> > > > > 27.10.2019
Dienstag, 19. November 2019

Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, Copyright: Claudia Höhne

Kent Nagano und das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, © Claudia Höhne

Nobuyuki Tsujii in der Elbphilharmonie

Ein Konzert der Superlative

‚Musik kann ein Klima des Miteinanders, des Erhabenen oder des Intimeren kreieren‘, so formulierte es einmal in einem Interview der Pianist Igor Levit. Das kann ohne Abstriche als kategorischer Imperativ für das 2. Philharmonische Konzert im großen Saal der Elbphilharmonie genommen werden. Unter diesem Aspekt erscheint es schlüssig, dass Kent Nagano Beethovens kontemplative 'Egmont-Ouvertüre' f-Moll op. 84 an den Anfang des Konzertes gesetzt hat. Schauspielmusiken sind, obwohl ursprünglich von einem Theaterstück inspiriert, bei Ludwig van Beethoven auch stets ohne das dichterische Wort von künstlerischem Wert. Schon hier zeigte sich, dass das Philharmonische Staatsorchester Hamburg unter Kent Nagano disponiert war und bei den Zuhörern so etwas wie ein ‚Eingedenksein‘ bewirkte. 

Der Reiz von Franz Liszts Klavierkonzert Nr. 1 in Es-Dur beruht auf einer subtilen Vielfalt poetisch-musikalischer Beziehungen. Der Japaner Nobuyuki Tsujii gehört zu den Pianisten, die dies ernst nehmen. Kraft seiner hervorragenden Technik konnte Tsujii die großartige Architektonik in Klang umsetzen, ohne das rein virtuose Element in den Vordergrund zu stellen. Unter technischem Aspekt überaus riskant angelegt, überzeugte Tsujiis Interpretation vor allem durch fulminante Musikalität und eine stupende Stilsicherheit, durch die eine nahezu vollkommene Ausbalancierung und klangliche Transparenz erreicht wurde. 

Synthese von Virtuosität und Klang

Der ganze Kopfsatz war ein warm durchpulstes Fließen, der Klavierton singend, aber gleichzeitig auch sehr tragend, versunken wurde noch der kleinsten motivischen Gestalt nachgespürt. Gleiches galt auch für den zweiten Satz, dessen thematische Janusköpfigkeit unglaublich geschmackvoll realisiert wurde. Wie bemerkenswert Tsujii musiziert, bemerkte man unter anderem im 'Allegro marziale animato' des vierten Satzes, den ich selten so klar und deutlich gehört habe. Fazit: Ein klischeefreier, höchst individuell gestalteter Liszt. Das Ganze kann natürlich nur funktionieren, wenn zwischen Dirigent und Solist eine sensitive Kommunikation herrscht. Und die war hörbar vorhanden. Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg steuerte unter Kent Nagano eine beinahe kammermusikalische Klarheit bei, wodurch viele intime Dialoge zwischen Pianist und Orchester entstehen konnten.

Entdeckungsreise zu einem ‚unerhörten‘ Mahler

Die 5. Sinfonie von Gustav Mahler stellt an Dirigent und Orchester außergewöhnliche Anforderungen, nicht nur was die Länge dieses Werkes betrifft, sondern auch das Zusammenspiel der einzelnen Instrumente. Es ist im Grunde eine Musik als Erfahrungssuche an den Grenzen des Daseins. Mit der 5. Sinfonie verließ Gustav Mahler ja nur vordergründig den Bereich Sinfonie und Lied. Das seit Viscontis Film 'Tod in Venedig' berühmte Adagietto verweist auf das Lied 'Ich bin der Welt abhanden gekommen' aus den 'Rückert-Liedern' und der Finalsatz zitiert das Wunderhornlied 'Lob des hohen Verstandes'. Vielleicht ist Kent Nagano mit seiner kontemplativen Haltung einer der wenigen Dirigenten, die dies in Klang umsetzen können. Und vor dem Hintergrund einer quasi philosophischen Haltung, die sich sowohl auf Zuhörer wie Orchester überträgt, mit einem sicheren Sinn für harmonische, klangfarbliche und motivische Zusammenhänge gleichsam wie versunken den Geheimnissen dieser Musik auf der Spur ist.

All dies war schon beim ersten Satz zu hören, wo Nagano den Notentext nicht in einer äußeren Klangschicht effektvoll zerknallte. Wundervoll der Beginn mit dem magischen Trompetensolo, das wie von selbst ins Orchestertutti mündet und dann wie traumverloren im leidenschaftlichen Streicherklang landet. Auch die übrigen Sätze wurden mit dem glänzend vorbereiteten Orchester nicht weniger überzeugend interpretiert. Der zweite Satz wie auch der abschließende fünfte Satz schienen folgerichtig vom Gedanken des ‚Vom Dunkel zum Licht‘ geprägt zu sein. Im Adagietto setzte Nagano den Notentext in einen Klang um, der sich in einer zutiefst bewegenden Direktheit unmittelbar natürlich erschloss, ohne sentimental zu wirken. Staunend wanderte Nagano mit seinen Musikern durch die nur vordergründig vertraute Landschaft des janusköpfigen Scherzos, das durch seine völlig unüblichen zeitlichen Ausmaße noch entfernt an Schuberts ‚himmlische Längen‘ erinnert. Alles erschien vertraut, ist aber dann doch ganz fremd. Großes Lob nicht nur an die hervorragend präparierten Blechbläser, sondern an das ganze Orchester, dessen bewundernswerte Leistung im vollbesetzten großen Saal der Elbphilharmonie mit rauschendem Beifall und vielen Bravi belohnt wurde.

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Kritik von Michael Pitz-Grewenig

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Philharmonische Konzerte: Großes Abo

Ort: Elbphilharmonie,

Werke von: Gustav Mahler, Franz Liszt, Ludwig van Beethoven

Mitwirkende: Kent Nagano (Dirigent), Philharmonisches Staatsorchester Hamburg (Orchester), Nobuyuki Tsujii (Solist Instr.)

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