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Montag, 16. September 2019

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Sir John Eliot Gardiner, Copyright: Sim Canetty Clarke

Sir John Eliot Gardiner, © Sim Canetty Clarke

John Eliot Gardiner dirigiert 'Benvenuto Cellini'

Berlioz als Rockkonzert in Berlin

‚Wenn es dir zu laut vorkommt, dann bist du zu alt dafür.‘ So lautet ein berühmter Spruch aus der Pop- und Rockwelt, an den ich öfter denken musste bei der Eröffnung des Musikfest Berlin 2019, mit einem Gastspiel von Sir John Eliot Gardiner und dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique. Auf dem Programm stand zum 150. Geburtstag von Hector Berlioz dessen Opéra semi-sérieux in zwei Akten 'Benvenuto Cellini' (1834-37). Eine halbszenische Aufführung, bei der alle Sänger in Kostümen auftraten und sich zusammen mit dem phänomenalen Monteverdi Choir frei auf zwei Spielebenen vor und hinterm Orchester bewegten, um die ziemlich abstruse (‚halbernste‘) Renaissancegeschichte plastisch umzusetzen.

Plastisch heißt: als musikalisch zupackendes Großereignis, bei dem das Orchester rockt. Und wie alle Rockstars der Welt nahmen sich die Orchestermusiker das Recht heraus, so auf die Tube zu drücken, dass das Lautstärkeniveau durchweg so hoch war, dass ich teils bedauerte, keine Ohrstöpsel mitgebracht zu haben; ein Gedanke, den viele Leute teilten, die ich in der Pause sprach. Allerdings sagten alle, dass dieses ‚grelle Lärmen‘ extrem effektvoll sein und auch dem entspräche, was Zeitgenossen über Berlioz anmerkten bzw. kritisierten. Im Gegensatz zu anderen superlauten Konzerten war hier allerdings der Sound immer (!) durchsichtig und bis in die kleinste Nuance durchhörbar; das machte den ganzen Unterschied. Und diese Klagnuancen sind es letztlich, die, mit historischen Instrumenten und Naturhörnern gespielt, den Reiz dieser statischen und leicht blödsinnigen (um nicht zu sagen: extrem konventionell gebauten) Operngeschichte über den Bildhauer Cellini (1500-1571) und seine Geliebte Teresa spannend machen.

Mit Attacke gestartet

Die krachende Ouvertüre spielten die Musiker im Stehen und starteten den Abend damit mit einem Drive und einer überrumpelnden Attacke, die in den folgenden dreieinhalb Stunden nie abflachten; auch wenn die Musiker ab Akt 1 auf Stühlen saßen. In blaues, grünes, rotes Licht getaucht, blieben sie das Zentrum dieser Berlioz-Feier, für die der Berliner Senat tief in die Tasche gegriffen hat. Denn um dieses Event in die deutsche Hauptstadt zu holen, musste der Hauptstadtkulturfonds einspringen mit einer Sonderförderung. Mit dem Extrageld konnte 'Benvenuto Cellini' als einziges Deutschlandgastspiel angeboten werden: nach einem Konzert bei den Proms in London und neben La Côte-Saint-André und Paris. Die Aufführung aus London wird am 2. September im deutschen Radio gesendet.

Wegen der extremen Klangpräsenz des Orchesters hatten es die Solisten schwer: sie mussten teils gegen eine schier undurchdringliche Wand ansingen, was sie allerdings mit größtmöglicher Gesangskultur taten, auch auf die Gefahr hin, dass man sie zwischendurch öfter nicht mehr hörte. Besonders eindrucksvoll war Michael Spyres als Titelheld, der mit hellem Tenor-Peng und klarer Aussprache ein idealer Cellini war, der zudem sportiv auf dem Podium agierte und Dynamik ins Geschehen brachte. Seine in den letzten Akt verlegte große Arie (der ‚Traum vom Leben als einfacher Hirt auf dem Felde‘) blühte wunderbar innig auf, allerdings verlor Spyres unter Druck seinen Stimmsitz, der Klang rutscht in den Hals, und er knödelt heldentenoral. Das unterscheidet ihn von berühmten Cellini-Vorgängern wie Nicolai Gedda. Doch es war eine beeindruckende Leistung von Spyres, für die er frenetisch gefeiert wurde; wie alle anderen übrigens auch.

