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Donnerstag, 19. September 2019

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Tobias Bonn (Gjurka Karoly) und Christoph Marti (Roxy), Copyright: Iko Freese/drama-berlin.de

Tobias Bonn (Gjurka Karoly) und Christoph Marti (Roxy), © Iko Freese/drama-berlin.de

Abrahams 'Roxy und ihr Wunderteam' kehrt zurück

Hip! Hip! Hurra! Die Mannschaft ist 1A

Allein die Tatsache, dass die Komische Oper Berlin ihre neue Spielzeit mit einem Operetten-Doppelwhopper eröffnet, setzt ein deutliches Signal. Das mir sagt: Hier bist du richtig als jemand, der die lang verpönten und angeblich ‚entarteten‘ Werke der Weimarer Zeit liebt und das Genre in möglichst vielen Spielarten erleben will. So folgte also auf Leonard Bernsteins Broadway-Operette 'Candide' (1956) am ersten Abend der neuen Spielzeit die Paul-Ábrahám-Fußballoperette 'Roxy und ihr Wunderteam' (1937) an Tag 2 – ein Stück, das Ábrahám nach der Flucht aus Nazi-Deutschland erst in Budapest herausbrachte und dann am Theater in der Wien zur deutschsprachigen Erstaufführung brachte. Als totale Verballhornung des neuen arischen Sportideals und der Olympiabegeisterung jener Jahre.

Diese Vaudeville-Operette in drei Akten mit einem Textbuch von Alfred Grünwald und Liedtexten von Grünwald und Hans Weigel war ein ausgestreckter Mittelfinger ins Gesicht all jener in Deutschland, die Jazzoperetten mit all ihren Blackwalks, Shimmys und Charlestons als ‚Negermusik‘ einstuften und die kessen Revuestücke, in denen diese Musik verwendet wurde, zur ‚Degeneration‘ erklärten. (Das Wort findet man übrigens noch in der neuesten Ausgabe von Volker Klotz‘ berühmten Operettenführer, der speziell an Ábrahám kein gutes Haar lässt.)

Zuerst zwei glatt, dann zwei verkehrt

Barrie Kosky als Intendant der Komischen Oper hat von Anfang an das Ziel ausgerufen, diese angeblich degenerierten Stücke wieder auszugraben und neuerlich zur Diskussion zu stellen. Er hatte höchstselbst zu Beginn seiner Amtszeit angefangen mit Ábraháms 'Ball im Savoy' (1932) und einen Sensationserfolg errungen. Der zeigte, dass diese Stücke alles andere als degeneriert sind, sondern uns heute weit mehr zu sagen haben – in Zeiten von Fake News, Gender-Debatten, Frauenquoten, Online-Dating und Flüchtlingsströmen – als die lange fast ausschließlich gespielten Klassiker 'Fledermaus' (1874) und 'Lustige Witwe' (1905).

Während 'Ball im Savoy' das letzte Erfolgswerk Ábraháms war, das in Berlin zur Uraufführung kommen konnte, bevor die Nationalsozialisten an die Macht gelangten, so ist 'Roxy' das letzte Werk, das Ábrahám in Europa herausbrachte vor der Flucht nach Kuba und in die USA. Es ist sozusagen sein Abgesang, nach dem Motto: ‚I am what I am!‘

Denn Ábrahám passt seine Musik nicht (!) an die neuen Klangideale in Deutschland an. Und auch die neue Ideologie dort nehmen er und Grünwald/Weigel gehörig auf die Schippe, z. B. mit dem Lied von der Handarbeit: ‚Das junge Mädchen aus gutem Haus, das geht am Abend nicht täglich aus, geht nicht ins Kino, nicht in die Bar, ist so wie‘s früher einmal war!‘ Doch dann erklären die Autoren, was sich hinter der Fassade der Rückkehr-zu-Anstand-und-Sitte abspielt: die ‚kleine feine Handarbeit‘, die das arische Mädchen beim Stricken für den Liebsten vollführt (‚zuerst zwei glatt, dann zwei verkehrt‘), ist nichts anderes als … genau! (‚Und noch bevor die Arbeit fertig ist, hat er sich schon erklärt.‘)

Der tanzende Derwisch

Um dieses im Kontext der Weimarer Operette wichtige Spätwerk zurückzuholen, hat Kosky den Regisseur Stefan Huber beauftragt, zusammen mit Dirigent Kai Tietje eine neue Spielfassung des Materials zu erstellen. Sie macht aus den wenigen Musiknummern und der federleichten Screwball Comedy eine ausgewachsene ‚Fußball-Operette in drei Akten‘, die als besonderer Clou in der Titelrolle – einst für den tanzenden Derwisch Rosy Barsony geschrieben – Christoph Marti als cross-dressed Attraktion bietet, irgendwo zwischen Lilian Harvey und Jean Harlow angesiedelt.

Man könnte zu dieser Inszenierung viel sagen, etwa dass sie an entscheidenden Stellen viel zu brav wirkt und das Verzweifelte von Ábrahám und Grünwald im Angesicht von Nazi-Terror zu sehr versteckt hinter hübschen Kostümen und historisierenden Bühnenbildern, die mehr Glitzerkitsch als Leni-Riefenstahl-Persiflage sind: Aber dass diese aufwändige Produktion überhaupt jetzt zurück in den Spielplan kommt und in den nächsten Monaten im Spielplan bleibt, ist eine echte Leistung. Denn dadurch wird diese lang vergessene ‚letzte‘ Ábrahám-Operette mit einer Selbstverständlichkeit ins Berliner Musiktheaterleben zurückgeholt, die überfällig ist.

