> > > > > 22.05.2019
Montag, 21. Oktober 2019

1 / 8 >

"Rodrigo" - Erica Eloff als Rodrigo, Copyright: Alciro Theodoro da Silva

"Rodrigo" - Erica Eloff als Rodrigo, © Alciro Theodoro da Silva

Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen 2019

Magische Himmelsmusik und brennende Seelenklänge

Neunundneunzig Jahre sind sie jung und mopsfidel! Die Internationalen Händel-Festspiele Göttingen bleiben auch 2019 mit Händels erster Oper 'Rodrigo', die der ‚caro Sassone‘ 22jährig in Rom komponierte, attraktiv, innovativ und wegweisend über die deutschen Grenzen hinaus. Göttingen ist eine Händel-Pilgerstätte, die seinesgleichen sucht.

'Magische Saiten': Dieses Credo steht als musikalisch-poetischer Wegweiser auch über den zwei Händel-Hochkarätern, die am Eröffnungswochenende zu erleben waren. Wie 'Rodrigo' wurde auch Händels selten aufgeführtes Oratorium 'Saul' mit Standing Ovations in der St. Blasius-Kirche (Hann. Münden) gefeiert. Ein herrlich würdevoller, sakraler Bühnenraum für dieses hochexplosive ‚Dramma per musica‘, das, von Händel als Oratorium getarnt, den Kampf Sauls gegen Davids, dessen Sieg über Goliath und den Neid Sauls schidert. Zum Schluss wird David als neuer Heilsbringer, Inkarnation der Hoffnung und des Glücks von den Israeliten hymnisch gepriesen. Laurence Cummings, Dirigent und der künstlerische Leiter der Internationalen Händel-Festspiele, leitete das Händel FestspielOrchester, den renommierten NDR Chor und eine internationale Solistenriege an beiden Abenden. In der Mediathek von NDR-Kultur sind die Premiere des 'Rodrigo' sowie des 'Saul' bis 19. Juni 2019 nachzuhören.

Händels 'Rodrigo' als hoffnungsloses Endspiel 

Ein grauer Wellblechvorhang wird hochgefahren. In einem schäbigen, baufälligen Palazzo sitzt der junge Händel weit hinten am Cembalo. Er fantasiert ideenreich, jugendlich naiv. Idealistisch klingt der Titel seiner Oper: ‚Vincer se stesso è la maggior vittoria‘, auf Deutsch: ‚Sich selbst zu besiegen, ist der größte Sieg‘. Einst wurde Händel von Gian Gastone de’ Medici nach Italien gelockt. Jetzt, 1707, schreibt er seine erste italienische Oper: 'Rodrigo', die Geschichte über den letzten Westgotenherrscher Spaniens, der, nachdem er seine Mätresse Florinda geschwängert hat, diese von sich stößt. Diese schwört Rache, rebelliert, verbindet sich mit Rodrigos Feinden. Sie wird zur Hyäne und metzelt mit Hilfe ihres Bruders Guiliano und Evanco, dem aragonesischen König, alles nieder. Die tugendhafte Esilena, Rodrigos kinderlose Gattin, schlichtet, spendet Trost und beruhigt die haltlosen Rasenden. 

Zeitsprung: In der Villa, die einst Händel beherbergte, leben Outcasts im Palazzoglück oder Unglück. Mafiös geht es zu. Regisseur Walter Sutcliffe und Dorota Karoczak (Bühne und Kostüm) wollen schockieren und zeigen Weltuntergangszenarien, den Kampf ums Überleben um jeden Preis in konsequenter Weise. Auf der Bühne: Müllsäcke mit Kuscheltieren – Symbol für ein nie empfangenes oder ein verlorenes Kind Eliseas oder für ihre Unfruchtbarkeit? Wir ahnen es nur. Hedonistische Saufgelage, wilde Liebesakte auf einer abgewetzten Couch, ein großer Spiegel mit iPhone-Verkabelung und marode Wände mit heraushängenden Kabeln bekräftigen, dass alles, wirklich alles verloren zu sein scheint.

Dass das Wahrzeichen Göttingens, das Gänseliesel vom Marktbrunnen, in der trashigen, an ein Wimmelbild erinnernden Bühne versteckt ist, ist vielleicht ein Fingerzeig Sutcliffs: Händel ist in Göttingen zu Hause. Seine Endspiel-Show auf eine gegrillte Hundekeule, die die abgekämpften Rodrigo-Protagonisten am Schluss verspeisen, zu reduzieren, wäre falsch und fatal. Aber dieses Bild verankert sich übermächtig im Gedächtnis. Kein Lieto fine gibt es im mafiösen Unterschlupf der Rodrigo-Überlebens-Kreaturen.

Hohe Kunst barocker musikdramatischer Gestaltung

Das famose 'Rodrigo'-Ensemble macht alles wett, wenn sich die Augen zu sehr vom Aktivismus der Sänger und der Überladenheit des Raums ermüden. Zudem brillieren die Alte-Musik-Spezialisten des Händel FestspielOrchesters mit solistischer Virtuosität. Denn aus der Partitur klingt die Faszination des jungen Händels für die italienischen Concerti grossi. Mit grandioser Verzierungskunst wetteifert die Solovioline in der Liebesarie Esilenas. Ein rasend, Kapriolen schlagendes Barockcello umschmiegt den Countergesang Fernandos, Esilenas Vertrautem, der von Liebesbrennen und flackernden Flammen im Herzen des untreuen Rodrigo singt. Hier spricht der ungestüme, in Italien verliebte Händel. Den Rodrigo, eine Hosenrolle, gibt Erica Eloff mit biegsamer Verve. Ihr Rodrigo ist egoistisch, selbstverliebt und doch so menschlich schwach. 

