> > > > > 05.10.2019
Samstag, 19. Oktober 2019

1 / 5 >

Guillaume Tell/ Rossini - Opera de Lyon (Regie: Tobias Kratzer), Copyright: Stofleth

Guillaume Tell/ Rossini - Opera de Lyon (Regie: Tobias Kratzer), © Stofleth

Rossinis Guillaume Tell in Lyon

Abenddämmerung der Menschheit

Rossinis 'Guillaume Tell' feierte in Lyon Premiere. Die als dunkle Fantasie angelegte Inszenierung stellte die Fragen, was einen freien Bürger ausmacht und was blinder Patriotismus, gewaltsames Aufbegehren gegen brutale Unterdrücker rechtfertigt, in den Vordergrund. Regie führte Tobias Kratzer, am Pult stand Daniele Rustioni, der eine überwältigende, musikalisch brillante Grande Opéra zum Saisonauftakt 2019/2020 an der Opéra National de Lyon bot.

Das Premierenpublikum am letzten Wochenende ist gespannt auf diesen Rossini und den 'Guillaume Tell', der als sein Schwanengesang gilt. Es ist eine Grand Opéra in vier Akten, die, uraufgeführt im August 1829 an der Opéra Le Peletier in Paris, zusammen mit Aubers 'La Muette de Portici' das neue Zeitalter der Grand Opéra einläutete. Rossinis 'Tell' nach Friedrich Schillers Drama 'Wilhelm Tell' passte zum Zeitgeist, der in der Metropole Paris herrschte. Der deutsche Journalist Ludwig Börne schrieb ein Jahr vor der Julirevolution 1830, eben jenem Jahr der Aufführung: ‚Paris ist der Telegraph der Vergangenheit, das Mikroskop der Gegenwart und das Fernrohr der Zukunft. Es ist ein Register der Weltgeschichte.‘ Zudem war das Lesen politischer Zeitungen eine ‚Volkssitte‘ und in den großen Opernhäusern war es gang und gäbe, nach einigen Akten Nationalgesänge anzustimmen. Entweder die Parisienne oder die Marseillaise. Rossini sog dieses Klima selbstverständlich in sich auf, als er sich zu seinem finalen Opus 'Guillaume Tell' entschloss. Viel Dunkles, Geheimnisvolles klingt aus der Partitur. Rossini befand sich in einer Zeit des Aufbruchs. Er beschloss einen Neuanfang, zog sich ins Private zurück, lebte auf seiner Insel inmitten der großen Weltereignisse.

Parabel vom Aufbegehren

Regisseur Tobias Kratzer zeigt in seiner Inszenierung die Geschichte um das Aufbegehren gegen die habsburgischen Tyrannen mit deren Anführer Gesler als schwarz-weiße Parabel. Er lässt uns mit den Augen des Kindes Jemmy, des Sohns von Wilhelm Tell, auf die Welt der Erwachsenen schauen. Am Ende der Oper, wenn die Eidgenossen ihren Sieg feiern, erleben wir ihn als hoch traumatisierten, in sich gefangenen Knaben. Diese Interpretation und Vereinfachung, dieser Minimalismus, die Abstraktheit der uns bekannten Geschichte verwirrt, irritiert und wirft viele Fragen auf.

Zu Beginn sitzt auf einem leeren breiten Bühnenpodium rechts eine Cellistin. Links befindet sich ein klassisches Tanzpaar. Beide sind schwarz gekleidet. Darum herum stehen schwarze Stühle. Im Hintergrund befindet sich eine riesige Alpenlandschaft mit dem Matterhorn, das raumgreifend wirkt wie die großformatigen, antiheroischen Natur- und Historienbilder von Anselm Kiefer, die meist eine von der ‚Vergangenheit zerfressene, zerstörte Gegenwart‘ zeigen. Im Verlauf der Oper rinnt bei den gewalttätigen Übergriffen der Habsburger auf die freiheitsliebenden Schweizer schwarze Farbe wie ein Sturzbach über das Gemälde, bis es zum Schluss nicht mehr zu erkennen ist und die Leinwand geschwärzt ist (Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier).

