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Samstag, 6. Juni 2020

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Erste Solistin Virna Toppi als Swanilda, Copyright: Serghei Gherciu

Erste Solistin Virna Toppi als Swanilda, © Serghei Gherciu

'Coppélia' im Münchner Nationaltheater

Solo mit Puppe

Ein alternder Möchtegern-Magier, der versucht, eine mechanische Puppe zum Leben zu erwecken und aus technischer Materie ein echtes menschliches Wesen zu kreieren – auf den ersten Blick eher eine Handlung, die ins moderne Science-Fiction-Sujet zu passen scheint. Tatsächlich basiert das Ballett 'Coppélia' aber auf der bereits 1816 veröffentlichten literarischen Vorlage E.T.A. Hoffmanns mit dem Titel 'Der Sandmann'. Erst vor einer Woche hatte Roland Petits 1975 erstmals in Paris aufgeführter Klassiker in München Premiere, die seither vierte Vorstellung fand gestern Abend im Nationaltheater statt. Herausgekommen ist dabei eine märchenhaft-romantisch erzählte Geschichte, die im Bühnenbild von Ezio Frigerio auf authentisch nachempfundenes, farbenprächtiges Ambiente setzt. Virna Toppi verkörpert Swanilda mit erlesener Technik und Körperspannung, darstellerisch beherrscht sie souverän alle Facetten von beleidigter Eifersucht, Neugier und verträumter Sinnlichkeit. Sergei Polunin tanzt die Rolle des Franz bis auf eine leichte Unsicherheit zu Beginn sprung- und landungssicher, seine Bewegungen strahlen maskuline Kraft bis in die ästhetisch ausgeführten Pirouetten aus.

Liebevoll charakterisiert

Javier Amo als Dr. Coppélius nimmt man diese Rolle durch und durch ab. Mit nobler tänzerischer Eleganz entwickelt er eine liebevoll charakterisierte Darstellung der Figur, die von vital entschlossenem Elan, einer geballten Portion Humor bis hin zu mitleiderregender finaler Resignation ein Wechselbad der Gefühle durchlebt und sich trotz aller Schrulligkeit unweigerlich in die Herzen des Publikums spielt. Eines der Highlights: Sein Solo mit Puppe, die er komprimiert durch emotionale Sphären zwischen siegessicherer Ausgelassenheit, augenzwinkerndem Charme, aber auch ernsthaft anklingender Melancholie über die Bühne wirbelt. Dr. Coppélius ist hier nicht etwa ein furchteinflößender Frankenstein, sondern eine Person mit allen menschlichen Schwächen. Die Ensemble-Szenen sind rasant und mit souveräner Symmetrie choreographiert, allerhand originelle Einfälle und stilistische Anleihen aus allen möglichen Genres bis hin zu Broadway-Flair sorgen für bestes Entertainment.

Mitreißend getanzt

Die Musik stammt von Leo Délibes, fast jeder kennt – meist ohne zu wissen, dass sie aus dieser Quelle stammen – eingängige ‚Hits‘ wie den 'Stundenwalzer' oder die 'Mazurka' . Das Bayerische Staatsorchester unter Leitung von Anton Grishanin spielt diese schwungvoll, mit dezidierter Dynamik und treibender rhythmischer Kraft. Betont klassische Sequenzen von höchstem technischen Anspruch wie ausladende Soli und Pas de deux kommen in diesem Ballett weniger vor – sie sind von Petit aber auch gar nicht beabsichtigt, sein Konzept basiert auf ausgelassen-komödiantischem, temporeich durchgetanztem Theater. Nicht umsonst sind an diesem Abend jede Menge Kinder im Publikum – diese Münchner 'Coppélia' ist einfach ein bunter, mitreißend getanzter Spaß für Jung und Alt, der viel Herzenswärme ausstrahlt und gute Laune macht. Prädikat: Auch wenn schon in die Jahre gekommen, jederzeit zu empfehlen!

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Kritik von Thomas Gehrig

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Coppélia: Ballett von Léo Delibes/Roland Petit

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Léo Delibes

Mitwirkende: Bayerisches Staatsorchester (Orchester)

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