Rebellisch gefühlsbetont, mit kampfbereitem Gestus trumpft Anna Dennis als Florinda auf. Ihr mächtig ausladender, agiler Sopran passt prächtig zu dieser Partie. Zudem glänzt sie mit ihren herrlichen Gefühlsausbrüchen. Beherzt agierend und vokal stabil ausbalancierend kommt der Guiliano, Florindas Bruder, bei Jorge Navarro Colorado über die Rampe. Hellwach, quecksilbrig beseelt zieht uns die wundervolle Fflur Wyn als Esilena in den Bann. Ihre Esilena ist ein starker, immer wieder vergebender Frauen-Charakter. Gut besetzt ist auch der Counter Leandro Marziotte als Fernando. Höhenverliebt bereitet Russell Harcourt als der leicht hysterische aragonesische König Evanco Freude.

Händels Traum von einer idealen Welt

‚So muss es zu Händels Zeit geklungen haben!‘, sagt eine Dame hinter mir im vollbesetzten Kirchenschiff der St. Blasius-Kirche. 1737, dreißig Jahre nach dem 'Rodrigo', sind Oratorien mit englischen Libretti am Kings‘s Theatre, Haymarket, keine Seltenheit. Händel ist seit 1727 britischer Staatsbürger und etabliert das englische Oratorium im Opernhaus, da italienische Opern mit Kastraten nicht mehr den Geschmack der Zeit treffen. Diese Ära geht zu Ende. Seinen 'Saul' komponierte er ebenso wie 'Israel in Ägypten' im Herbst 1738. Händel ist vorausschauend experimentierfreudig und hat neue musikdramatische Ideen. Die Klänge der Israeliten etabliert er mit für die damaligen Ohren exotisch tönenden Instrumenten: ‚Sackbuts‘ (sogenannten Barockposaunen) und dem Glockenspiel Carillon, das den langsam wachsenden Wahnsinn im Kopfe Sauls symbolisiert.

‚Lasst die Trompeten zu Neumond erschallen‘, heißt es in der Bibel. Gepaart mit den großen Kesselpauken, die Händel damals extra aus dem Tower ausgeliehen hat, müssen die Posaunen eine gespenstisch sakrale, archaische Welt heraufbeschworen haben, die die Londoner Gesellschaft Staunen machte. Diese vergangenen ‚magischen Zeiten‘ lässt Laurence Cummings, der nicht nur dirigierte, sondern auch die Truhenorgel spielt, wieder auferstehen. Der 'Saul' eröffnet mit einem großen barocken Orgelkonzert, mit einem an den 'Messias' erinnernden 'Halleluja'. David hat über Goliath gesiegt. Das Drama um den schönen, glorreichen Helden beginnt. Cummings malt mit seinen Alte-Musik-Spezialisten berauschend exquisite, ausschweifende alttestamentarische Tableaus: Salomonische Glöckchen feiern zusammen mit den hohen Geigen-Himmelsscharen den Einzug Davids. Übermächtiges ‚Zinnober-Getöse‘ bietet der bestens vorbereitet NDR Chor, dem die Rolle des israelitischen Volkes zufällt und der wie ein griechischer Tragödienchor, Kommentator oder Richter des Szenarios daherkommt (Einstudierung: Edzard Burchards). 

Blitzzornig und trotzdem elegant-erhaben singt Markus Brück den in tiefster Seele brennenden Saul. Als furchtloser, von Händel heldisch brutal gezeichneter David, besticht der begnadet intonierende Countertenor Eric Jurenas. Balsamisch sanft, energiegeladen und raumfüllend ist seine Stimme. Er steht am Start einer großen internationalen Karriere! Sauls Tochter Michal (Mary Bevan) zaubert vokal mit David im Duett eine idealisierte zukünftige Welt, die Händel vorschwebte. Herausragend elegant sind auch die Tenöre Benjamin Hulett als Jonathan und Raphael Höhn als Hohepriester. Zudem kreierte er die beißend böse Hexe von Endor. Sopranistin Sophie Bevan nimmt das Publikum als hochmütige Tochter Sauls mit ihrem kecken Zungenschlag für sich ein. Ein grandioser 'Saul' mit pulsierendem Tiefgang, den so schnell niemand vergisst und der mit Bravi und Standing Ovations gefeiert wurde!

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Barbara Röder

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Internationale Händel-Festspiele Göttingen: Rodrigo (HWV 5) und Saul (HWV 53)

Ort: Deutsches Theater,

Werke von: Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: NDR Chor (Chor), Laurence Cummings (Dirigent), Händelfestspielorchester (Orchester)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Isabelle van Keulen im Portrait "Mir geht es vor allem um Zwischentöne"
Isabelle van Keulen im Gespräch mit klassik.com über ihre Position als Artist in Residence der Deutschen Kammerakademie Neuss am Rhein, historische Aufführungspraxis und das Spielen ohne Dirigent.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich