dabei nie Diva, die ein artifiziell wirkendes Vokalfeuerwerk abbrennt, sondern stets die dramatisch denkende und agierende Künstlerin, die im Dienste der Musik und der Rolle ihre enorme Wirkung entfaltet.
Schon das Auftrittsrezitativ (‚Sediziose voci’) wird zur eindringlichen, dramatisch aufgeladen Szene, die eben mehr ist, als nur die Hinleitung zum bekannten ‚Casta diva’. Jenes gelingt ihr mit unaufgeregt-ruhiger Stimmentfaltung, feinen dynamischen Abstufungen und mit wunderbar variablen Stimmcouleurs. Ohne große Freiheiten entsteht hier ein der Szene angemessener Ruhepol, der in der anschließenden Cabaletta (‚Ah! Bello a me ritorna’), die so vielen Interpretinnen Probleme bereitet, eine ebenso aus der Dramaturgie erwachsende Steigerung in den sicheren Läufen erfährt.

Es ist gerade dieses Nicht-in-den-Vordergrund-Drängen, mit dem die Urmana großen Effekt macht. Sie hat erkannt, dass diese Fabel-Partie ohnehin stark genug ist und nicht noch primadonnenhaften Nachdrucks bedarf, um zu wirken. Welche Intensität sie in der Gestaltung einer klassischen Tragödin zu entwickeln vermag, zeigt beispielhaft die große Szene zu Beginn des zweiten Teils (’Dormono entrambi’), deren schleichende Wechsel zwischen recitativi accompagnati und kleinen ariosen Passagen sie mit klarer Artikulation und differenzierten mezza voce Passagen zu großem wirkungsästhetischem Effekt führt, ohne dabei die simplicità des Ausdrucks aufzugeben. Bis hin zu den schwebenden Piani und sicheren Höhen der Schlussszene, mit abermals farbig gestaltetem passagio, demonstriert sie, dass Belcanto eben nicht das Denken in einzelnen Tonwerten ist, sondern ein größere Phrasen umspannender, architektonisch bewusst gesteigerter und zurückgenommener Zusammenhang. Nicht die Zwitschermaschine, sondern die einfühlsam agierende und – ganz im klassischen Sinne – mit ‚edler Größe’ und dem Mut zur ‚stillen Einfalt’ singende und interpretierende Künstlerin, erweist sich als große, die wahre Tragödin des Vokalen.

Individuelle Sängerpersönlichkeiten

Um neben einem so eindrucksvollen Rollendebüt bestehen zu können, bedarf es Sängerpersönlichkeiten von individuellem vokalem Format. Mit Carmen Oprisanu als Adalgisa in Hochform fand die Urman eine Mitstreiterin, die sich mit ihr in den Duetten gegenseitig beflügeln konnte und ebenso kultiviert zu singen vermag. Die Oprisanu - wesentlich souveräner und stimmgewaltiger als noch vor einem Jahr in Berlin - versteht Bellinigesang ebenfalls als ein aus der dramatischen Situation heraus entstehendes Kunstwerk. Mit scheinbar müheloser Gesangstechnik entlockt sie ihrem schlanken Körper ein überraschendes und beeindruckendes Stimmvolumen, das sie fein differenziert einzusetzen weiß. Auch sie versteht sich auf die Farbschattierungen, die die weiten Gesangsbögen erst zur wahren Wirkung bringen. Obertonreich, jedoch ohne störendes Vibrato, sind ihre klug gesteigerten Passagen. Die zentralen Duette mit der Urmana sind präzise in den Stretta-Teilen, sowohl in den sich umschlingenden Gesangslinien der Stimmen, als auch in den effektvollen Parallelführungen (vor allem im ‚Mira, o Norma’). Wie die Urmana, ist auch sie sich des wohl dosierten Einsatzes stilistischer Mittel, wie der Verwendung von legato und staccato, bewusst und setzt dabei treffliche vokale Akzente. Dass sie Registersprünge ein-, zweimal etwas zu zögerlich angeht, fällt dabei kaum ins Gewicht.

Mit Zoran Todorovich als Einspringer gesellt sich zu den beiden Damen ein kraftvoller Tenor, der nichts mehr von den Unsicherheiten und der problematischen Intonation hat, die sein Pollione noch in der Rundfunkübertragung der Münchner ‚Norma’ vom Januar diesen Jahres zeigte. Mit sicherer, strahlender Höhe gewinnt er das Publikum schon im heiklen ‚Meco all’altare di Venere’ für sich, das ihm – entgegen vieler seiner Kollegen – keinerlei rhythmische Probleme bereitet und das er mit einer bravourösen Cabaletta (‚Me protegge’) beendet. Todorovichs Stärke ist die kraftvolle Steigerung ebenso, wie das fast überraschende zart angesetzte, tragfähige Piano (etwa im Duett mit Adalgisa ‚Vieni in Roma, ah!’). Ihm gelingt an diesem Abend das Kunststück, diese anspruchsvolle, aber undankbare Partie auf gleiche Augenhöhe mit den beiden Frauenpartien zu bringen. Die effektvollen Ensembleszenen erreichen so eine theatralische und musikalische Konsequenz, die nicht oft zu erleben ist.

