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Samstag, 19. Oktober 2019

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Chefdirigent Robin Ticciati, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Copyright: Kai Bienert

Chefdirigent Robin Ticciati, Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, © Kai Bienert

Robin Ticciati dirigiert 'Rusalka' beim Musikfest Berlin

Symphonie aus der Märchenwelt

Nun ist das diesjährige Musikfest Berlin auch schon wieder vorbei, es endete nach 19 Tagen mit einer konzertanten Opernaufführung, so wie es mit einer ebensolchen begann. Nach 'Benvenuto Cellini' unter Gardiner zum Start und einigen anderen Musiktheatertiteln zwischendurch (u. a. 'Die Frau ohne Schatten'), gab’s zum Finale Antonín Dvořáks Märchenoper 'Rusalka' (1901): die Kleine-Meerjungfrau-Geschichte auf Tschechisch. Dafür trat Robin Ticciati mit dem Deutschen Symphonie-Orchester (DSO) an, er brachte seine teilweise schon beim Glyndebourne Festival erprobte diesjährige Sommerbesetzung mit. Dort hatte Ticciati das Stück mit dem London Philharmonic Orchestra aufgeführt. Fürs DSO war es der Auftakt zur eigenen Konzertsaison 2019/20, in der sich das Orchester verstärkt mit dem Œuvre Dvořáks auseinandersetzen will.

Während bei Gardiner/Berlioz die Philharmonie für ein überrumpelndes Gesamtspektakel aus Licht, Kostümen, Bewegung und Klangwunder genutzt wurde, blieb‘s bei Ticciati/Dvořák konventionell: Solisten vorn an der Rampe, Mikrophone vor der Nase, Einheitsbeleuchtung, fertig. Man sollte sich auf die Musik konzentrieren. Diese gestaltete der DSO-Chefdirigent eher als endlose symphonische Dichtung statt als zupackendes theatralisches Werk mit scharfen Kontrasten und atmosphärischen Einzelszenen, die sich klanglich voneinander absetzen. Hier zerfloss vieles zu einer ‚Symphonie aus der Märchenwelt‘. Dabei entstanden wunderbar schwelgende Momente, aber sie nahmen kein Ende. Wenn ich Dvořák symphonisch erleben will, sind mir persönlich die Symphonien (mit Spieldauern von unter 60 Minuten) lieber, als solch ein dreistündiges Mehr-und-Mehr. Gerade wenn man, wie hier, keinerlei szenische Hilfsmittel einsetzt, sollte die Musik selbst intensiver genutzt werden, um im Kopf des Zuhörers Szenen entstehen zu lassen. Dabei hätte vermutlich eine Besetzung mit tschechischen Sängern geholfen, die auch sprachlich etwas zu vermitteln gehabt hätten (glücklicherweise gab es Übertitel).

Walkürenritt

Aus Glyndebourne brachte Ticciati Sopran Sally Matthews mit, die eine optisch einnehmende Erscheinung war. Ein zentraler Aspekt jeder 'Rusalka' ist schließlich, ob die Titelheldin den Zuhörer ergreifen kann mit ihrer tragischen Liebe, ihrem Wunsch, Mensch zu werden, ihrem Ausbrechenwollen aus der Unterwasserwelt, ihrer Sehnsucht nach einem ‚anderen‘ Leben, für die sie Freundinnen und Familie verlässt und tragisch endet (eine hochaktuelle Geschichte, nach wie vor). Matthews sang die Partie technisch absolut souverän, mit warmem Timbre und etwas mulmiger Aussprache, der eine wie auch immer geartete textliche Präsenz fehlte. Das war für meine Ohren eine professionelle Leistung, die ich wertschätzen kann. Aber wie das bei Stimmen so ist, jeder reagiert anders und höchst individuell auf sie. Mich erreichte diese Stimme emotional nicht: Es fehlte mir das silbrig Schimmernde beim Mondlied, das Zitternde, das Angstvolle, das jugendlich Verliebte und dann auch das Triumphierende am Schluss. Aber vermutlich hätte eine zartere Stimme à la Rita Streich oder Lucia Popp gegen Ticciati und die kaum gedrosselte orchestrale Gewalt keine Chance gehabt, denn bei ihm geriet schon der folkloristische Elfenreigen im ersten Akt (mit Noluvuyiso Mpofu, Anna Pennisi und Alyona Abramova) zu einer Art Walkürenritt, bei dem ich staunte, was da im Mondschein am Seeufer abgeht. Das war mehr Loveparade mit hämmernden Beats (für die man Ohrstöpsel braucht) als verspieltes Notturno.

Neben Sally Matthews sollte eigentlich Pavol Breslik stehen und den Märchenprinzen geben. Der musste aber wegen Krankheit absagen und wurde von Klaus Florian Vogt ersetzt. Der hatte mit seiner Trompetenstimme keinerlei Schwierigkeiten, sich gegen die Klangfluten zu stemmen, aber seinem heldischen Tenor fehlt das Schwärmerische und Schmachtende, und sein Tschechisch klingt irritierend. Trotzdem war das für einen kurzfristigen Einspringer eine professionell abgelieferte Leistung, die ebenfalls Bewunderung wecken kann, wenn auch wenig Liebe. Womit bei einer solchen Liebesgeschichte irgendwie ein Loch im Zentrum des Geschehens klaffte.

Handfest und kommunikativ

Wirklich plastisch agierten Alexander Roslavets als Wassermann (auffallend hell im Timbre) und Patricia Bardon als fabelhafte Hexe Ježibaba. Daneben glänzte als weitere Einspringerin Bethany Horak-Hallett als Küchenjunge mit dem großartigen Charaktertenor Colin Judson als Heger. Abgerundet wurde das Ensemble von Zoya Tserenina als Fremder Fürstin mit explosiven vokalen Gesten. Sie alle machten für Einzelmomente aus dem symphonischen Schwelgen handfeste Oper.

Nachhören können Interessierte das Ganze am 2. November, dann wird die Aufführung im Radio übertragen. Ob da der Frauenchor aus der Ferne des Raums auch so zauberisch entrückt klingen wird wie in der Philharmonie (Rundfunkchor Berlin, Einstudierung: Michael Alber)?

Immerhin ist Robin Ticciati ein ungemein kommunikativer Musiker, dem man gern zuschaut beim Zuhören. Als Operndirigent hat er mich vorerst nicht überzeugt, zumindest nicht mit diesem Dvořák-Abend, von dem er selbst im Programmheft sagt, er verlange nach ‚klarer sprachlicher Artikulation‘. Man darf gespannt sein, wie die Ticciati/DSO-Reise mit Dvořák weitergeht. Vorab hieß es dazu vom Dirigenten: ‚Ich will mich gründlicher mit der Idee des Volkstümlichen bei ihm auseinandersetzen; auf dem Verhältnis von Sprache und Musik, insbesondere dem Einfluss der Sprache auf sein Komponieren will ich genauer nachgehen.‘

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Dvorak: Rusalka: Konzertante Aufführung

Ort: Philharmonie (Grosser Saal),

Werke von: Antonín Dvorák

Mitwirkende: Robin Ticciati (Dirigent), Deutsches Symphonie-Orchester Berlin (Orchester), Klaus Florian Vogt (Solist Gesang), Sally Matthews (Solist Gesang)

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