Eidgenossen und Kubrick

Jemmy ist ein talentiertes Geigen-Wunderkind, das sich in der kunstsinnigen Gesellschaft von Musikern (Schweizer Eidgenossen) beweisen muss. Mit frischem, jugendlich-betörend schönem Sopran singt Jennifer Courcier den wehrlosen Jemmy. Schauspielerisch eindringlich agiert der Knabe, der sieht, wie sich die Orchestergruppen Streicher, Holz- und Blechbläser zum Kampf gegen die Übermacht der Tyrannen rüsten. Sie sind die jeweiligen Eidgenossen der drei Kantone. Die Musiker-Schweizer zerstören beim Rütlischwur im zweiten Akt ihre Instrumente und rüsten sie zu Waffen um. Welcher Musiker würde das tun? Die Bösen, die Habsburger kommen als Klone von Alex aus Stanley Kubricks Film 'Uhrwerk Orange' daher. Sie schwingen Golf- und Baseballschläger, tragen eine schwarze Melone auf dem Schädel, schänden, beleidigen und bedrohen das freiheitsliebende, musizierend und singende Kulturvolk. Wenn die Hörner, die die Jagdgesellschaft des Tyrannen Gessler symbolisieren, als Bedrohung aus dem Off erschallen, wissen wir, weiß Jemmy, dass Grausamkeiten aus Zerstörungswut folgen werden. Das wird das Kind prägen, macht ihn zum Pazifisten oder zu einem, der die Gewalt verherrlicht.

Die reduziert eingesetzten Symbole zeigen Wirkung beim Knaben und bei uns. Da sind die Musikinstrumente aller Couleur: der rote Apfel, das silberne Konzertkleid, das die Überläuferin Mathilde trägt, das Blut an den Opfern, die bunten Schweizer Trachten, die die Musiker anziehen müssen, und zuletzt das grüne Kostüm, das Wilhelm Tell vor dem Apfelschuss überstreift. Wenn zum Ende hin der Freiheitsgesang ertönt, die Welt von den Bösen gerettet zu sein scheint, stülpt sich Tells Sohn die blutverschmierte Melone über und fragt sich, fragen wir uns: Wieviel Gewalt und aggressiver Energie bedarf es, um Instrumente, die wir lieben, zu zerstören, um aufzubegehren? Was ist die persönliche, was die kollektive Freiheit? Was macht das Erleben von Zerstörung des Schönen mit mir, mit uns? 

Ein furioses Fest der Stimmen und ein musikdramatisches Feuerwerk flammt aus dem Graben. ‚Zu Beginn war man noch indifferent, denn dem Komponisten schien es an Einfällen zu gebrechen. Am Ende aber ist man tief bewegt. Rossini hat sich bewährt und uns mit gänzlich unerwarteten Überraschungen bewegt. Er steckt voller solcher Kontraste‘‚ schreibt Hector Berlioz. Das ist auch in der mustergültigen musikalischen Interpretation in Lyon spürbar. 

Kühl inszeniert

Arnolds finale Arie 'Asile héréditaire' gehört zu den Herzstücken der Oper. Der Rossini-erfahrene, hochdramatische Belcanto-Tenor John Osborn verzaubert das Publikum mit seinem leidenschaftlichem Gesang und hoher Gestaltungsgabe. Hochsinnlich mit fesselndem Gesang zelebriert und lebt Jane Archibald die Partie der innig begehrenden Mathilde. Arnold und Mathilde sind in Kratzers Inszenierung leider ein Paar, das nicht als Liebespaar auffällt. Er versagt beiden die finale Glückseligkeit. Ganz im Fokus der Gunst steht Nicola Alaimo. Der schwergewichtige, sich fesselnd durchsetzende Tell zeigt, wie es ist, für Volk und Vaterland zu kämpfen. Stimmlich präsentiert er einen baritonal feinsinnigen Tell, den diese kühle Inszenierung braucht. Ein Schweizer Nationalheld, ein Befreier und Erlöser ist auch er in dieser Inszenierung nicht. Enkelejda Shkoza (Hedwige) besticht mit Vibrato intensivem Mezzo. Jean Teitgen nimmt in den kurzen Passagen als blutrünstiger, ja machtbesessener Gesler gefangen. Sein rauer, ausdrucksstarker Bass klingt sehr gut ausbalanciert. Tomislav Lavoie (Vater von Arnold) überzeugt in der Partie des Anführers und Dirigenten Metcthal. Hervorragend bösartig gestaltet Grégoire Mour (Rodolphe) den Anführer des Habsburger Schlägertrupps. Die sechs TänzerInnen fügen sich geschmackvoll, ohne folkloristischen Schnickschnack in die gut durchdachte Inszenierung ein.

Der fantastische Chor der Opéra de Lyon bietet höchstes Niveau in den vielen Chorpassagen dieser stimmgewaltigen Produktion. Das Orchestre de l'Opéra de Lyon zählt mittlerweile zu den besten und gefragtesten Klangkörpern in Frankreich. Nicht zuletzt wegen seines Chefdirigenten Daniele Rustioni, der diesen Premierenabend zu einem musikdramatisch herausragenden Erlebnis, zu einer Hommage an Gioachino Rossini werden lässt. Furioser Applaus. Bravi.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Barbara Röder

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Guillaume Tell: G. Rossini

Ort: Opéra national,

Werke von: Gioacchino Rossini

Mitwirkende: Tobias Kratzer (Inszenierung), Orchestre de l'Opéra de Lyon (Orchester), John Osborn (Solist Gesang)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich