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Samstag, 15. Juni 2019

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Alex Esposito (Don Quichotte), Seth Carico (Sancho Pansa), Copyright: Thomas Aurin

Alex Esposito (Don Quichotte), Seth Carico (Sancho Pansa), © Thomas Aurin

Jakop Ahlbom inszeniert Massenet in Berlin

'Don Quichotte' als Rocketman mit Glitzerstiefeln

Dass Jules Massenets ‚Comédie héroique‘ in fünf Akten 'Don Quichotte' nun an der Deutschen Oper Berlin in Premiere ging, ist an sich schon eine kleine Sensation. Denn die Zeit der spektakulären Ausgrabungen von Titeln aus dem 20. Jahrhundert – die einst Markenzeichen von Ex-Intendantin Kirsten Harms waren – hat der aktuelle Intendant Dietmar Schwarz nur begrenzt weitergeführt. Dafür hat er versucht, mit Meyerbeer-Ausgrabungen einen eigenen französischen Akzent zu setzen, an den dieses Stück nach Miguel de Cervantes im weitesten Sinne anschließt.

Allerdings ist die heroische Komödie alles andere als eine ausladende Grand Opéra à la Meyerbeer. Die fünf Akte sind eher kürzere Szenen, die wie Comicbuchausschnitte die Geschichte vom Ritter der traurigen Gestalt, seinem Diener Sancho Pansa und der angebeteten Dulcinée als Episodendrama präsentieren. Fast wie ein experimenteller Film, der schnell Szene und Stimmung wechselt, immer wieder und wieder. Mit ein paar eingestreuten Hispanismen, einer hollywoodreifen Windmühlenszene. Und vielen visionären Momenten, in denen Don Quichotte die Realität verlässt und von einem anderen Leben träumt. Einem Leben, wo es allen besser geht. Und wo er die Liebe findet, die alle Probleme löst. Darin liegt die Modernität dieser 1910 in Monte Carlo uraufgeführten Oper. Darin liegt auch ihr Reiz für Regisseure, könnte man meinen. Und die Titelpartie, einst für den weltberühmten russischen Bass Fjodor Schaljapin geschrieben, macht das Stück zum idealen Starvehikel für jeden Charakterdarsteller mit Bass-Röhre – von Boris Christoff über Nicolai Ghiaurov bis zu José van Damm.

Kunst des Reduzierens

Massenet und sein Librettist Henri Cain können es sich leisten, das Monumentalwerk von Cervantes derart reduziert und ausschnittsweise zu zeigen, weil fast jeder die Grundhandlung kennt. Man sieht, wie Don Quichotte seiner Dulcinée begegnet, wie er für sie aufbricht, um ein gestohlenes Perlenhalsband zurückzugewinnen, wie er dabei erst gegen Mühlen, dann gegen Räuber kämpft, wie er die Perlen der Geliebten zurückbringt, aber trotzdem von ihr als Ehemann abgewiesen wird. Und wie er schließlich an gebrochenem Herzen stirbt.

Begleitet wird der Ritter von seinem getreuen Diener Sancho. Die beiden sind eins der berühmtesten Männerpaare der westlichen Kulturgeschichte, leicht zu identifizieren wie Dick & Doof oder Batman & Robin. An der Deutschen Oper Berlin hat sich Regisseur Jakop Ahlbom zusammen mit Kostümbildnerin Katrin Wolfermann allerdings entschlossen, das ikonische Paar absolut gegen den Strich zu besetzen. Denn Alex Esposito sieht als Quichotte in silbernen Glitzerstiefeln aus wie der kleine füllige Elton John in 'Rocketman' (es fehlt nur die Brille), während Seth Carico als Sancho Pansa im coolen Seventies-Cowboy-Outfit ebenfalls in 'Rocketman' mitspielen könnte, als schlanker Hühne. Was die beiden Figuren in dieser Produktion für eine Beziehung zueinander haben, muss man sich ausdenken. Es gibt kaum Hinweise auf der Bühne. Nur den, dass der athletische Sancho immer wieder Quichotte auf dem Rücken (wie ein Pferd) durch die Gegend trägt. Das war‘s an Charakterisierung und Personenführung.

