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Freitag, 22. November 2019

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Kian Soltani, Copyright: Juventino Mateo

Kian Soltani, © Juventino Mateo

Das BBC Philharmonic und Kian Soltani in Wien

Individuelle Klasse

Unter seinem ersten Gastdirigenten John Storgårds war das BBC Philharmonic am gestrigen Abend im Großen Saal des Wiener Musikvereines zu Gast. Im Gepäck auf seiner derzeitigen Tournee hat es u. a. ein Werk aus der Heimat, am Anfang des Programms steht mit Benjamin Brittens 'Simple Symphony' op. 4 ein Frühwerk des Komponisten. Entsprechend gemäßigt ist noch die darin gepflegte Tonsprache, im Wesentlichen an barocken Formen orientiert sich das Stück. Stark polyphon angehauchte Stilmittel werden schon im Eingangssatz ('Boisterous Bourrée') verwendet, Intonation und Stimmführung des Klangkörpers sind von hoher Genauigkeit, die langgezogenen melodischen Bögen von getragener Noblesse. Die Nachahmung archaischer Formen setzt sich fort im 'Playful Pizzicato', in den von dieser Spieltechnik geprägten Passagen gelingen schwerelose Echo-Wirkungen, denen wohlig-warmes Timbre gegenübersteht und die in einem imposant ausgeformten Crescendo gipfeln. In der 'Sentimental Sarabande' werden effektvoll voluminöse Streichermassen bewegt, ein fein gesponnenes stimmliches Netz webt Storgårds am Pult im 'Frolicsome Finale'.

Kunstvoll-virtuos

 

Es folgt Haydns Cellokonzert D-Dur Hob. VIIb:2 mit Kian Soltani als Solist. Der persisch-österreichische Shooting-Star, derzeit auf der Insel Artist in Residence beim Royal Philharmonic Orchestra, demonstriert seine Klasse schon vom ersten Einsatz im Kopfsatz an. Dem Hauptthema verleiht er ein geschärftes Profil und tritt in einen hellwachen Dialog mit dem von Storgårds klug ausbalancierten Orchester. In der Durchführung zieht er charismatische Linien und bringt immer wieder geschickt dynamische Akzentuierungen an. Zugute kommt ihm dabei der edle Klang seines Instruments, eines 1694er ‚London ex Boccherini‘-Stradivari. In der Kadenz jongliert er kunstvoll-virtuos mit dem thematischen Material. Ein kleiner getrübter Horn-Einsatz zum Ausklang des ersten Satzes fällt da nicht weiter ins Gewicht. Das Adagio schwelgt in üppig ausgekosteten Kantilenen, das Rondo charakterisiert Soltani mit zupackender Verve, seine ansteckende musikalische Präsenz und Spielfreude zeigt er nochmals in der Kadenz. Mit gleich zwei Zugaben bedankt er sich beim begeisterten Publikum: Matthias Bartolomeys 'Theresa‘s Groove' reichert er neben allen klanglichen Facetten seines Instruments mit vokalen Elementen an, in seiner eigenen Komposition 'Persischer Feuertanz' vollbringt er neben dichter, folkloristisch eingefärbter Atmosphäre noch einmal technische Höchstleistungen.

 

Feine Rundungen

Nach der Pause folgt Bruckners Symphonie Nr. 6 A-Dur. Von den ersten Takten an nimmt der Kopfsatz dynamische Fahrt auf und erzeugt intensive motivische Kontraste. Ein wenig straffer könnte das 'Maestoso' insgesamt rhythmisch gefedert sein, nicht in allen Streicherpassagen breitet sich voll und ganz Bruckner‘sche spätromantische Wärme aus. Die Stimmübergabe ist exakt, teilweise aber ein wenig hart, die Blech-Umrandungen des Orchestersatzes hier und da etwas zu wenig geschärft. Die breit gestrichenen Phrasen im Adagio erhalten feine Rundungen. Demgegenüber besitzen die sich aus der pochenden Grundfigur des Scherzo erhebenden fanfarenartigen Sequenzen hier wieder kernigen Biss und schneidende Schärfe. Krachende Blech-Detonationen setzen klanggewaltige Spitzen. Das Finale wird nochmals durchzuckt von hell strahlenden Blech-Blitzen. Alles in allem ein musikalisch hochwertiger britisch-österreichischer Abend, an dem ein spannender programmatischer Bogen mit individueller Klasse der Ausführenden zusammentrifft.

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Kritik von Thomas Gehrig

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BBC Philharmonic: Britten/Haydn/Bruckner

Ort: Musikverein,

Werke von: Benjamin Britten, Joseph Haydn, Anton Bruckner

Mitwirkende: John Storgards (Dirigent), BBC Philharmonic Orchestra (Orchester)

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