Aus dem Ensemble der Semperoper kommt der aus Kamerun stammende Jacques-Greg Belobo, der sich mit dem Oroveso eine seiner bislang überzeugendsten Rollen erarbeitet hat. Mit den sich weit entfaltenden Phrasen seiner Partie öffnet sich seine Stimme im melodischen Fluss und gewinnt eine Tragfähigkeit, die ihm in anderen Partien (zuletzt im Figaro) fehlte. Das Bassregister gewinnt gerade in den lyrischeren Abschnitten an Fülle und Farbe und darauf fundiert gelingen ihm auch die Höhenflüge seiner beiden größeren ariosen Abschnitte überzeugend. Auf der Suche nach einem Fach, scheint sich hier der richtige Weg für ihn anzudeuten. Martin Homrich als Flavio und Andrea Ihle als Clotilde ergänzen mit ihren Stichwortgeber-Rollen das Sangessextett. Der Chor der Sächsischen Staatsoper feierte große Momente der Klangfülle und der Präzision, mit sich wunderbar lösenden hohen Stimmen und einer fulminanten Attacke im ‚Guerra’-Chor.

Ein großer Abend auch im Orchester

Dieses Fest des Belcanto wäre nur halb so effektiv, hätte es nicht in der wieder einmal blendend aufspielenden Sächsischen Staatskapelle einen ebenbürtigen Kontrapunkt. Denn Massimo Zanetti am Pult des Orchesters versteht Bellinis Partitur nicht als rein melodiebetonte Anhäufung von Gesangsnummern mit wenig abwechslungsreichen Begleitfiguren, sondern ihm gelingt es, das Orchester als dramatisch agierenden Protagonisten einzubeziehen. Wo andere Maestri einfallslose Akkordauflösungen in der Arienbegleitung spielen lassen, entfaltet er mit der Staatskapelle ein enormes Spektrum der Differenzierungs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Bellinis scheinbar so simple Begleitfiguren erweisen sich auf einmal als genaue emotionale Spiegelungen der Charaktere. Der Klang der Kapelle ist dabei - ohne auf Streichervibrato zu verzichten – trocken gehalten und von großer rhythmischer Präzision geprägt. Den marschartigen, oft martialischen Themen, die die Partitur durchziehen, gewinnt Zanetti nahezu tänzerische Qualitäten ab, wie etwa im ersten Teil des Terzetts am Ende des ersten Teils oder zuvor beim Aufzug der Druiden im heiligen Hain. Das verleiht der Musik einen Bewegung und Flexibilität, die die formal strenger geformten Teile um so kontrastreicher zur Wirkung bringt.

Schon das Vorspiel beginnt rasant, mit rekordverdächtigem Tempo (kleinere Koordinationsprobleme sind dabei schnell überwunden) und etabliert ein dynamisches Spektrum, das im Folgenden in differenzierter Ausgestaltung immer wieder kehren wird. Besondere Aufmerksamkeit erhalten die Bläsersätze und die markanten, mit dunklem Vollklang gesetzten Pizzicati. Die Themenexposition der Nummern-Vorspiele gibt Gelegenheit für akzentuierte solistische Klangentfaltung; der Übergang zwischen rezitativischer und arioser Begleitung gerät dramaturgisch schlüssig und es entsteht auch im Orchester eine musikalische Tragödie mit sorgfältig entwickeltem Spannungsbogen. Die kontinuierliche Zusammenarbeit des Orchesters mit Zanetti trägt ihre Früchte in diesem gegenseitigen Verständnis von Dresdner Spiel- und Klangtradition einerseits und stilistischen Akzenten einer in Dresden nicht von selbst beheimateten italinità andererseits. – Ein großer Abend, in allen Belangen.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Bellini: Norma: (konzertante Aufführung)

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Vincenzo Bellini

Mitwirkende: Sächsischer Staatsopernchor Dresden (Chor), Massimo Zanetti (Dirigent), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Violeta Urmana (Solist Gesang), Jacques-Greg Belobo (Solist Gesang), Martin Homrich (Solist Gesang), Andrea Ihle (Solist Gesang), Zoran Todorovich (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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