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Sonntag, 8. Dezember 2019

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14. Wittenberger Renaissance Musikfestival, Copyright: Corinna Kroll

14. Wittenberger Renaissance Musikfestival, © Corinna Kroll

Hille Perl sorgt für Furore

14. Wittenberger Renaissance Musikfestival

Das kleine Wittenberger Renaissance-Musikfestival – mit bescheidenen Mitteln schon zum 14. Mal auf die Beine gestellt – entzückte am Eröffnungswochenende rund um den traditionellen Reformationstag wieder seine Hörerschaft. Dabei punkten die sehr persönlich engagierten Organisatoren (künstlerische Festivalleitung: Thomas Höhne) mit einem progressiven Konzept (Motto: 'Die weibliche Saite'), bewährten pädagogischen Angeboten und einigen klingenden Namen wie Hille & Marthe Perl (Gamben) sowie Emma Kirkby (Gesang) oder Jakob Lindberg (Laute).

Neben Konzerten und Alte-Musik-Kursen gab es diesmal auch innovative Novitäten: Passend zum Festivalmotto wurde beispielsweise der 95-minütige Dokumentarfilm 'Komponistinnen' (2018) gezeigt. Filmemacher Tim van Beveren und Pianistin Kyra Steckeweh stellen darin die bis in unsere Tage in Konzertprogrammen immer noch unterrepräsentierten Komponistinnen Mel Bonis, Lili Boulanger, Fanny Hensel und Emilie Mayer vor. Die anschließende Podiumsdiskussion brachte aber kaum neue Erkenntnisse. Sehr gut beim Publikum kam insbesondere der 'Musikalische Stadtspaziergang' an. Dabei wurden herausragende Sehenswürdigkeiten der historischen Altstadt angelaufen und mit kurzen Renaissance-Musik-Einlagen zum Leben erweckt. Das Festival läuft noch bis zum 3. November an unterschiedlichen Orten der Stadt. Restkarten sind teils noch kurzfristig erhältlich unter wittenberger-renaissancemusik.de.

Berauschend und virtuos

Absoluter Star des Eröffnungskonzerts war die Bremer Gambensolistin Hille Perl, die gleich ihre halbe Familie mitgebracht hatte: Auch ihre Tochter Marthe Perl und ihre Nichte Sarah Perl waren bei diesem Auftritt neben Juliane Laake (alle Viola da Gamba), Petra Burmann (Laute) und Julla von Landsberg (Sopran) mit von der Partie. Alle gemeinsam bestritten das Programm 'The Muses Feast' am vergangenen Freitag Abend im großen Festsaal des Alten Rathauses zu Wittenberg. Rund 120 Gäste waren erschienen, als rund 75 Minuten Musik von John Blow, Jeremiah Clarke, William Byrd, Henry Lawes und natürlich dem König der Gambenmusik John Dowland und weiteren erklang. Insbesondere mit den hochvirtuosen 'Divisions upon a Ground in e' des Christopher Simpson machte Hille Perl, die sich seit den frühen 1980er Jahren ihren Weg an die Spitze der weltbesten Gambistinnen erspielt hat, mächtig Furore: Berauschend ist ihr Ton und virtuos zugleich ihr Spiel. Trotzdem blieb sie jederzeit bescheiden und sympathisch. Da war das Publikum kurzzeitig aus dem Häuschen.

Sehr ehrenwert ist jedes Jahr von neuem die Einbeziehung der jungen Generation ins Festival. So gab es am Samstag Nachmittag die Junioren vom Praetorius Consort Wittenberg in der Schlosskirche mit ihrem Programm 'Santa Maria' zu hören. Tatkräftig unterstützt wurden sie dabei von Sängerin Julla von Landsberg und Festivalleiter Thomas Höhne, die guten Seelen des Festivals. Natürlich bleibt die pädagogische Nachwuchsarbeit ein stets neu zu bestellender Acker. Wird er jemals vernachlässigt, trocknet die Zukunft des Festivals langsam aber sicher aus. Auf diesem Gebiet muss weiter insistiert und vor allem investiert werden, sprich es müssen an den Schulen Wittenbergs mehr junge Menschen für das nachhaltige Erlernen von (Barock-)Instrumenten gewonnen, Musikverständnis im Allgemeinen gefördert werden, um eine Basis für das Publikum der Zukunft zu schaffen.

