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Sonntag, 17. November 2019

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Kristina Hammarström (Caino) und Olivia Vermeulen (Abele), Copyright: Monika Rittershaus

Kristina Hammarström (Caino) und Olivia Vermeulen (Abele), © Monika Rittershaus

'Il primo omicidio' an der Berliner Staatsoper

Biblische Kinderspiele

In den 1990er Jahren waren die Barocktage in der Berliner Staatsoper Unter den Linden ein Schmuckstück im Spielplan. Nach einer mehrjährigen Unterbrechung hat sie der neue Intendant Matthias Schulz letzte Saison reanimiert und in der zweiten Ausgabe die zentrale Premiere René Jacobs anvertraut, der wie kein anderer die damalige Alte-Musik-Schiene des Hauses geprägt hat. Diesmal hat der Dirigent das 1607 in Venedig uraufgeführte geistliche Musikdrama 'Il primo omicidio' von Alessandro Scarlatti mitgebracht, als Koproduktion mit der Pariser Oper und dem Teatro Massimo Palermo. Es behandelt die biblische Episode von Kain und Abel, allerdings mit einem nach dem Brudermord unvermittelt freudigen Ende. Adam und Eva nämlich bitten im Finalduett Gott um weitere Nachkommen. Das Oratorium wurde schon 2015, im Rahmen der Potsdamer Winteroper in der Friedenskirche Sanssouci, auf seine Bühnentauglichkeit überprüft. Damals inszenierte es Regisseurin Andrea Moses als kurzweiliges, ironisch gebrochenes und psychologisch ausgefeiltes Familiendrama.

Die Sichtweise von Romeo Castellucci, dem derzeit hochgehandelten Regie- und Ausstattungsstar, der mit 'Il primo omicidio' in Berlin sein Musiktheaterdebüt gibt, ist eine gänzlich andere. Sie beschränkt sich im ersten Teil auf minimalistische Aktionen, die einhergehen mit hochgradig stilisierten Gesten und Gebärden der in Alltagskleidung auftretenden Personen, einschließlich Gott und Luzifer persönlich, beide im Anzug, der Teufel mit rotem Strumpf. Durch suggestive, farblich wechselnde Beleuchtung mit eingeblendeten Formen, Zeichen und Schemen hinter einer durchlässigen Leinwand wird eine magische Atmosphäre erzeugt. Dazu verweist ein kopfüber hängendes Gemälde auf den barocken Zeitbezug.

Filigrane Partitur

Konkreter wird es im zweiten Teil. In einer unwirtlichen Feldlandschaft schlüpfen Kinder in die Rollen der Erwachsenen und spielen den Mord und seine Folgen nach. Gleichzeitig imitieren sie mit synchronen Mundbewegungen die Arien, die die Solistinnen und Solisten real im Orchestergraben absolvieren. Am Ende wird der Bühnenboden samt Kindern von einer Plastikfolie abgedeckt. Ein Verweis auf Vergänglichkeit? Romeo Castelluccis Inszenierung lässt Raum für Assoziationen und die Konzentration auf Scarlattis filigrane, selten auftrumpfende Partitur. René Jacobs leitet mit der ihm eigenen Hingabe das gastierende B’rock Orchestra aus dem belgischen Gent. Es spielt feinsinnig und sanft fließend, begleitet sorgsam und setzt beim Einsatz von Donnermaschine und den von Jacobs eingefügten Blasinstrumenten pointierte Akzente.

Das in Alter Musik erprobte Gesangssextett weiß um historischen Stil und dessen Verzierungskunst. Brigitte Christensen und Thomas Walker als Eva und Adam, Kristina Hammarström und Olivia Vermeulen als Kain und Abel sowie Benno Schachtner und Arttu Kataja als personalisierter Gott und Luzifer: Sie erfüllen die stimmlichen Anforderungen auf ebenbürtigem Niveau. Wobei der innig strömende Mezzosopran von Olivia Vermeulen und der schmiegsame Countertenor von Benno Schachtner hinsichtlich vokaler Schönheit besonders auffallen. Viel Beifall nach der besuchten zweiten Aufführung, die, ungewohnt für die Barockproduktionen der Staatsoper, nicht ausverkauft ist.

Kritik von Karin Coper

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Il primo omicidio: Oratorium in zwei Teilen

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Alessandro Scarlatti

Mitwirkende: René Jacobs (Dirigent)

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