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Dienstag, 19. November 2019

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Szenenfoto, Copyright: Staatsoper Wien

Szenenfoto, © Staatsoper Wien

Premiere von 'Jewels' in Wien

Tänzerische Exzellenz

Die erste Ballett-Premiere der laufenden Saison war am gestrigen Abend im Haus am Ring zu erleben. Auf dem Programm stand mit George Balanchines 'Jewels' ein Werk, an das sich das Wiener Staatsballett zuvor sozusagen Schritt für Schritt angenähert hatte: Waren zunächst im Jahr 2000 der mittlere Teil unter der Überschrift von Strawinskys Musik 'Capriccio' im Rahmen eines Gastspiels der Pariser Oper bzw. unter Balanchines offiziellem Titel 'Rubies' vom eigenen Ensemble (2010) sowie mit einigem zeitlichen Abstand der Pas de deux aus der dritten Episode ('Diamonds') 2018 aufgeführt worden, steht nun das komplette Stück auf dem Spielplan.

Dreifache Ebene

Die Handlung ist schnell erzählt: Es gibt faktisch keine. Vielmehr ist Balanchines 1967 kreiertes Werk 'Jewels' das erste abendfüllende abstrakte Ballett überhaupt. Der Fokus liegt dementsprechend ganz auf der Verschmelzung und wechselseitigen Wirkung von Musik und Bewegung, die hier gleich mehrfach auf dreifacher Ebene stattfindet: Drei aufeinander folgende Teile, je drei unterschiedliche tänzerische und musikalische Stilrichtungen, drei Farben, drei Länder. In sattes Grün getaucht ist die Episode 'Emeralds', die musikalisch auf Ausschnitten aus Gabriel Faurés 'Pelléas et Mélisande' bzw. der Suite 'Shylock' basiert und in der der klassisch-französische Stil ganz im Zeichen romantischer Ästhetik im Mittelpunkt steht. Natascha Mair ragt hier mit anmutigen Schrittfolgen sowie exzellent ausgeführten Ports de bras und Epaulements heraus, sie bietet Spitzentanz vom Allerfeinsten mit immenser Bühnenpräsenz und Ausstrahlung. An ihrer Seite in den beiden Pas de deux: Robert Gabdullin mit souveräner Körperbeherrschung und kunstvoll ausgeführten Hebungen. Auf hohem Niveau gelingt auch der Pas de trois (Ioanna Avraam, Alice Firenze und Dumitru Taran), dazwischen überzeugen Madison Young und Roman Lazik als zweites Paar.

Rasante Broadway-Attitüde

Igor Strawinskys 'Capriccio for piano and orchestra' stand musikalisch Pate für den zweiten Abschnitt 'Rubies'. Wiewohl sich Balanchine selbst gegen ausdrückliche inhaltliche Deutungen stets verwahrte, ist dieser Teil nach überwiegender Interpretation eine Liebeserklärung an seine eigene künstlerische Heimat Amerika, genauer gesagt das pulsierende Leben New Yorks. Tiefrote Farbtöne prägen hier das Bühnenbild, präsentiert wird eine sinnlich-rasante Atmosphäre mit wirbelnden Formationsbewegungen und broadwayhafter Attitüde. Nikisha Fogo und Davide Dato transportieren als akkurat harmonierendes Solistenpaar die temporeiche Dynamik, gepaart mit einer spielfreudigen Portion frechem Humor. Eine kleine Unsicherheit Fogos zu Beginn fällt da nicht weiter ins Gewicht.

Blau ist im dritten Teil die Farbe der Hommage an das zaristische Russland zu Klängen aus Tschaikowskys Symphonie Nr. 3 D-Dur op. 29 (mit Ausnahme des ersten Satzes). Darin vorherrschend sind fein abgezirkelte Symmetrien und geometrische Formen, die vom Corps de Ballet – das durchgehend in den Ensembleszenen überzeugt – mit hoher Präzision umgesetzt werden. Olga Esina und Jakob Feyferlik bezaubern durch subtile Grazie, Feyferlik tanzt ein begeisterndes, landungssicheres Solo. Auf einen Nenner gebracht: Das Wiener Staatsballett rückt mit seiner tänzerischen Exzellenz alle technisch anspruchsvollen Facetten und Ausdrucksmittel dieses Stücks in ein funkelndes Licht und verleiht den getanzten Edelsteinen ihren vollendet veredelten Schliff. Nicht immer holt Paul Connelly am Pult des Staatsopernorchesters alles aus den Partituren heraus – bei Strawinsky wäre mehr Raum für das herausfordernd Derbe, bei Tschaikowsky lässt er stellenweise die große spätromantische Geste vermissen. Dafür ist aber die präzise Intonation, etwa in der Fugato-Passage bei Tschaikowsky hervorzuheben.

Ursprünglich, so heißt es, habe Balanchine noch einen vierten Teil mit dem Titel 'Saphires' zu Musik von Arnold Schönberg geplant. Weshalb es zu dessen Realisierung nicht kam, ist bis heute unklar. Fest steht aber: Am Ende des verhältnismäßig kurzen Stücks würde man sich von Herzen eine zusätzliche Episode wünschen. Die 'Jewels'-Premiere fällt in die letzte Phase der Amtszeit von Ballettdirektor Manuel Legris. Viele vermissen ihn jetzt schon – die Juwelen dieser Produktion werden hoffentlich noch lange auf dem Spielplan glänzen!

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Kritik von Thomas Gehrig

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Jewels (Premiere): Ballett von George Balanchine

Ort: Staatsoper,

Werke von: Igor Strawinsky, Peter Tschaikowsky, Gabriel Fauré

Mitwirkende: George Balanchine (Choreographie), Paul Connelly (Dirigent), Orchester der Wiener Staatsoper (Orchester)

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