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Dienstag, 12. November 2019

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Fotomaterial aus Straßburg (Opéra national du Rhin), Copyright: Klara Beck

Fotomaterial aus Straßburg (Opéra national du Rhin), © Klara Beck

Ein wiederentdecktes Meisterwerk von Offenbach

Ein Hund an der Macht

Zu den im Offenbach-Jahr wiederentdeckten und neu bzw. erstmals editierten Werken des Meisters zählt 'Barkouf ou un chien au pouvoir' ('Barkouf oder ein Hund an der Macht') – eine musikalische Gesellschaftssatire, die Offenbach als erste von fünf Werken für das Pariser Théâtre de l’Opéra-Comique komponierte und die 1860 – nach einigen politischen Zensurkorrekturen – dort zur Uraufführung kam, um sodann mehr oder weniger in Vergessenheit zu geraten. In Kooperation mit Boosey & Hawkes, dem Offenbach-Spezialisten Jean-Christophe Keck und der Opéra national du Rhin Strasbourg kann man nun das bisher unbekannte Offenbach-Werk im StaatenHaus in Köln kennenlernen.

Der Hund als Gouverneur

Die Geschichte, die Librettist Eugène Scribe erzählt, stellt die bürgerliche Moral des 19. Jahrhunderts auf den Kopf. Hier soll beispielsweise nicht eine Frau zwangsverheiratet werden, sondern ein Mann. Und die Regierungsgeschäfte werden zwischenzeitlich von einer Frau übernommen. Vereinfacht stellt sich das Handlungsgeflecht folgendermaßen dar: Ein Großmogul will das aufständische, revolutionäre Volk bestrafen und ernennt seinen ungebändigten Hund Barkouf zum neuen Gouverneur von Lahore. Großwesir Bababeck, der einen jungen Mann nötigen will, seine in die Jahre gekommene Tochter zu heiraten, um selbst sexuelle Freiheiten zu genießen, ist entsetzt. Er hatte auf die Beförderung zum Gouverneur spekuliert und soll nun für die Ratifizierung der Anordnungen zuständig sein. Aber das Schicksal ist ihm wohl gesonnen und er versteht es geschickt, seine Interessen zu wahren.

Er ernennt die junge Blumenverkäuferin Maïma kurzerhand zur Sekretärin des neuen Gouverneurs. Denn sie vermag als einzige ihren wie durch ein Wunder wiederentdeckten, geliebten Hund zu bändigen. Und sie trifft entgegen den Vorgaben Bababecks geradezu revolutionäre Entscheidungen. Sie halbiert die Steuerlast, vereitelt die Hochzeit ihres Geliebten mit der Tochter des Großwesirs und erlässt eine Amnestie für politische Gefangene, um den Liebsten ihrer Freundin zu retten. Weitere Versuche Bababecks und seiner politischen Freunde, die neue Regierung zu stürzen, werden erfolgreich abgewehrt. So verhindert sie einen Vergiftungsversuch und auch der Angriff der von den Gegnern gerufenen Tartaren wird erfolgreich abgewendet. Am Ende stirbt Hund Barkouf ehrenvoll fürs Vaterland und das Volk trauert. Und Maïma kann ihren Geliebten Saeb heiraten, der – oh Wunder – vom Großmogul zum neuen Gouverneur ernannt wird.

Leichte Bewegung

Die Musik Offenbachs lässt die parodistischen Kommentare erahnen. Sie wird musikalisch grandios von dem hervorragend besetzten Gesangsensemble, dem Chor der Oper Köln und dem Gürzenich Orchester musikalisch vor Augen geführt. Atemlos wechseln Couplets, Chor, Duette, Quartette, Ensembles, ariose Abschnitte und Dialoge. Dirigent Stefan Soltesz überspielt die Brüche nicht, sondern setzt Tempowechsel und abrupte, rhythmische Veränderungen scharf nebeneinander, ohne die Leichtigkeit der Bewegung und besondere, harmonische Wendungen außer Acht zu lassen.

Matthias Klink versteht es meisterlich, den altertümlichen Bababeck stimmlich und schauspielerisch zu parodieren. Sunnyboy Dladla ist ein rasant parlierender Revolutionär Xailoum, Patrick Kabongo ein klangschöner, flexibler und lyrisch eleganter Offizier Saeb. Susanne Elmark verkörpert mit schillernden Koloraturen die junge Maïma, während Judith Thielsen mit eher dunkel gefärbtem, schlanken Timbre die Orangenhändlerin Balkis darstellt.

Schade, dass die Regieinterpretation von Mariame Clément die historische Zeit außer Acht lässt und die musikalisch hintersinnige Situationskomik nur an wenigen Stellen aufgreift. Auch das fantasielose, biedere Bühnenbild und Kostümeinerlei aus Orange und Weiß und beiger Uniform enttäuschen. Hier bleibt noch viel Raum für historisch präzisere, augenzwinkernde Experimente.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Barkouf ou un chien au pouvoir: Opéra comique von Jacques Offenbach

Ort: Oper,

Werke von: Jacques Offenbach

Mitwirkende: Stefan Soltesz (Dirigent), Gürzenich-Orchester Köln (Orchester), Matthias Klink (Solist Gesang)

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