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Mittwoch, 23. Oktober 2019

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Szenenfoto, Copyright: Iko Freese / drama-berlin.de

Szenenfoto, © Iko Freese / drama-berlin.de

Die 'Perlen der Cleopatra' mit Dagmar Manzel

So was Plötzliches, das einem den Atem benimmt

Um das Operettenwunder von Berlin voll zu begreifen – oder diesen Wendepunkt in der Operettenaufführungsgeschichte –, muss man nur einmal die Gesamtaufnahme von Oscar Straus‘ 'Perlen der Cleopatra' vom Festival in Bad Ischl 2003 mit der jetzt wiederaufgenommenen Produktion an der Komischen Oper Berlin vergleichen, und dann als Bonus auf YouTube die Ausschnitte aus einer Version von 2009 betrachten, mit der Regisseur Peter P. Pachl dieses Stück versucht hatte zu rehabilitieren. Zwischen den drei Herangehensweisen liegen Welten. Und es war erst die Glanz-und-Glitzer-Herangehensweise von Barrie Kosky im Zusammenspiel mit Dirigent Adam Benzwi und Primadonna Dagmar Manzel, die den Dreiakter von 1923 wirklich neu interessant gemacht hat und einen Impuls für ein Oscar-Straus-Revival in die Welt sendete. Es war auch diese Kosky-Benzwi-Manzel-Aufführung, die gezeigt hat, warum das Alt-Ägypten-Spektakel von 1923 mit seinen Jodeleinlagen und frivolen Liedern über Mumien und Mercedes-Benz-Limousinen uns heute etwas zu sagen hat – und bewies, dass auch ein unbekannter Operettentitel für ausverkaufte Aufführungsserien sorgen kann, wenn die ‚Zutaten‘ stimmen. Und zu den Zutaten gehören auch die atemberaubende Tanztruppe von Otto Pichler sowie Kostüme von Victoria Behr und Bühnenbilder von Rufus Didwiszus. Nicht zu vergessen: Ingeborg, die alt-ägyptische Götterkatze, als bissige Kommentatorin des Geschehens.

Das Problem der falsch verstandenen Tradition

Damals beim Operettenfestival in Ischl wurde der vergessene Oscar-Straus-Titel gespielt, wie man das halt immer tat und in Österreich nach wie vor tut: mit Berufung auf ‚Tradition‘ wurden ‚große‘ Opernsänger geholt, wurde ein klassisches Symphonieorchester aufgeboten, wurde alles brav vom Blatt heruntergesungen, ohne je zu fragen, ob ein Textbuch von Julius Brammer und Alfred Grünwald, das für die große Fritzi Massary verfasst wurde, nicht eine andere Art von textlicher Ausgestaltung verlangt. Jedenfalls erinnere ich mich noch gut an das Auftrittslied der Cleopatra in der Version von Morenike Fadayomi, die dann bei cpo als Aufnahme erschien. Ich schlief schon nach den ersten drei Sätzen der Vorstrophe ein, weil da rein gar nichts ‚passiert‘, wenn sie singt: ‚Mir fehlt nichts als ein kleiner ägyptischer Flirt, / so ein Flirt, der was wert ist, der zum Dasein gehört, / ein pikantes, ein prickelndes Je ne sais quoi, / das verwirrt, irritiert, wo man sagt C’est ma foi, / So was plötzliches, das mir den Atem benimmt ...‘

Die ganze Besetzung in Ischl hatte nichts ‚Plötzliches‘, das einem den Atem benimmt, und die brav dirigierte Partitur klingt in den Händen von Herbert Mogg auch nicht nach ‚Je ne sais quoi‘. Das Prickelnde und Pikante der Musik hat erst Adam Benzwi mit dem fabelhaft reduzierten Orchester der Komischen Oper Berlin herausgekitzelt, indem er ohne Angst vor Extremen dieser Musik in all ihrer stilistischen Vielschichtigkeit Raum fürs Schmachten, Schnarren und Absurde ließ. Auf diesem Klangteppich durchschreiten alle Beteiligten vom Text (!) her kommend die Partitur, wobei wirklich jede versaute Nuance der Lieder mit Liebe behandelt wird, ob das die ‚Kleine Liebesflöte‘ ist, von der Johannes Dunz als Prinz Beladonis auf unnachahmliche Weise zu berichten weiß, ob das der Walzer ‚Ich bin der Liebessklave einer Königin’ ist, den Dominik Königer als römischer Soldat Silvius als Mix aus Marilyn Monroe und Ralf-König-Machomännchen spielt, oder ob das eine Mariachi-Band ist, die ‚Ja so ein Frauenherz‘ besingt.

Hier bin ick!

