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Sonntag, 15. September 2019

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Aris Quartett, Copyright: Simona Bednarek

Aris Quartett, © Simona Bednarek

Die 'Lange Nacht des Streichquartetts' in München

Plädoyer für die Avantgarde

Zum zweiten Mal nach der Erstausgabe im Vorjahr fand am Dienstagabend im Münchner Prinzregententheater die 'Lange Nacht des Streichquartetts' statt. Drei Formationen und eine Solistin traten auf, das genaue Programm war im Vorfeld nicht bekanntgegeben worden und entpuppte sich als ein ganz überwiegendes Plädoyer für die Avantgarde. Einen bewussten Kontrast zum ‚üblichen‘ Repertoire und Ablauf herkömmlicher Quartettabende wollte man setzen – und das gelang. Zu diesem Konzept gehört auch die klangliche Erweiterung der reinen Streichersphären um ein Zusatzinstrument. War es im vergangenen Jahr das Schlagzeug gewesen, hatte man sich diesmal für das Saxophon in Person der jungen ukrainischen Künstlerin Asya Fateyeva entschieden.

Moderierend durch den Abend führt BR-Klassik-Redakteur Bernhard Neuhoff (seines Zeichens beispielsweise mitverantwortlich für die verdienstvolle Hörbiographien-Reihe des Senders). Mit routiniertem Charme und Fachwissen führt er das Publikum an das nicht alltägliche Repertoire heran, streut dazu mal hier eine gekonnt platzierte Pointe ein, führt dort ein Künstler-Interview auf der Bühne, und sorgt so dafür, dass auch auf dem Informationssektor keine Langeweile aufkommt.

Feste Größe

Eine absolut feste Größe auf besagtem Spielfeld der Moderne und bekanntestes Ensemble des Abends ist das schon 1974 (!) ins Leben gerufene und nach seinem Mitbegründer benannte Arditti Quartet. Die Zahl der Uraufführungen von Werken prominenter zeitgenössischer Komponisten wie Lachenmann, Rihm oder Ligeti (um nur einige wenige zu nennen) lässt sich kaum zählen. Avantgardisten waren zu ihrer Zeit auch Leoš Janáček, György Ligeti und Anton Webern. Deren (in der genannten Reihenfolge) Streichquartett Nr. 1, Streichquartett Nr. 2 bzw. 'Sechs Bagatellen' op. 9 spielen die vier mit dem ‚blinden‘ stimmlichem Verständnis, für das sie seit Jahrzehnten bekannt sind, und untermauern mit gleichzeitig ausgefeiltem technischem Können in der Ausführung teils schwierigster Elemente ihre führende Rolle bei der Pflege modernen Repertoires.

Zu den breiter angelegten Werken gehört an diesem Abend auch Juan C. de Arriagas (1806–1826) Streichquartett Nr. 1 d-Moll, das als eines der wenigen Programmpunkte aus dem avantgardistischen Rahmen fällt. Dessen sowie der – in Zweiergruppen gesplitteten – Contrapuncti I-IV aus Bachs 'Kunst der Fuge' und Alissa Firsovas (*1986) Streichquartett Nr. op. 18 nimmt sich das beim Internationalen ARD-Musikwettbewerb gleich fünffach ausgezeichnete Aris Quartett an. Seine bei Bach fast gänzlich vibratofreie Herangehensweise überzeugt nicht ganz, beim Exkurs in die Ausläufer spanischer Klassik und in die russische Moderne demonstriert dieses Nachwuchsensemble aber mit akkurater Intonation und klarer stimmlicher Linie seine Klasse.

Besonderes Konzept

In Philip Glass‘ 'Melodies for Saxophone' glänzt Asya Fateyeva mit dynamisch variabler Fähigkeit zur Tongebung und impulsiver Phrasierung. Darum herum präsentiert sich die Formation Strings & Bass mit Kompositionen ihrer eigenen Mitglieder. Kompetente Musiker sind fraglos auch diese vier, stilistisch wirken ihre Stücke bei aller programmatischen Abwechslung allerdings zu sehr, als könnten sie sich nicht recht zwischen Folk, Jazz und Pop entscheiden.

Die dritte Auflage dieses ohne Frage für Publikum wie Künstler speziellen und besonderen Konzepts ist für nächstes Jahr bereits zugesagt – mit welchem Zusatzinstrument dann, wollen die Verantwortlichen jetzt noch nicht verraten. Auf welches die Wahl auch fallen wird – schon jetzt darf man gespannt sein und sich darauf freuen!

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Kritik von Thomas Gehrig

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Lange Nacht des Streichquartetts: Arditti Quartett, Aris Quartett u. a.

Ort: Prinzregententheater,

Werke von: Philip Glass, Anton von Webern, György Kurtág, György Ligeti, Johann Sebastian Bach, Leos Janácek

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