Spanien im Schwarzwald

Diese Wanderungen im Huckepack finden in einem Einheitsraum statt (Bühne: Katrin Bombe), der aussieht wie eine Autobahnraststätte (ebenfalls im stylishen Seventies-Look). Durch die großen Fenster sieht man Wälder, die an den Hochschwarzwald erinnern. Und ebendort arbeitet nun Dulcinée als Kellnerin, gleichfalls im schicken Siebzigerjahre-Outfit. Clémentine Margaine sieht dabei mit blonder Perücke ein bisschen aus wie Rebel Wilson in den jüngsten Netflix-Komödien. Allerdings bringt sie zwar viel opulente Stimme mit, aber nichts von Wilsons komischem Timing oder von ihrer alles dominierenden Präsenz. Weswegen manches an diesem Abend wie eine unfreiwillige Drag-Performance rüberkommen – was in starkem Widerspruch zur poetischen Musik Massenets steht, die Dirigent Emmanuel Villaume mit Drive und viel Kastagnettengeknall aufführen lässt.

Das Resultat ist laut Programmheft ‚magischer Realismus‘. Ich würde es eher beschreiben als Oper-als-Kindergeburtstag, bei dem die Chorsänger bunte Papphüte tragen, die Bewegungstruppe stilisierte Choreographien aufführt in den Partymomenten in der Raststätte. Und wo die Windmühlen nur als Miniaturmodelle auf den Restauranttischen stehen, während Quichotte mit einem überlebensgroßen Männergesicht im Hintergrund kämpft, in dessen Mund die Doubles von Dulcinée verschwinden. Ach ja, dazu gibt es auch eine Akrobatikgruppe, die umherläuft und -springt.

Das war‘s eigentlich schon, mehr gibt‘s nicht zu sagen. Außer vielleicht, dass Seth Carico und Alex Esposito wunderbar singen. Und dass es sogar einen leibhaftigen Gitarrenspieler (Gonzalo Celfis) auf der Bühne gibt. Dafür gab es nach zwei kurzweiligen Stunden viel freundlichen Applaus, ein paar unbedeutende Buhs. Und fertig.

Kraft des Erzählens

Vielleicht ist es eine Generationsfrage. Die jungen, vermeintlich ‚hippen‘ Leute, die Intendant Dietmar Schwarz gern an die DOB verpflichtet, scheinen mit den Geschichten von Opern wenig anfangen zu können und verlegen sich auf Dekonstruktion und assoziatives post-dramatisches Theater. Die Kraft des Erzählens überlassen sie lieber Online-Serienmachern. Möglicherweise können sie sich auch nicht vorstellen, dass es in Opern etwas vergleichbar Spannendes wie in 'Game of Thrones' oder 'Lucifer' zu erzählen gäbe und versuchen es daher erst gar nicht? Oder ihnen hat jemand an der Hochschule beigebracht, dass man das in Deutschland halt so machen muss … wenn man engagiert werden will. Zumindest an der Bismarckstraße. Und anderswo auch, natürlich.

Da ich mich noch an viele Aufführungen an der DOB erinnere, wo das anders war, tue ich mich persönlich schwer mit solchen Produktionen. War aber trotzdem dankbar, Massenet in Berlin hören zu dürfen, mit den vielen traumverklärten Momenten (etwa im Vorspiel zum letzten Akt, mit berückendem Cello-Solo) und mit den vielen Eviva-España-Momenten, bei denen man merkt, wie erfahren Massenet als Komponist war. Denn oft reichen ihm ein paar Takte, um das nötige Lokalkolorit zu erzeugen. Bevor er sich wieder den Fantastereien seines Titelhelden widmet, die Esposito mit langem Atem nachzuzeichnen versucht.

Vielleicht kommt ja irgendwann Dexter Fletcher als Regisseur an die DOB und zeigt, wie das mit ,magischem Realismus‘ besser funktionieren könnte, auch dann, wenn Don Quichotte und Sancho Pansa aussehen wie Elton John & Co. Übrigens: 1928 sang Fjodor Schaljapin den Quichotte selbst in Berlin an der Kroll-Oper, zu ‚horrenden Eintrittspreisen‘, wie es im Programmheft heißt. Er hätte vermutlich gestaunt, was inzwischen aus seinem Werk geworden ist. Immerhin: Man muss heute keine horrenden Eintrittspreise mehr bezahlen, um die wunderbare Musik live zu hören. Und das ist auch gut so.

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Kritik von Dr. Kevin Clarke

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Jules Massenets 'Don Quichotte': Comédie héroique in fünf Akten

Ort: Deutsche Oper,

Werke von: Jules Massenet

Mitwirkende: Chor der Deutschen Oper Berlin (Chor), Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester), Seth Carico (Solist Gesang), Alex Esposito (Solist Gesang)

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