> > > > > 24.11.2019
Sonntag, 8. Dezember 2019

1 / 5 >

Kwangchul Youn (Abimelech) und Brandon Jovanovich (Samson), Copyright: Matthias Baus

Kwangchul Youn (Abimelech) und Brandon Jovanovich (Samson), © Matthias Baus

'Samson et Dalila' in Berlin

Wenn Gewalt eskaliert

Auch in der Staatsoper unter den Linden in Berlin feierte jüngst die Oper 'Samson et Dalila' von Camille Saint-Saëns Premiere. Hier in der Regie des Drehbuchautors, Film- und Fernsehregisseurs Damián Szifron, der die Bibelgeschichte erzählt und in all ihrer Grausamkeit in den Vordergrund rückt. Vor allem der dritte Akt wabert vor blutrünstiger Ekstase. Samson wird nicht nur verhöhnt und verspottet, sondern Szifron zeigt den sich entladenden Hass der siegreichen Philister in extrem grausamen Bildern. Da werden Kinder gezwungen, den Gefangenen die Halsschlagader aufzuschneiden. Und Samson wird immer und immer wieder zusammengeschlagen, bis er leblos am Boden liegt. Solch Realismus in der Darstellung von Grausamkeit war denn auch einigen im Publikum zu viel. Der Regisseur wurde am Ende der Premiere so emotional ausgebuht, dass Maestro Barenboim sich veranlasst sah, Szifron mehrfach an die Hand zu nehmen, um der Provokation entgegenzutreten.

Machtvoller Prinz

Gewollte Provokation oder Missverständnis? Wie geschickt Szifron mit der Wahrnehmung des Publikums zu spielen vermag, wird deutlich, wenn man sich den scheinbar harmlosen Beginn der Oper vor Augen führt. In einer ästhetisch ausgeleuchteten, orientalischen Wüstenlandschaft bzw. einem Wüstenort (Bühnenbild von Etienne Pluss) lenkt ein umherstreunender Hund die Aufmerksamkeit des leicht belustigt reagierenden Publikums auf sich. Aber das Lachen vergeht spätestens, wenn er mit seiner Spürnase die Kinderleiche auf der Straße entdeckt. Welch eine Lebenssituation der antik gewandeten, gefangenen Hebräer! Und dann erscheint ihr Märchenheld. Wenn er die Bühne betritt, zieht er symbolisch einen erlegten Stier gigantischen Ausmaßes, ermuntert seine Landsleute zur Revolte, entreißt dem Tier ein Horn mit bloßer Hand, um damit den provozierenden Statthalter von Gaza zu töten und seine Leute in die Schlacht zu führen. Er ist der machtvolle Prinz – nach den Siegen von Frauen umschwärmt und verwöhnt –, während er von verliebter Zweisamkeit und Familie mit der verbotenen Dalila träumt?

Szifron, für den laut im Programmheft abgedruckten Interview der einzig wahre Gott der Gott der Liebe ist, schildert im zweiten Akt, wie deutlich die Beziehung der Verliebten zum Scheitern verurteilt ist. In einem nicht abreißenden Spannungsbogen gestalten die Staatskapelle Berlin unter der Leitung Daniel Barenboims und die Gesangssolisten hier das Wechselspiel der Begegnung zwischen Verführung, Anziehung und Auseinandersetzung. Faszinierend wie Elīna Garanča Dalila als starke, tiefgründige Persönlichkeit interpretiert, die mit verströmender, differenzierter Klangsinnlichkeit zu verführen weiß, Michael Volle textverständlich und ausdrucksstark den Oberpriester des Dagon gestaltet und Brandon Jovanovich als kraftvoller und leidender Heldentenor mit Träne überzeugt. Schade, dass die Bilder im dritten Akt diesen Spannungsbogen nicht halten können.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Ursula Decker-Bönniger

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Samson et Dalila: Oper von Camille Saint-Saëns

Ort: Deutsche Staatsoper,

Werke von: Camille Saint-Saens

Mitwirkende: Daniel Barenboim (Dirigent), Staatskapelle Berlin (Orchester), Michael Volle (Solist Gesang), Elina Garanca (Solist Gesang)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (11/2019) herunterladen (4454 KByte) Class aktuell (4/2019) herunterladen (4308 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Max Reger: Aus 12 Stücke op. 80 - Schwerzo

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich