> > > > > 01.03.2006
Sonntag, 29. Mai 2022

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Semperoper Dresden, Copyright: Tilman2007

Semperoper Dresden, © Tilman2007

‚Friedenstag’ wieder an der Semperoper

Strauss’ missverstandener Einakter

Etwa ein Jahr vor Kriegsbeginn, am 24. Juli 1938, wurde Richard Strauss’ Einakter ‚Friedenstag’ in München uraufgeführt. Stefan Zweig war, wie schon bei der ‚Schweigsamen Frau’, die 1935 vorausgegangen war, einer der geistigen Väter des Werkes. Als Jude musste er jedoch offiziell in den Hintergrund treten und Josef Gregor übernahm die Ausarbeitung des Librettos. Zweigs Anliegen war es gewesen eine Oper über die ‘Idee des Völkerfriedens’ zu schreiben, wie er in einem Brief mitteilte, und damit eine humanistische Diskussion in der von brauner Naziluft gesäuerten Atmosphäre um Krieg und Frieden einzuleiten.

Frieden ist möglich

Doch Strauss’ ‚Friedenstag’ wurde eines seiner am meisten missverstandenen Werke. Das in einer belagerten Zitadelle in den letzten Tagen des Dreißigjährigen Kriegs angesiedelte Drama wurde von der NS-Propaganda schnell als heroisch gefeiert, der militärische Charakter wurde betont, die Monumentalität und das ‚Arische’ der Oper, die ein Sujet aus der deutschen Geschichte zur Vorlage nutzte, gelobt. In der Tat erinnert die Ausgangssituation und der eiserne Durchhalte- und dann Selbstopferungswille des Kommandanten der Festung an die späteren Durchhalteparolen der Nazi, wie sie sich etwa in Veit Harlans Propagandafilm ‚Kolberg’ (1945) wiederfinden werden. Tatsächlich aber gibt es in Zweigs-Gregors-Strauss’ Oper einen Appell an das Vertrauen in die Zeichen des Friedens und an den Glauben den Krieg verhindern zu können. Personifiziert in der lyrischen Gegenfigur zum Kommandanten, seiner Frau Maria, die den Gedanken der Liebe zur Friedensbotschaft werden lässt und die Katastrophe verhindert. Was folgt ist ein großes, jubelnden Chorfinale, das sein Vorbild in demjenigen von Beethovens ‚Fidelio’ hat.

Peter Konwitschny hat das 1995 in einer damals vielbeachteten Inszenierung auf die Bühne der Dresdner Semperoper gebracht, nachdem das Werk zuvor fast vergessen war. Ihm gelang es den Ideologieverdacht, dem das Werk in der Nachkriegszeit unterworfen war (und ist), erneut zur Diskussion zu stellen. ‘Es geht um die ungeheuerliche Behauptung, dass Frieden überhaupt möglich ist’, so Konwitschnys These. Und das zeigte er in einer seiner stärksten Inszenierungen. In der Ausstattung von Johannes Leiacker inszenierte er das 80-minütige Werk in historischen Kostümen und einem naturalistischen Bühnenbild: bühnenhoch ist eine Mauer aus Steinquadern zu sehen, quasi die Außenwand der Zitadelle. Darin auf engem Raum das Treiben der Belagerten. Dann, mit dem Einsetzen der Friedenszeichen (‘Kanonenschuss, Glockenläuten, bekränzte Geschütze, der Feind mit weißen Fahnen’, wie es in der Inhaltsangabe der Semperoper heißt), wird die Mauer nach und nach abgetragen – die historische und optische Nähe zu 1989 ist evident. Konwitschny zeigt das Aufeinanderzugehen der verschiedenen Seiten und feiert die Apotheose des ‚Wagens’ im unerschütterlichen C-Dur des hymnischen Finales.