Denn es stimmt schon nachdenklich, wenn im Viola-da-Gamba-Kurs (Consort) von Dozent Holger Faust-Peters der Altersdurchschnitt auf über 70 Jahre angestiegen ist. Die (oft gleichen) Teilnehmer kommen aus Berlin oder Süddeutschland schon seit vielen Jahren treu angereist und erfreuen sich des gemeinsamen Musizierens. Da hat sich eine tragende Gemeinschaft gebildet. Die jüngere Generation fehlt aber, wie in vielen Chören Deutschlands auch. Auf wesentlich höherem Niveau läuft der Unterricht nebenan bei Hille Perl ab. Die Hochschulprofessorin an der Hochschule für Künste Bremen ist viel strenger und unnachgiebiger in ihrer Arbeit mit den StudententInnen. Perl verfolgt – trotz größtmöglich lockerer Atmosphäre – hehre musikalische und klangliche Ziele. Natürlich beherrscht sie das von den TeilnehmerInnen präsentierte Repertoire wie zum Beispiel Carl Friedrich Abels Komposition aus dem 'Drexel-Manuskript' aus dem Effeff und spielt jederzeit traumwandlerisch-meisterlich vor. Ihr Schülerkreis schätzt das und wird durch Tipps und Tricks zur besseren Nachahmung angehalten. Da wird manchmal auch eine schwierige Arpeggio-Stelle gebüffelt oder ein falsch eingeübter Ton ausgemerzt.

Magischer Raum

Der kurzweilige musikalische Stadtrundgang führte von der Schlosskirche über die Cranach-Höfe, das Zeughaus, das Alte Rathaus, die Stadtkirche, die Fronleichnamskapelle auch zum alten Franziskanerkloster/Historische Stadtinformation. Das ehemalige Kloster wurde 1227 durch Helena, die Gemahlin Albrechts von Askanien, des ersten Sachsenherzogs, gegründet. Heute ist es wieder ein Ort des Gedenkens und historischen Erinnerns. Hier nutzten die Musiker der Wittenberger Hofkapelle bei nahezu vollständiger Dunkelheit den nach sensationellen Grabfunden 2009 wiedererstandenen magischen Raum zu klangvollen Experimenten mit Glocken und weiteren absolut stimmungsvollen Klängen. Das wurde so zum unbeschreiblichen Erlebnis.

Ein Konzert der faszinierenden leisen Töne erlebte der Besucher am Sonntag Abend im Alten Rathaus, als Emma Kirkby (Gesang) und Jakob Lindberg (Laute) mit 'So sounds my Muse' komponierenden Frauen ihre Ehre erwiesen. Dame Emma Carolyn Kirkby ist auch im Alter von 70 Jahren noch immer eine konstante Größe der bedeutendsten englischen Sopranistinnen. Freilich hat ihre Stimme im Laufe der abgelaufenen zwei Jahrzehnte an Volumen eingebüßt, an Intensität kann sie sich aber mit jeder Nachwuchssängerin messen, vielmehr diese in die Schranken weisen. Kirkby vermag jede Note intensiv zu formen. Abwechselnd sang sie sitzend oder stehend. Fein dosiert sie ihren Affekt, punktgenau singt sie die zahllosen Verzierungen, formuliert mit ihrem Gesichtsausdruck ein ganzes Drama. Dazu erschallen von der Hand Jakob Lindbergs (*1952) erlesene Lautentöne, die mehr sind als stilvolle Begleitung. Der am Royal College in London ausgebildete schwedische Künstler erfühlte jeden Harmoniewechsel, erfüllte jede Tonleiter mit Leben. Er kostete im Zusammenspiel mit seiner Partnerin alle Nuancen der Klangmagie aus und wurde niemals aufdringlich. Seine Virtuosität entfesselte sich in Allessandro Piccininis 'Toccata, Aria di Sarabanda in varie partite', die attacca in Monteverdis 'Disprezzata Regina' (Klage der Ottavia aus der Oper 'L‘incoronazione di Poppea') hineingeführt wurde. Monteverdi sowie John Danyels 'Like as the lute' gerieten hier zur emotionalen sängerischen Klimax, selbst wenn Kirkby kurz zwischendurch mal den Faden verlor. Das ist live, das tat der Performance keinen Abbruch. Auch nach der Pause erlebte das Publikum einen rasanten Duoabend, der vor allem die italienische Komponistin Barbara Strozzi in den Focus rückte: 'Ardo in tacito foco' ist ein furioser Gesang, den Kirkby mit Leidenschaft einfing. Auch Lindberg konnte solistisch noch einmal reüssieren mit Giovanni Zambonis 'Arpeggiata et Ciacona'.

Am nächsten Wochenende locken der 'Historische Tanzball' (Samstag 2.11.) sowie am Sonntag 3.11. eine 'Geburtstagsmusik für Barbara Strozzi (400.) und Clara Schumann (200.) in die sachsen-anhaltische Provinz. Ein Gewinner des Wittenberger Renaissance Musikfestivals ist auf jeden Fall schon auszumachen: Die weibliche Seite! Vom 23.10. bis zum 1.11. 2020 ist die nächste Ausgabe zum 15-jährigen Jubiläum geplant.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Die Weibliche Saite: Konzerte, Historischer Tanz, Workshops

Ort: Schlosskirche,

Werke von: John Dowland

Mitwirkende: Hille Perl (Solist Instr.)

Detailinformationen zum Veranstalter Wittenberger Renaissance Musikfestival

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