> > > > > 27.09.2019
Samstag, 19. Oktober 2019

1 / 4 >

Szenenfoto, Copyright: Kiran West

Szenenfoto, © Kiran West

John Neumeier bringt Glucks 'Orpheus und Eurydike'

Aufruhr in der Unterwelt

Mit John Neumeiers choreographischer Inszenierung von Glucks Oper 'Orpheus und Eurydike' bestritt Benedikt Stampa seinen Intendanten-Antritt im Festspielhaus Baden-Baden. Erst einmal ohne Risiko. Denn Neumeier kommt mit seinem Hamburg Ballett seit dem Amtsbeginn von Stampas Vorgänger Andreas Mölich-Zebhauser im unglücklichen Startjahr 1998 des Festspielhauses zu einer alljährlichen Herbst-Stagione für zwei Wochen in die badische Kurstadt. Er ist dort inzwischen zu einem Haus-Heiligen geworden.

Aus Glucks Reformoper in ihrer französischen Fassung von 1794 mit ihren getragenen Trauergesten, rasanten Furientänzen und sanften Geisterreigen macht Neumeier eine Ballett-Oper. Choreographie, Inszenierung, Licht und Dekor verantwortet er in einer Person. Er ist quasi selbst der Meisterchoreograph, als den er seinen Orpheus im eröffnenden Trainings-Exercice mit dem stimmgewaltigen Dmitry Korchak auf die Tanzbühne bringt. Assistiert von der taufrisch intonierenden Mare-Sophie Pollak in der Rolle des konfliktlösenden Amor als beflissen notierender Choreologin. Auch im Schlussbild schlüpfen Korchak und Pollak wieder in ihre Rollen als tanzleitende Akteure. Neumeier liebt diese Identifizierung seiner Protagonisten mit sich selbst. Erinnert sei an den Aschenbach im seinerzeit ebenfalls in Baden-Baden zu sehenden 'Tod in Venedig'.

Gelöstes Ballet blanc

Neumeier ist gewiefter Bühnenstratege, um seine Ideen solcherart abzurunden. Auch weiß er zu aktualisieren. Eurydike kommt nicht durch einen Schlangenbiss zu Tode. Sondern bei einem ohrenbetäubenden Auto-Crash nach ihrem Streit mit Tanzchef Orpheus. Wie gehabt im Neumeier-Ballett 'Orpheus' von 2008 auf Musiken Bibers und Strawinskys. Auch diesmal mit viel Umtrieb von Martinshorn, Rettungswagen und Leichen-Abtransport. Da werden das kleine und große Himmelslicht eingeschaltet. Neumeiers Lichttechnik changiert zwischen fahlem Licht für die Ausschnitte von Böcklins 'Toteninsel', den grellen Blitzen für die abweisenden Unterwelts-Furien und der blau-weißen Helle für die entspannten Geisterreigen. Er spielt virtuos mit der Breite der Festspielhausbühne. Schafft im zweiten Teil des zweiten Aktes ein proportioniertes, gelöstes Ballet blanc für das wieder vereinigte Titelpaar mit zuerst zwei weiteren, später insgesamt acht Paaren nach Eurydikes Auferweckung. Trennung und Wieder-Finden geht vielen so. So ernst ist es also nicht. Deshalb wohl die auf den Kopf gestellte Hades-Barke. Protagonisten sind das Trance-sichere Hamburger Super-Paar Edvin Revazov und Anna Laudere. Das sind neben dem spritzig-virtuosen Schluss-Defilee mit den Schäfern und Nymphen in Violett und Moosgrün einige der stärksten Szenen des Abends. Da hat neben den Trauer-Motionen nach Eurydikes Tod und nach der aufrührerisch-abweisenden Furien-Gestik im Hades mit seinen drei Portalen der Tanz die Oberhand. Befinden wir uns wirklich in der Ballett-Oper.

Anderes gerät fragwürdig. So die triste Kammer des vereinsamten Orpheus mit dem ärmlichen Metallbett. Oder das endlose Umherschieben der Wand-Elemente zu den Gewissensqualen des Orpheus im dritten Akt. Belanglose Gesten der Komparsen mögen für die Unentschlossenheit des Helden stehen. Völlig leer bleibt die Bühne mit dem dunklen, grau-blauen Zwischenvorhang leider bei Orpheus‘ Trauergesang im ersten Akt. Da ziehen wir noch heute Pina Bauschs nummernartig durchchoreographierte Version der Gluck-Oper vor.

Dramatische Ausbrüche

Pointiert zusammengefasst könnte man urteilen: Etwas Divertissement, ein bißchen Tennessee-Williams-Tragik, ein wenig 'Zauberflöten'-Weihestück und dazu die eigene Selbstbespiegelung – das ist die neue Version von Neumeiers 'Orpheus und Eurydike' von 2019. Dabei bleibt auf der Strecke Orpheus als kraftvoller Exponent des Kreativen, als Beseeler der Menschheit, als derjenige, der Steine erweicht und der, der als Schöpfer der Künste in unserem Bewußtsein sein sollte. Dafür müssen wir uns schon auf Dmitry Korchaks intensive sängerische Diktion der Tenorrolle des unglücklichen Titelhelden verlassen. Mit seinem hellen Timbre gelingen ihm immer wieder Aufschwünge voller Elan und dramatische Ausbrüche voll muskulöser Expressivität. Bei hoch fahrenden Koloraturen muss der Russe dann doch zu stemmendem Forcieren greifen. Wohlgesetzt und in spitzbübischer Beweglichkeit singt Marie-Sophie Pollak den Amor, in flammender Erregung Arianna Vendittelli die Eurydike. In ausgesuchter Artikulation und bei allem Brio in warmer Klangkraft spielt das Freiburger Barockorchester unter Alessandro de Marchi.

Der tänzerische Standard von Neumeiers Hamburg Ballett ist tadellos hoch. Aufgebrachte Wut demonstrieren die Hades-Wächter Aleix Martinez, Lizhonh Wang und Marcelino Libao. Edvin Revazov und Anna Laudere tanzen das Titelpaar in ätherisch gezirkelten Motionen. In equilibrierter Sensibilität geben die beiden, die auch im wahren Leben ein Paar sind, mit raffinierten Hebungen und gut ausbalancierten Schulterdrehungen die glanzvolle Visitenkarte der Danse d‘école ab.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Prof. Kurt Witterstätter

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Orpheus und Eurydike: Opern-Ballett John Neumeier

Ort: Festspielhaus,

Werke von: Christoph Willibald Gluck

Mitwirkende: Alessandro de Marchi (Dirigent), John Neumeier (Inszenierung), Freiburger Barockorchester (Orchester), Dmitry Korchak (Solist Gesang)

Jetzt Tickets kaufen

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (10/2019) herunterladen (3600 KByte) Class aktuell (3/2019) herunterladen (8670 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Liv Migdal im Portrait "Man spielt mit den Ohren!"
Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich