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Mittwoch, 23. Oktober 2019

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Geiger Christian Tetzlaff, Copyright: Giorgia Bertazzi

Geiger Christian Tetzlaff, © Giorgia Bertazzi

'Notturno'-Konzert des DSO im Neuen Museum Berlin

Pure Magie!

Es war Magie pur. Und das lag vor allem am Ort. Denn das große Treppenhaus des Neuen Museum in Berlin ist in der Architektur von David Chipperfield eine atemberaubende Kombination aus neuem Design und Resten von Weltkriegsschäden. Jeder Stein mit Schusslöchern erzählt hier eine Geschichte. Und genau in diesem Treppenhaus zu sitzen – dieser stylischen Kathedrale der Kunst, die sich über drei XXL-Etagen erhebt –, um genau dort Musik zu hören, das war der außergewöhnliche Reiz des Jubiläumskonzerts ‚10 Jahre Notturno‘ des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin.

Diese Konzertreihe in Zusammenarbeit mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz findet an verschiedenen Orten statt, aber das Neue Museum ist natürlich eine ganz besondere Attraktion. Weswegen es auch besonders voll war und zum Empfang vorab Sekt im Garten serviert wurde. Als Begrüßung sprach Prof. Dr. Hermann Parzinger und erklärte, wie wichtig Musik für die Stiftung sei. Er erwähnte auch, dass solch ein Konzert als ‚museumsunübliche Veranstaltung‘ eingestuft würde und es verwaltungstechnisch etliche Hürden zu nehmen gilt, um die nötigen Genehmigungen zu bekommen. Man hat die Hürden offensichtlich genommen – und ich wünschte mir, die Museen auf der Museumsinsel würden das öfter tun und sich somit für ganz andere Zielgruppen öffnen, statt immer nur Dienst nach Vorschrift zu machen für Touristen.

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

DSO-Chefdirigent Robin Ticciati war erkrankt, so dass es einige besondere ‚Notlösungen‘ gab, die den Reiz des Abends stark erhöhten. Zuerst dirigierte Komponist Ondřej Adámek (geboren 1979) sein Stück 'Sinuous Voices' (2004/09) selbst, mit einer Hingabe und Genauigkeit, die faszinierte. Es ist aufgeregte Musik mit starkem Drive, deren Stimmen teils wie ein gefährlicher Bienenschwarm klingen, sich zu Schreien verdichten, dann fast verzweifelt voranschreiten im Marschrhythmus. Es schwebt eine ständige Bedrohung über dem Ganzen, die sich von Zeit zu Zeit in wilden Schlägen entlädt. Wenn man dazu die Wunden in den Wänden des Treppenhauses sieht, die von unendlichem Leid und totaler Zerstörung künden, dann wird diese Musik an diesem Ort zu einem seltsamen Soundtrack, der beklemmend wirkt.

Nach einer kurzen Lesung aus Milan Kunderas 'Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins' über das Wesen des Schönen, nonchalant vorgetragen von Tatort-Kommissar Mark Waschke, waren dann schon die ersten Takte von Dvořáks Romanze für Violine und Orchester f-Moll (1873-77) so unvergleichlich schön, dass der Raum plötzlich wie in ein anderes Licht getaucht schien. Und als Christian Tetzlaff dann auf der Geige anfing zu singen, öffneten sich die Himmel. Ich saß da und dachte, das sei das Schönste, was ich je gehört habe – mit Klängen, die sich in der Weite des Raums mit einem ganz eigenen Zauber verströmten. Vom Orchester und Solisten wie in einem Trance gespielt, ganz auf sich abgestimmt und eingespielt, ohne Dirigent, nur als Dialog von größtmöglicher Intimität und Intensität.

Die Kürze des Lebens

Das Publikum saß andächtig da und lauschte, wie sich die Melodien, mit expressivstem Vibrato gespielt, immer wieder neu emporschwangen. Ich selbst wünschte, das könnte ewig weitergehen. Stattdessen trug Mark Waschke eine bewegende Passage aus Beethovens ‚Heiligenstädter Testament‘ vor. Es folgte Brett Deans 'Testament' (2002/08), wo man verschüttete Klassikklänge zwischen unendlichen Überlagerungen hören konnte. Was mich aber bei weitem nicht so ergriff, wie die Musik seines Prager Kollegen Adámek, der hier nochmals als Dirigent einsprang.

Nach einer Seneca-Passage über ‚Die Kürze des Lebens‘ kam Beethovens Große Fuge in B-Dur (für Streichorchester bearbeitet von Robin Ticciati) als Finale. Christian Tetzlaff übernahm die Rolle des Konzertmeisters und leitete das Stück mit einer Passion, die sich sichtbar auf alle Musiker übertrug. Das Stück wirkte in dieser leicht halligen Akustik wuchtiger und massiver als sonst. Aber auch das machte großen Eindruck, weil der Raum die Klänge aufnimmt und recycelt, zu etwas Neuem macht, sie übersetzt in eine Erlebniswelt, wie das kein Konzertsaal kann.

Anschließend in die laue Nacht entlassen zu werden und auf der beleuchteten Museumsinsel zu stehen, mit all den beleuchteten Monumentalbauten, die ihrerseits von Krieg und Zerstörung gezeichnet und nun auf ganz eigene Weise neu zu Glanz erstanden sind, verstärkte in mir das Bewusstsein, dass dies ein Konzert war, das ich nicht so leicht vergessen werde. Weil es diese Extradimension hatte, die ich mir durchaus öfter wünschen würde. Und die Dvořák-Romanze war wahrlich für die Ewigkeit!

Das nächste Notturno-Konzert findet im März im ‚Panorama‘ des Pergamonmuseum nebenan statt, und falls das Humboldt Forum 2020 soweit fertig sein sollte, dass man es nutzen kann, gibt‘s im Juni dort das dritte und letzte Nachtkonzert dieser Jubiläumssaison. Zweifellos sind diese anderen Locations auch attraktiv, aber das Chipperfield-Treppenhaus mit all den Kriegstrümmern, die eingebunden wurden in den Look von Neu-Berlin, wird keiner der anderen Orte toppen können. Darauf wies auch Prof. Parzinger als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hin, der das Konzert aus der ersten Reihe verfolgte. Neben und hinter ihm saß der Großteil des Publikums auf der Treppe selbst.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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10 Jahre 'Notturno': Sonderkonzert mit Robin Ticciati und Mark Waschke

Ort: Neues Museum,

Werke von: Antonín Dvorák, Brett Dean, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Deutsches Symphonie-Orchester Berlin (Orchester), Christian Tetzlaff (Solist Instr.)

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