Komik und Bravour

Die anderen waren Sophia Burgos als federleicht singende Teresa, Adèle Charvet als Cellinis Assistent Ascanio (eine Hosenrolle), Tareq Nazmi als fast Offenbach‘scher Papst Clemens VII. mit orgelnden Basstönen und niedlicher Blödheit sowie Lionel Lhote als Cellinis Widersacher Fieramosca, der immerhin nach seiner mit Komik und Bravour gestalteten Arie den größten Zwischenapplaus des Abends bekam. Einspringer Maurizio Muraro als Teresas trottliger Vater Balducci machte seine Sache souverän, klang aber mehr nach Donizettis Don Pasquale als nach Berlioz, mit gänzlich unverständlichem Französisch. Immerhin gab‘s Übertitel, die sehr hilfreich waren.

Die römischen Karnevalschöre und Matrosenchöre und überhaupt alle Massenszenen mit Chor waren ein Ereignis. Das kann man nicht anders sagen. Und als im Finale dann die berühmte Perseus-Statue gegossen wurde – und plötzlich ein golden bemalter Jüngling à la 'Goldfinger' zwischen den Choristen steht und Perseus-mit-abgeschlagenem-Medusa-Haupt als fleischgewordenes Double verkörpert – geriet man als Zuhörer schon in eine Art Rauschzustand. Der sich dann, wie erwähnt, in explosionsartig ausbrechendem Applaus äußerte.

Der andere Jubiläums-Franzose

Da ja 2019 nicht nur ein Berlioz-Jahr ist, sondern auch ein Jacques-Offenbach-Jahr (200. Todestag), musste ich bei diesem glucksenden 'Benvenuto Cellini' öfters an den anderen Franzosen denken, weil der ‚halbernste‘ Stellen wie in dieser Künstlergeschichte in seinen eigenen Stücken vollkommen durch den Kakao gezogen hat und dabei eine deutlich effektvollere melodische Erfindungsgabe bewies. Melodienschreiben ist nicht das Forte von Berlioz, Dramaturgie auch nicht. Er kompensiert das mit Orchestrierungsraffinessen, von denen ein immenses Faszinosum ausgeht. Mir schoss mehrmals der Gedanke durch den Kopf, wie wohl Gardiner und seine Kräfte eine 'Genevieve de Brabant' als klassisches Rockkonzert umsetzen würden, mit Naturhörnern usw.? Wer weiß, ob die Klassikwelt für Offenbach auch so tief in die Kasse gegriffen hätte wie für Berlioz.

Was an der Aufführung auch bemerkenswert war: In dem halbszenischen Rahmen (Bewegungsregie: Noa Naamat; Kostüme: Sarah Denise Cordery; Lichtdesign: Rick Fisher) war die Handlung klar verständlich und wirkte überzeugender als so manche Berliner Voll-Inszenierung. Das kann einem schon zu denken geben, auch der Umstand, dass Berlin mit drei (!) Opernhäusern 2019 keine andere Berlioz-Feier im Angebot hat als dieses Gastspiel aus London. Dafür macht Barenboim im September mal wieder Wagners 'Ring'. Da muss ich mich sicher nicht fragen, ob ich zu alt für eine coole Rock-Interpretation sein könnte.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Berlioz: Benvenuto Cellini (konzertant): Eröffnung Musikfest Berlin

Ort: Philharmonie (Grosser Saal),

Werke von: Hector Berlioz

Mitwirkende: Monteverdi Choir (Chor), Sir John Eliot Gardiner (Dirigent), Orchestre Révolutionaire et Romantique (Orchester)

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