Und verglichen mit der Erstaufführung der 'Roxy'-Rekonstruktion 2014 in Dortmund, wo das Opernensemble mit teils viel zu schweren Stimmen diese Musik gestaltete, muss ich sagen, dass die Art des Singens von Künstlern wie den Geschwistern Pfister ein Genuss ist. Denn sie segeln durch die Musik mit größtmöglicher Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, sie bewegen sich mit Bravour, und sie tanzen ganz wunderbar mit der Fußballmannschaft (Mathias Reiser, Kevin Arand, Tobias Stemmer, Dennis Weißert, Christopher Bolam, Paul Gerritsen, Hunter Jacques, Thiago Fayad, Andrew Cummings) sowie den elf Damen von der Gymnastikgruppe, die das Trainingslager der ungarischen Nationalmannschaft aufmischen (Gabriela Ryffel, Ramona Schlenker, Laura Mann, Mariana Souza, Meri Ahmaniemi, Friederike Meinke, Paula Rummel, Diemut Wauer, Sabine Hill, Katharina Thomas, Katrin Hacker).

Besonders Gabriela Ryffel als aufmüpfige Schülerin Ilka Rirnitzer an der Heldenbrust von Torwart Jani Hatschek (phänomenal: Jörn-Felix Alt) muss hier hervorgehoben werden. Denn gerade in der Besetzung der vielen Nebenrollen beweist diese Produktion, dass Operette Gesamtkunstwerk ist und aufeinander abgestimmte Ensembleleistungen braucht. Das Ensemble ist in diesem Fall – in der Choreographie von Danny Costello, mit Kostümen von Heike Seidler – fast der eigentliche Star des Abends. Dem Christoph Marti mit Tobias Bonn als verzweifeltem Fußballkapitän Gjurka das i-Tüpfelchen aufsetzen; nicht zu vergessen Andreja Schneider als herb-komische Direktorin des Mädchenpensionats, Aranka von Tötössy. Und, last but not least: Uwe Schönbeck als geiziger schottischer Onkel von Roxy und Johannes Dunz als ihr sitzen gelassener Verlobter Bobby liefern memorable Kurzauftritte. Große Klasse, alle zusammen!

Zwischen Broadway und Swing

Der Sound, den Dirigent und Arrangeur Kai Tietje mit dem blendend aufgelegten Orchester entfacht, klingt eher nach Broadway und 1940er-Jahre-Swing, weniger nach typischem Ábrahám und sicher nicht nach Vaudeville. (Den Originalklang kann man in der Filmversion von 1937 nachhören, Ausschnitte daraus geistern durch diverse Onlineportale, Ábrahám dirigiert dort selbst.) Auf diese musikalische Stilverschiebung muss man sich einlassen, um die Berliner 'Roxy'-Produktion genießen zu können. Auch darauf, dass ein bisschen der Drive und das Durchgeknallte fehlt, den Kosky in seinen Operetteninszenierungen zum Markenzeichen gemacht hat.

Aber Ábrahám verträgt das. Und die Berliner Operettenszene kann diesen alternativen Interpretationsansatz gut gebrauchen, um zu zeigen, was alles geht: Im Dezember wird Ábraháms für Wien komponierte Japan-Operette 'Dschainah: Das Mädchen aus dem Tanzhaus' (1935) konzertant an der Komischen Oper ausgegraben, später kommt Jaromir Weinbergers rekonstruierte Richard-Tauber-Operette #Frühlingsstürme' (1933) dort auf die Bühne. Und dann kehrt im September Mischa Spolianskys Kontaktanzeigenoperette 'Alles Schwindel' (1932) ans Berliner Gorki Theater, wobei Jonas Dassler und Vidina Popov eine weitere spannende Alternative zu den Geschwistern Pfister sowie Dagmar Manzel & Co. liefern.

Dass all das mit größtmöglicher Selbstverständlichkeit aktuell in Berlin im Angebot ist und ein begeistertes Publikum findet, kann man als Wunder bezeichnen. Es zeigt, dass sich die hauptstädtische Operettenszene endlich vom langen Schatten der Nazi-Ideologie freimacht und auch den Bannspruch von Volker Klotz mit 30 Jahren Verspätung hinter sich lässt – auch, indem Bernsteins 'Candide' ganz unverkrampft den Werken von Ábrahám, Spoliansky, Weinberger oder Oscar Straus gegenübergestellt wird. Konkurrenz belebt das Geschäft und Kontraste lassen Besonderheiten stärker hervortreten. Denn: Es gibt nicht nur ‚eine‘ Operette, die richtig oder falsch ist, sondern unendlich viele Spielarten. Je mehr man experimentiert und durcheinanderwirbelt, desto besser. Und in dieser 'Roxy' mit den Geschwistern Pfister wird heftig gewirbelt. In diesem Sinne: auf eine grandiose Spielzeit 2019/20 in Berlin.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Paul Abraham: Roxy und ihr Wunderteam: Saisoneröffnung und Wiederaufnahme

Ort: Komische Oper,

Werke von: Paul Abraham

Mitwirkende: Orchester der Komischen Oper Berlin (Orchester)

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