> > > > > 20.06.2019
Donnerstag, 14. November 2019

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Dino Lüthy, Emily Hindrichs, Copyright: Bernd Uhlig

Dino Lüthy, Emily Hindrichs, © Bernd Uhlig

'La Grande-Duchesse de Gérolstein' in Köln

Offenbach im 21. Jahrhundert

Jacques Offenbach (1819–1880) ist berühmt für seine anspielungsreichen, zeitkritischen, spritzigen und beliebten Operetten. Am 20. Juni 2019 wäre er 200 Jahre alt geworden. Die Oper Köln feiert den in Köln geborenen, deutsch-französischen Komponisten mit einer Neuinszenierung der 1867 uraufgeführten Opéra bouffe 'La Grande-Duchesse de Gérolstein' – ein zwiespältiges Opus, bei dem man am Ende schwankt zwischen einfach nicht mehr zeitgemäß oder revolutionär. Denn auch wenn die Großherzogin von Gérolstein bei Renaud Doucet (Inszenierung), André Barbe (Bühne und Kostüme) und Cécile Chaduteau (Choreographie) kein kleines Herzogtum befehligt, sondern als Unternehmerin eines deutschen Wasserimperiums die Lebensgrundlage des goldenen Frosches bedroht sieht und ihre Manager in die Schranken weist, bleiben die Verhältnisse am Ende unverändert. Sie heiratet – wie von ihren Managern zu Beginn empfohlen – schlussendlich Prinz Paul, Erbe eines französischen Back- und Teigwarenunternehmens. Denn ‚wenn man nicht kriegt, was man liebt, muss man lieben, was man kriegt‘ – so ihre Schlussmoral.

‚Hambi bleibt‘, ‚La ZAD est partout‘, ‚There is no planet B‘, Fröschequaken und Vogelgezwitscher: In einem liebevoll zusammengeschreinerten und mit allem Lebensnotwendigen ausgestatteten Baumwipfeldorf haben sich zu Beginn des ersten Aktes verschiedene UmweltaktivistInnen und KünstlerInnen niedergelassen. Es ist ein Morgen wie immer. Man steht Schlange vor dem Klohäuschen oder bereitet den Frühstückskaffee. Die einen chatten oder suchen Internetempfang, die anderen treiben Frühsport, duschen im Aquapark oder lieben sich im Schlafsack, als Géneral Boum – von Barbe in ein grüngelbes Sportdress gewandet – zum Appell ruft, um den Besuch der Großherzogin anzukündigen.

Historische Differenz

Was Offenbach als Militärsatire auf die Bühne bringt, verwandelt sich bei Doucet, Barbe und Chaduteau zunächst in die liebevolle Karikatur einer biedermeierlichen, Kraftsport-versessenen Umweltbewegung. Ganz auf sich und seine unvermuteten Beförderungen konzentriert, merkt Umweltschützer Fritz nicht, wie sein Kampf politisch und wirtschaftlich vereinnahmt wird und er in Intrige, mörderische Komplotte und willkürlich vom Zaun gebrochene Kriege hineingezogen wird. Doch wo bleibt der politisch-satirische Biss im zweiten und dritten Akt? Zu groß scheint die historische Differenz zu Offenbachs Zeiten zu sein, zu komplex die heutigen Verhältnisse, zu alltäglich die Karikatur der Protagonistin.

François-Xavier Roth und das Gürzenich-Orchester Köln präsentieren eine abwechslungsreiche, unterhaltsame Offenbachiade. Und doch scheinen mir – trotz spritziger Dynamik und abrupten Tempowechseln, trotz fantasievoller choreografischer Aufbereitung eines hervorragenden singen-, tanzen- und spielfreudigen Chores und Solistenensembles, trotz aktualisierter Dialoge – Offenbachs Marsch- und Tanzmusik und die Gesangstexte im französischen Original eher im 19. denn 21. Jahrhundert beheimatet zu sein. Jennifer Larmore ist eine klangvolle, wunderbar die eigenwillige, verliebte und wutentbrannte Lebenskünstlerin darstellende Großherzogin. Dino Lüthy verkörpert den herzhaften Fritz, der trotz der Annäherungsversuche und Beförderungen der Großherzogin seiner Freundin Wanda (Emily Hindrichs) treu bleibt. Unterhaltsam auch die Gesangs- und Tanzdarbietungen des Verschwörertrios aus Baron Puck (Miljenko Turk), Prinz Paul (John Heuzenroeder) und General Boum (Vincent Le Texier).

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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La Grande-Duchesse de Gérolstein: Opéra-bouffe von Jacques Offenbach

Ort: Oper,

Werke von: Jacques Offenbach

Mitwirkende: Francois-Xavier Roth (Dirigent), Gürzenich-Orchester Köln (Orchester), Jennifer Larmore (Solist Gesang)

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