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Donnerstag, 20. Februar 2020

Krzysztof Urbanski, Copyright: Maria Maslanka

Krzysztof Urbanski, © Maria Maslanka

Ligeti, Sibelius und Weinberg

Simultan

Toncluster in einem großen Orchester, bis zu 87 Einzelstimmen, ein offener Flügel, der mit dem Besen gespielt wird, Klangzustände anstelle von rhythmisch-harmonisch verfolgbaren Verläufen. Als Klassiker der Neuen Musik weist Györgi Ligetis (1923-2006) 'Atmosphères' reichlich Potenzial auf, um ein Publikum zu verstören. Und doch klang das bewegte Stehen an diesem Abend in der Elbphilharmonie unter Krzysztof Urbański mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester so zart und luftig aufgefächert wie selten. Lag es daran, dass unter Urbańskis Leitung das Orchester Ligetis Spielanweisungen wie ‚Dolcissimo‘ überaus ernst nahm und selten lauter spielte als ein einfaches Forte? In der weltraumklaren Akustik des Großen Saals der Elbphilharmonie meinte man fast, mit den eigenen Ohren hinter das Geheimnis des mikropolyphonen Gewusels lauschen zu können, aber doch nur fast. Denn kaum meinte man, eine einzelne Cellostimme aus der nur scheinbar statischen Klangfläche herauszuhören, war sie schon wieder verschwunden. So gespielt klangen die 'Atmosphères' deutlich vertrauter und gar nicht so sehr nach Weltall – mehr wie ein leises weiches Spiel der Luftschichten über den Köpfen.

Konservative Moderne

Dass am gleichen Abend auch Mieczysław Weinbergs (1919-1996) selten zu hörende Sinfonie Nr. 3 in h-Moll aufgeführt wurde, war ein schönes Beispiel für die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Auch wenn diese bereits 1949 entstand, gelangte sie in revidierter Form doch erst 1960 in Moskau zur Uraufführung – nur rund ein Jahr früher als Ligetis Avantgarde-Stück. Dass Weinberg ein guter Freund Dmitri Schostakowitschs war, merkt man nicht nur an seinem Œuvre, das ähnlich umfangreich ausfällt wie das seines ‚Leidgenossen‘ unter Stalin. So gibt es im 'Allegro giocoso' überschriebenen Scherzo ganze Passagen, die sich direkt in eine Sinfonie von Schostakowitsch übertragen lassen, von der Instrumentierung (Piccoloflöte) über die beißende Ironie bis zur Melodik. Und doch wird in der Dritten Sinfonie unvermittelt klar, warum Weinbergs Werk schon seit einiger Zeit eine Renaissance auf dem Plattenmarkt und im Konzertsaal erlebt. Neben – freilich von oben verordneten – Volksliedmelodien a la Tschaikowsky stehen ruppige, ungleich modernere Ausbrüche, die gleichwohl in einen übersichtlichen, doch abwechslungsreichen musikalischen Verlauf eingebettet sind. Hinzu kommt die dankbare Instrumentation, die von den Trompeten über Glockenspiel und Solovioline bis zum Trio aus Soloklarinette, Celli und Harfe im Adagio für alle Orchestergruppen etwas zu bieten hat. Zudem klang das NDR Elbphilharmonie Orchester unter Krzysztof Urbański so souverän, wach und ausbalanciert, als handele es sich um Standardrepertoire, das mit viel Feuer und Sensibilität interpretiert wurde.

Expressive Virtuosität

Das Highlight des Abends präsentierte jedoch Joshua Bell, der das Violinkonzert von Jean Sibelius (1865-1957) als expressives Virtuosenstück deutete. Ob farblich gleißende Doppelgriffe, überdeutliche Glissando-Lagenwechsel oder agogische Überraschungen – auf seiner Hubermann-Stradivari demonstrierte der US-Amerikaner packend, wie ungemein geigerisch das d-Moll-Konzert des Finnen mit schwedischem Hintergrund konzeptioniert ist, der ja selbst auch Geiger war. So spielte Bell etwa den Beginn der Solokadenz im Kopfsatz mit seinem weiten Intervallsprung von der G- auf die E-Saite ebenfalls als Glissando. Das kann man übertrieben finden, das schier unerschöpfliche Reservoir an Ausdrucksformen und Gesten, aus denen Bell schöpfte, gab ihm jedoch recht und musste überwältigen. Dies zumal er sich gegen das Orchester gut durchsetzen konnte und so jederzeit zu vernehmen war. So wehte ein gehöriger Hauch Fin de Siècle durch die Elbphilharmonie, die Bell in der Zugabe dann jedoch in einen Pariser Salon des 19. Jahrhunderts verwandelte – mit seiner eigenen süffig-raffinierten Bearbeitung von Chopins Nocturne op. 9 Nr. 2 für Streicher, Holzbläser und Solovioline. Großer Applaus.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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NDR Elbphilharmonie Orchester: Joshua Bell

Ort: Elbphilharmonie,

Werke von: Mieczyslaw Weinberg, György Ligeti, Jean Sibelius

Mitwirkende: NDR Elbphilharmonie Orchester (Orchester), Joshua Bell (Solist Instr.)

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