Auch 2006 verfehlt diese so klug aus der historischen Situation in die Allgemeingültigkeit gesteigerte Inszenierung ihren Effekt bei der Wiederaufnahme nicht. Dazu trägt auch die musikalische Seite der Aufführung bei. Am Pult steht nun Hans-E. Zimmer, der regelmäßig am Pult des Haus zu erleben ist. Er beginnt mit solider Sicherheit und steigert sich rasch zu aufbrausenden Gesten, sorgt für überwältigende Klangbalance des großen Orchesterapparates, findet ruhige Momente in einzelnen Episoden und dirigiert dann ein packendes, weitegespanntes Chorfinale. Chor und Orchester des Hauses sind dabei - nur wenige Tage nach der gelungenen ‚Euryanthe’-Premiere - bestens disponiert und zeigen einmal mehr ihre Klasse in Fragen der Stilistik.

Begeistertes Publikum

Die zwei zentralen Hauptpartien sind mit Hans-Joachim Ketelsen (Kommandant) und Eva Johansson (Maria) hervorragend besetzt. Ketelsen kann, wie zuletzt vor wenigen Monaten in Strauss’ ‚Die Liebe der Danae’, mit seinem kraftvollen Bariton weite Bögen gestalten, sich zu heldenbaritonaler Höhe aufschwingen und interpretatorische Akzente setzen. Er ist in den kleinteiligen Szenen des ersten Drittels unbedingter Mittelpunkt der Aufführung und kann sich im zentralen Duett mit Eva Johansson geradezu ekstatisch mit der Sopranistin steigern. Eva Johansson beginnt bei ihrem Rollendebüt in Dresden ihre groß angelegte Auftrittsszene zunächst etwas verhalten, steigert sich aber zu bezwingender Intensität und sicher gesetzten, strahlenden Spitzentöne, von denen die Partie (gerade im Finale) einige zu bieten hat. Leider bleibt sie in ihren Vokalreihungen völlig Textunverständlich, so dass die gesamte Interpretation trotz des dramatischen Impetus’ in ihrer Wirkung etwas flach bleibt.

Darum in vielen kleineren, aber anspruchsvollen Rollen das Ensemble der Dresdner Semperoper mit unterschiedlichen Leistungen, die aber alle ein gewisses Grundniveau nicht unterschreiten. Nur Douglas Nasrawi zeigt sich mit seinem gequetschten Tenor einmal mehr technisch unzulänglich und den Gesamteindruck störend. Positiv bleibt hingegen Sabine Brohm (als Frau aus dem Volke) mit ihrem dramatischen Ausbruch in Erinnerung, aber auch Markus Marquardts kraftvoller Wachtmeister und Markus Butters kultivierter Konstabel überzeugen. Jacques-Greg Belobo kann als Holsteiner in der Einleitung des Finales für sich einnehmen, auch wenn seine Stimme etwas zu wenig Körper hat, um gegen das Straussorchester dauerhaft zu bestehen. Martin Homrichs Piemonteser beginnt das italienische Lied zu Beginn mit schöner Tongebung, die Stimme führt aber in eine enge Höhe. Am Schluss des bemerkenswerten Abends stand großer Applaus des leider nicht vollen Hauses. Diese Oper Strauss’ ist mehr als eine Trouvaille: sie ist bühnentauglich und kann das Publikum begeistern, musikalisch und inhaltlich.

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Kritik von Uwe Schneider



Kontakt zur Redaktion


Richard Strauss: Friedenstag: Insz.: P.Konwitschny; Musikal. Leitg: H.-E. Zimmer

Ort: Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper),

Werke von: Richard Strauss

Mitwirkende: Hans E. Zimmer (Dirigent), Peter Konwitschny (Inszenierung), Sächsische Staatskapelle Dresden (Orchester), Hans-Joachim Ketelsen (Solist Gesang), Jacques-Greg Belobo (Solist Gesang), Markus Butter (Solist Gesang), Markus Marquardt (Solist Gesang), Sabine Brohm (Solist Gesang), Douglas Nasrawis (Solist Gesang), Eva Johansson (Solist Gesang), Martin Homrich (Solist Gesang)

Detailinformationen zum Veranstalter Sächsische Staatsoper Dresden (Semperoper)

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