Aber über allem – und ich meine wirklich allem (!) – thront La Manzel als Titelheldin. Schon ihr Auftritt, aus einem übergroßen Sarkophag tretend, ist ein Ereignis: ‚Hallo, hier bin ick!‘ So geht’s los. Und alles was folgt, ist eine ständige Steigerung, in der die Schauspielerin sämtliche Register ihres Könnens zieht und jede Musiknummer anders gestaltet, sogar jeden Satz in jeder einzelnen Musiknummer überraschend neu schattiert. Sie tut dies zudem mit einer kessen Berliner Schnauze, für die sie zwischendurch wieder und wieder Szenenapplaus bekommt – und zwar für die Dialoge.

Auf der cpo-Aufnahme wurden die Dialoge weggelassen. In Berlin erlebt man, dass die gesprochenen Texte einer Operette integraler Bestandteil der Stücke sind und mit Gusto serviert werden müssen. Genauso integral sind die Tänze, die dem Abend den Rhythmus geben und hier so durchgeknallt sind, dass sie diese 'Perlen' zum sexy Hauptstadtereignis machen.

Endspiel

Und gerade als man denkt, nun könne nichts Neues mehr kommen, schwenken Kosky, Manzel und Benzwi nochmals um und gestalten nach drei Stunden überbunter Camp-Revue plötzlich um. Sie gestalten den letzten Akt als minimalistisches Endspiel auf leerer Bühne: Cleopatra/Manzel verführt Feldherrn Marcus Antonius in einer Dekonstruktion der eigenen Figur, die dadurch aber erst zur wirklich glaubhaften Figur wird. Dieser gesamte Schluss ist ein Geniestreich, bei dem Peter Renz als der unwahrscheinlichste aller nur denkbaren römischen Feldherren im Zusammenspiel mit Manzel menschliche Wahrhaftigkeit erzeugt, die unter die Haut geht. Ihr gemeinsames 'Anton, steck den Degen ein'-Duett ist übrigens auch ein Geniestreich. (Ich erspare mir hier den Vergleich zu Fadayomi/Robert Meyer auf der cpo/Ischl-Aufnahme.)

Dass diese ‚Hallo, hier bin ick!‘-Operettenproduktion jetzt wiederaufgenommen wurde und somit fester Bestandteil des Berliner Musiktheaterangebots geworden ist, kann man ohne Übertreibung als Leistung bezeichnen, für die Berlin von Operettenfreunden aus aller Welt bewundert wird, wo man nach wie vor ‚traditionelle‘ Aufführungen erdulden oder durchschnarchen muss. Die Komische Oper Berlin ist da einen Schritt weiter und hat die 'Perlen der Cleopatra' eingebunden in ihr umfassenderes Revival von Weimarer-Republik-Stücken. Diese sind erfreulicherweise fast alle Bestandteile des aktuellen Repertoirebetriebs und werden vom Publikum gleichfalls geliebt. Dass Manzel/Benzwi/Pichler an vielen davon beteiligt sind, versteht sich von selbst.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Dass sich so viele Operettenbühnen anderswo verweigern, dem Berliner Vorbild zu folgen und ihm etwas Eigenes und Überzeugendes entgegenzusetzen – nach dem Motto: Konkurrenz belebt das Geschäft –, ist traurig. Da spielt man vielerorts lieber Fernsehoperette der 1970er-Jahre weiter und denkt, man täte dem Genre damit etwas Gutes. Dass ausgerechnet die Ischler Produktion von 2003 den Weg auf Tonträger gefunden hat und nicht die aus Berlin, ist ebenso traurig. Denn so wird ein Oscar-Straus-Bild in die Welt getragen, das keine Ahnung vermittelt, warum dieses Stück ehemals mit der Massary einschlug wie eine Bombe - und es nun mit Manzel abermals tat.

Es passiert mir nicht oft, dass ich an einem Operettenabend nonstop an die unvergleichliche Fritzi Massary denken muss und mich gleichzeitig darüber freue, stattdessen Dagmar Manzel vor mir stehen zu haben und singen zu hören, die komplett anders klingt. Sie überzeugt trotzdem oder gerade deswegen.

Das ist der ultimative Bewährungstest. Der beweist: Für Operetten braucht man Starqualitäten auf der Bühne und eine Persönlichkeit, die alles überstrahlt. Ebenfalls im September wird im Berliner Gorki Theater die Weimarer-Republik-Operette 'Alles Schwindel' von Mischa Spoliansky/Marcellus Schiffer wiederaufgenommen. Da kann man erleben, dass solche Starqualitäten auch bei der nächsten Generation von Darstellern vorhanden ist. Denn was Jonas Dassler und Vidina Popov da in der Regie von Christian Weise abliefern, ist die Fortsetzung dieser 'Perlen' mit anderen Mitteln. Allerdings ohne Adam Benzwi und seinem Zauberorchester. Aber vielleicht kommen die ja auch nochmal zusammen.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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