> > > > > 14.09.2019
Montag, 4. Juli 2022

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Lena Belkina und Sébastien Guèze, Copyright: Karl & Monika Forster

Lena Belkina und Sébastien Guèze, © Karl & Monika Forster

'Carmen' am Staatstheater Wiesbaden

Stierkampf auf der Bühne

Ein weiblicher ‚Picadore‘ reizt hoch zu Ross den Stier in der Arena. Elegant, beherrscht, erotisch wirken die Bewegungen, unerbittlich die Lanzenstöße. Sehr nah fokussiert die Kamera den Stier, seine klaffenden Wunden, seine verzweifelten Versuche, die Spieße mit den bunten Bändern abzuschütteln. Dann setzt das Tier zu einem verzweifelten Angriff an, bringt das Pferd zu Fall, überrennt die Stierkämpferin. Dieser Film dauert nur wenige Minuten, untermalt mit den Anfangstakten der Ouvertüre von Georges Bizets 'Carmen' am Staatstheater Wiesbaden. Das Publikum quittiert diese Filmsequenz mit lautstarken Buh-Rufen. Doch die Musik geht weiter.

Ein guter Regie-Einfall

Zweifellos hat diese Idee von Intendant und Regisseur Uwe Eric Laufenberg Deutungspotential: Carmen als Kämpferin in der Arena des Lebens. Ihre Leidenschaft gilt dem Messen der Kräfte, die Lebensgefahr kalkuliert sie ein. Dahinter steht ein nicht zu bändigender Wille zur Selbstbestimmung. Diese Idee wirkte im Einheitsbühnenbild von Gisbert Jäkel abendfüllend und gegenwärtig. Dazu umbaute er die Drehbühne mit einer raumhohen Arenafassade. Einen rechteckigen Wand-Kubus mit Vorder- und Rückseite platzierte Jäkel mittig als Trennungslinie auf dem Bühnenrund und nutzte ihn durch Drehung zu geschickten Szenen- und Requisitenwechsel. Antje Sternberg und Louise Buffetrille schneiderten den Soldaten Uniformen, die sich am Vorbild der Entstehungszeit orientieren, verpassten allen übrigen Darstellern jedoch Kleidung, wie sie heute an Orten des Stierkampfes getragen wird.

Die Schrift ‚Torossi Corrida No Si‘ auf der Bühnenwand im ersten Bild, während die Soldaten auf die Zigarrenfabrikarbeiterinnen warten, markierte auch auf diese Weise noch einmal Laufenbergs Regie-Idee. Carmen ist die Stierkämpferin, Don Jose das gereizte, verletzte, rasende Tier. In diesem Kontext interessant ist Laufenbergs Wahl für die Uraufführungsfassung im Stil der Opéra comique von 1875, also Bizets Version pur, was bedeutete, dass anstelle der später vertonten Rezitative die Texte zwischen den Arien in französischer Fassung gesprochen wurden, eine Art dramatisches Singspiel also, das den Darstellern ein hohes Maß an sängerischen wie schauspielerischen Qualitäten abverlangte.

Schwache Besetzung

Daran krankte die Inszenierung. Wenig nachvollziehbar ist, dass Laufenberg die Partie der Carmen mit Lena Belkina besetzte. Ihr Gesang leidet schon länger an einem umfangreichen Vibrato, wodurch die Intonation unbestimmt wird. Im Forte war sie zu schrill, zu wenig geschmeidig im Piano, zu viel mit der Technik beschäftigt, die Partie ordentlich abzuliefern. Hinzu kamen ihre Ideenlosigkeit in der Darstellung der Person, ihre Unfähigkeit, die Partie mit Leben zu erfüllen und ihre Orientierungslosigkeit auf der großen Bühne. Sébastien Guèze als Don José an ihrer Seite steigerte sich immerhin im dritten Akt, sodass man ihm den zutiefst verletzten, in den Wahnsinn getriebenen Liebhaber abnahm. Darstellerisch überzeugender, jedoch stimmlich betrüblich schwach verkörperte Christopher Bolduc die Partie des Escamillo. Sumi Hwangs Auftritt hoch oben auf dem Rechteck als Micaela gab dem Publikum, worauf es wartete, in Ausdruck und Stimme Lebendigkeit, Gefühl und bravourösen Gesang. Auch die Nebendarsteller überzeugten weit mehr als die Hauptdarsteller, die Jugendkantorei im großen Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden fügte sich nahtlos in die so satt ausgesungenen Chorpartien ein und sorgte für zusätzliche Frische.

Sternstunden des Orchesters

Absoluten Hörgenuss in jedem Takt bot das Hessische Staatsorchester Wiesbaden. Generalmusikdirektor Patrick Lange stiftete die Musiker zu Höchstleistungen an, schaffte Spannungsmomente von unglaublicher Intensität. Konsequent bot er eine Interpretation, die dem Melos Bizets vollkommen Rechnung trug, im Detail mit höchster Sorgfalt ausmusiziert, in jedem Moment transparent, vielfarbig, mitreißend. Eine großartige Leistung!

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Kritik von Christiane Franke

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Carmen: Georges Bizet

Ort: Hessisches Staatstheater,

Werke von: Georges Bizet

Mitwirkende: Patrick Lange (Dirigent), Uwe Eric Laufenberg (Inszenierung), Orchester des Staatstheaters Wiesbaden (Orchester)

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