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Samstag, 19. Oktober 2019

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Bo Skovhus (Platon Kusmitsch Kowaljow) und Levente Páll (Iwan Jakowlewitsch), Copyright: Arno Declair

Bo Skovhus (Platon Kusmitsch Kowaljow) und Levente Páll (Iwan Jakowlewitsch), © Arno Declair

'Die Nase' zum vorerst letzten Mal in Hamburg

Ein guter Riecher

An der Hamburgischen Staatsoper lief in dieser Spielzeit zum letzten Mal Dmitri Schostakowitschs 'Die Nase' über die Bühne. Leider, muss man sagen, denn in der Inszenierung von Karin Beier entwickelt der anarchisch-avantgardistische Dreiakter genau jene Sprengkraft, für die das Werk seinerzeit, also 1930, so gepriesen und kritisiert wurde. ‚Lief‘ erfasst jedoch nur die halbe Wahrheit, denn auf der sakral-säkulären Drehbühne mit viel Metall rannte, sang und tanzte das namensgebende Geruchsorgan nicht nur über die Bühne, sondern wurde auch getragen und schoss auf Rädern von rechts und links.

Dass mit Karin Beier als Intendantin des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg eine Regisseurin verantwortlich zeichnete, die viel Theater, aber auch Musiktheater inszeniert hat, erwies sich dabei als Glücksgriff. Ist 'Die Nase' doch auch nach Schostakowitschs Aussage weniger eine reine Oper, denn ein Hybrid aus Oper und Theater, Musiktheater eben. Gleich zu Anfang fiel dabei auf, dass hier nicht die Orginalversion in russischer Sprache erklang, sondern eine neue deutschsprachige Fassung von Ulrich Lenz. Ein Rückfall in uralte Zeiten, als Mozarts Da-Ponte-Opern noch auf Deutsch und nicht Italienisch gesungen wurden? Ja und nein. Denn zum einen wurde unter anderem Iwans Lied auf der Balailaika zwischen zweitem und drittem Akt Russisch belassen. Zum anderen handelt es sich zugleich um eine bisweilen aktualisierende Umschreibung, die auch mit Begriffen wie ‚HNO‘ oder ‚Fake News‘ jongliert. Das kam beim Publikum gut an und funktioniert insgesamt auch gut, da die deutsche Fassung perfekt zur Musik passt. Nie entstand auch nur ansatzweise der Eindruck, es handele sich um eine Übersetzung.

Herausragende Personenführung

Hinzu kam, dass Schostakowitschs musikalisches Gewusel aus Schlagzeug-Zwischenspiel, Dauerrezitativ, atonaler Polyphonie, Stilanleihen und grandiosen Dissonanzen auf der Bühne seine Entsprechung fand. Von Stummfilmprojektionen über FKK-Anzüge – eine Anspielung auf die DDR-Freikörperkultur? – bis zu Revue-Einlagen tanzender Soldaten mit MG und Stalinparodie wurde hier alles geboten, dabei jedoch stets in Übereinstimmung mit dem Text nach Gogols Vorlage. Die wenigen offensichtlichen Freiheiten, die sich Beiers Inszenierung herausnahm, fielen darum kaum ins Gewicht. Dies zumal trotz aufwendiger ‚Bühnenshow‘ die Personenführung herausragend war und so alle Sänger auch zugleich wunderbar schauspielerten. Allen voran Bo Skovhus als Kollegienassessor Kowaljow, dessen Nase sich eines Tages einfach selbständig macht und der von einer Situation in die nächste stolpert, ohne etwas an seiner Lage ändern zu können. An seiner Seite agierte Gideon Poppe angemessen grotesk mit stimmlichen Verbiegungen.

Levente Páll durfte den armen Kowaljow stimmgewaltig als Leiter der Annoncen-Zeitung sowie als Arzt verspotten, während Andreas Conrad als Polizeihauptmeister ebenfalls wunderbar stimmlich wie darstellerisch grimassierte. Der eigentlich Star war neben dem Chor jedoch das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano. Wie klar, technisch makellos und zugleich stilbewusst bissig spottend Schostakowitschs extrem heterogene Musik aus dem Orchestergraben ertönte, musste ein ums andere Mal erstaunen. Wieder einmal wurde so deutlich, dass Nagano als Spezialist fürs 20. Jahrhundert ein Händchen gerade für ‚schwierige‘ Werke hat. Demenentsprechend war allen Beteiligten am Ende der Jubel sicher. Man kann nur hoffen, dass diese Nase möglichst bald wieder auf dem Spielplan landet.

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Kritik von Dr. Aron Sayed

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Die Nase: Schostakowitsch

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Dimitri Schostakowitsch

Mitwirkende: Kent Nagano (Dirigent), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Bo Skovhus (Solist Gesang)

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