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Samstag, 22. Februar 2020

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Don Giovanni, Copyright: Brinkhoff/Mögenburg

Don Giovanni, © Brinkhoff/Mögenburg

Neuer 'Don Giovanni' in Hamburg

Ohne Linie

In ganz Hamburg hängen die Plakate: ‚Don Giovanni. Adam Fischer dirigiert. Jan Bosse inszeniert.‘ – darüber zwei Porträts besagter Herren. Weniger Inhalt geht kaum. Leider ist es auch mit der zweiten Neuinszenierung der Spielzeit an der Hamburgischen Staatsoper nicht weit her.

Haltungslos

Im Programmheft steht es geschrieben und Intendant Delnon spricht es in seiner anschließenden Rede aus: Kaum eine Figur hat eine derart überbordende und vielschichtige Rezeption erfahren, die von der Bildenden Kunst über die Literatur bis hin zur Philosophie reicht. Stoff bietet die Geschichte um den ‚bestraften Wüstling‘ bis heute reichlich. Freilich kann bei einer derartigen Deutungsgeschichte nicht jede Inszenierung das Rad neu erfinden, doch in dieser fehlt schlichtweg jegliche Haltung gegenüber der Geschichte und den Figuren. Doch auch das ist ja kein wirkliches Problem, wäre irgendeine Linie, irgendeine Stringenz erkennbar. Stattdessen zerfällt die Dramaturgie in wahllose Einzelideen, die nicht einmal konsequent als Gedanken ausgeführt sind. Der Protagonist selbst bleibt blass, obwohl Andrè Schuen makellos kraftvolle Stimme und ungebrochene Präsenz beweist.

Wenig menschlich

Auch die anderen bleiben weit unter ihren Möglichkeiten: Dovlet Nurgeldiyev gibt mit strahlenstrotzendem Tenor einen Don Ottavio, dem keinerlei Intention abzugewinnen ist, Alexander Roslavets einen in vielen stimmlichen Nuancen durchdachten Masetto, der mit seiner Zerlina eine agile Dynamik entwickelt, die gleichsam sich kaum in eine übergeordnete Handlung einfügt. Ihr verleiht Anna Lucia Richter bestechenden Wohlklang mit lediglich ein paar uneinheitlichen Vokalausformungen. Die Donna Anna von Julia Kleiter begeistert durch ungebrochen geschmeidiges Legato, wenn auch sie leer und ungenau inszeniert bleibt. Schwächen der Intonation stellen sich nicht nur in der Friedhofsszene beim Komtur von Alexander Tsymbalyuk ein, der im Finale dafür wieder vollends triumphiert. Auch forciert Federica Lombardi als Donna Elvira zuweilen derart, dass ihre Stimme ins Schleudern gerät. Einzig Kyle Ketelsen, dem Leporello des Abends, gelingt durch wundervoll ausgespielten Humor und flexibler Klangführung eine glanzvolle Gesamtleistung, die auch Schwächen der szenischen Regiearbeit kaschiert. Zwischen alledem findet sich noch eine zusätzliche Figur: Schauspielerin Anne Müller begleitet mit allgegenwärtiger Energie und dämonischer Ausstrahlung das Geschehen als Amor/Tod – die pure Verschwendung schauspielerischen Könnens.

Gedankenlos

Denn diese von der Regie beigefügte Figur (warum auch immer nicht Liebe/Tod oder Amor/Thanatos genannt) birgt das gleiche Problem wie die teils durch Live-Abfilmungen gespeisten Projektionen und wie das verschiebbar im Rondell angeordnete Bühnenbild. All diese Elemente werden wahllos durcheinander verwendet, anstatt aus ihnen etwas künstlerisch zu formen. Dabei eröffnet nicht nur die wandelbare und verwinkelte Bühne von Stéphane Laimé besonders in Verbindung mit dem Videokonzept von Jan Speckenbach Möglichkeiten. Auch die Kostüme von Kathrin Plath liefern ebenso wie die ständige Begleitung durch Amor/Tod Assoziationen. Die vollkommene Negation von Deutung durch die Regie lässt einen am Ende des Abends in Verwunderung darüber zurück, wie so viel gewissenvoller Aufwand zu einem derart belanglosen Ergebnis führen kann. Weder das durchsichtige Dirigat Ádám Fischers, das die farbenreiche Orchestrierung mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg auf beeindruckende Weise zum Vorschein kommen lässt, noch die oftmals sorgsam gearbeiteten Rezitative können die Enttäuschung lindern.

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Kritik von Theo Hoflich

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Don Giovanni: Dramma giocoso in zwei Akten

Ort: Hamburgische Staatsoper,

Werke von: Wolfgang Amadeus Mozart

Mitwirkende: Adam Fischer (Dirigent), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Anna Lucia Richter (Solist Gesang), Julia Kleiter (Solist Gesang), Alexander Tsymbalyuk (Solist Gesang)

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