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Samstag, 19. Oktober 2019

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Elena Tsallagova (Violetta) und Staatsopernchor Stuttgart, Copyright: Martin Sigmund

Elena Tsallagova (Violetta) und Staatsopernchor Stuttgart, © Martin Sigmund

'La Traviata' in Stuttgart

Kein altes Eisen

Aus dem Jahr 1993 datiert die 'La Traviata'-Inszenierung an der Stuttgarter Staatsoper – und ist damit die zweitälteste dort laufende Produktion nach Achim Freyers 'Freischütz'. Zum insgesamt 110. Mal ging Verdis Version von Dumas‘ 'Kameliendame' am gestrigen Abend über die Bühne, verantwortlich für die Regie zeichnete seinerzeit die wenig später bereits verstorbene Ruth Berghaus. Fast neuzeitlich-modern wirkte ihr Konzept damals, heute beinahe schon klassisch. Die gesellschaftlichen Facetten der schnelllebigen Pariser Party- und Spaßgesellschaft porträtiert Berghaus in den Ensemble-Szenen gut choreographiert und temporeich, die Kostüme passen authentisch in die Zeit, ohne angestaubt zu wirken. Das Ambiente atmet den an Oberflächlichkeiten orientierten Pariser Zeitgeist, vor dem individuelle Schicksale verblassen.

Psychologische Abgründe

Apropos verblassen: Alles andere als blass bleiben die Charaktere. Berghaus legt den Fokus auf die zwischenmenschliche Komponente und schafft es, hinter die Fassaden und in die psychologischen Abgründe der Figuren zu blicken. Wo diese mit sich allein sind oder im intimen Dialog miteinander stehen (Violetta in ihrer inneren Verzweiflung und Ausweglosigkeit ihrer Lage bzw. im Disput mit Alfredos Vater), verschmelzen Verdis musikalische Charakterisierung und Personenführung gekonnt miteinander. Krankheit, Siechtum und Ausgrenzung im Dunstkreis romantisierender Schwärmerei – Berghaus‘ Arbeit kreiert ein profilscharfes Abbild von Zeit und Gesellschaft. Schwarz-weiß-Symbolik war zwar schon damals nicht unbedingt innovativ, passt hier aber einfach – Violetta durchlebt mit fortschreitender Handlung nicht nur eine innerliche, sondern auch eine nach außen hin sichtbare Metamorphose. Auch Schneefall als Symbol für soziale Kälte oder Isolation ist nicht wirklich neu, geht aber ebenso schlüssig im Gesamtkomplex auf. Allenfalls das vierte Bild lässt sich als kleine Schwäche ausmachen, hier wirkt das Konzept ein klein wenig so, als könne es sich nicht recht zwischen traditioneller und moderner Lesart entscheiden bzw. wisse nicht genau, welche Ausstattungsmerkmale es zum tragischen Ende hin verwenden soll.

Gelungenes Hausdebüt

Musikalisch herausragend: Elena Tsallagova, die mit mitreißender Dynamik und strahlendem Sopran-Hochglanz ein hervorragendes Hausdebüt in dieser Partie gibt und zeigt, weshalb sie dafür schon an der Deutschen Oper Berlin gefeiert wurde. Bis in jede Gefühlsregung nimmt man ihr die Partie ab. Sein Rollendebüt als Alfredo gibt Kai Kluge, der sich nach dem ersten Akte stimmlich vollends stabilisiert. Luis Cansino gibt einen Giorgio Germont, der voluminöses Charisma mit darstellerischer Überzeugungskraft verbindet. Unter der Leitung von Friedrich Haider entlockt das Staatsorchester Stuttgart der Partitur alle Facetten von kammermusikalischer Intimität bis hin zu explosiver Klangwucht. Kleine Abweichungen in der Koordination mit Singstimmen und Chor im Finale des zweiten Akts fallen da nicht weiter ins Gewicht. Der blendend aufgelegte Staatsopernchor setzt ein dickes Ausrufezeichen hinter seine jüngste (zum insgesamt zwölften Mal erfolgte) Wahl zum Opernchor des Jahres. Trotz in die Jahre gekommener Regie: Diese 'Traviata' gehört nicht zum alten Opern-Eisen, sondern packt vielmehr aktuell gesellschaftlich unvermindert heiße Eisen an.

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Kritik von Thomas Gehrig

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La Traviata: Oper in drei Akten von G. Verdi

Ort: Staatstheater,

Werke von: Giuseppe Verdi

Mitwirkende: Chor der Staatsoper Stuttgart (Chor), Friedrich Haider (Dirigent), Ruth Berghaus (Inszenierung), Staatsorchester Stuttgart (Orchester), Elena Tsallagova (Solist Gesang)

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