> > > > > 06.10.2019
Samstag, 19. Oktober 2019

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Cornelius Meister, Copyright: Marco Borggreve

Cornelius Meister, © Marco Borggreve

1. Sinfoniekonzert des Staatsorchesters Stuttgart

Variable Ressourcen

Zum ersten Sinfoniekonzert der Saison lud das Staatsorchester Stuttgart am gestrigen Vormittag in den Beethovensaal der Liederhalle ein. Einen denkbar weiten stilistischen Bogen spannt das Programm: Zum Einstieg kann man sich ein Bild davon machen, wozu Mozart bereits im Alter von acht (!) Jahren fähig war. Seine Sinfonie Nr. 1 Es-Dur KV 16 trifft stilsicher den Zeitgeist an der Schwelle zum damaligen Umbruch und grundlegenden Neuausrichtung der gesamten Gattung. In der (noch) dreisätzigen Form erschafft Mozart im 'Molto allegro' zwei gegensätzliche Themen, deren Verarbeitung naturgemäß zwar noch nicht völlig ausgereift ist, die aber bereits hohen musikalischen Wert besitzen und die das Dirigat von GMD Cornelius Meister charismatisch geschärft einander gegenüberstellt. Atmosphärisch dicht trifft Meister die Ostinato-Bewegungen und die harmonischen Eintrübungen im Andante. Das Presto rauscht mit wunderbar schwerelosem Streicherklang und vitaler Frische vorüber.

Edles Timbre

Es folgen Alban Bergs 'Sieben frühe Lieder' für hohe Stimme und Orchester, als Solistin agiert Kammersängerin Simone Schneider, die gleich zum Einstieg in 'Nacht' (Text: Carl Hauptmann) in tiefer Lage kraftvolle Sicherheit ausstrahlt, die sie im weiteren Verlauf in die Höhen mitnimmt. Innerhalb der in Bergs Frühwerk vergleichsweise gemäßigten, später nochmals überarbeiteten Tonsprache beweist das Staatsorchester schon hier akkurate Stimmübergabe zwischen den Instrumentengruppen und formt sorgfältig abgezirkelte Strukturen über der dumpf grollenden Basslinie. Insgesamt sehr unterschiedlich fällt die Instrumentation der einzelnen Nummern aus – ob komplettes orchestrales Spektrum (in ersten und letzten Lied), ausgedünnte Besetzung ('Schilflied'/Nikolaus Lenau) oder reine Streicher- ('Die Nachtigall'/Theodor Storm) bzw. Bläserbesetzung ('Im Zimmer'): Meister filtert mit hellwachem Draht zu den Musikern die klangliche Essenz aus den Stücken heraus und kleidet die schwärmerischen Emotionen in eine unmittelbare Ansprache. Schneiders edel timbrierte Stimmfarbe passt sich souverän dem klanglichen Rahmen an und hat damit auch keine Schwierigkeiten in den letzten beiden Liedern, in denen das dynamische Barometer deutlich nach oben ausschlägt. Die teils nur bedingte Textverständlichkeit ist in erster Linie den akustischen Gegebenheiten im Saal geschuldet.

Dramaturgisch stringent

Nach der Pause gibt es mit Mahlers Sinfonie Nr. 4 G-Dur den letzten Teil seiner sogenannten ‚Wunderhorn-Tetralogie‘. In voller Besetzung kann das Staatsorchester hier auf seine variablen Klang-Ressourcen zurückgreifen. Herrlich abgerundete Streicherfülle in den weit gespannten melodischen Bögen des Kopfsatzes wird durchbrochen von plötzlich detonierenden Explosionen. Meister trennt die instrumentalen Schichten sauber voneinander und erfüllt die pochenden Begleitfiguren mit hoher Intensität. Im zweiten Satz gelingt ihm ein ausgefeiltes Spiel mit den ländlerartigen Versatzstücken, mit prägnanter Phrasierung und Artikulation kehrt er klug die humoristische Seite nach außen. Das 'Poco adagio' strahlt vereinnahmende Wärme aus und strebt dramaturgisch stringent der ausladenden Tutti-Episode entgegen. Im Schlusssatz spielt Schneider ihre ganze stimmliche Routine aus und illustriert nuancenreich die programmatisch geschilderte Idylle. Wer es kurzfristig einrichten kann, sollte sich die Zweitauflage heute Abend nicht entgehen lassen.

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Kritik von Thomas Gehrig

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1. Sinfoniekonzert: Staatsorchester Stuttgart/Cornelius Meister

Ort: Liederhalle,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart, Gustav Mahler, Alban Berg

Mitwirkende: Cornelius Meister (Dirigent), Staatsorchester Stuttgart (Orchester), Simone Schneider (Solist Gesang)

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