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Dienstag, 20. August 2019

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Nikolai Schukoff, Maria Bengtsson, Copyright: Bernd Uhlig

Nikolai Schukoff, Maria Bengtsson, © Bernd Uhlig

Uraufführung von Detlev Glanerts 'Oceane' in Berlin

Düsteres Sommerstück

Detlev Glanerts neues, 11. Musiktheater 'Oceane' – uraufgeführt am 28. April 2019 in der Deutschen Oper Berlin – lässt einen so schnell nicht los. Mit Leichtigkeit und Vehemenz, mit beißender Schärfe und sirenenhafter Ferne meißeln sich die kontrastierenden Orchesterfarben ein, reißen das Publikum mit und hinterlassen schlussendlich doch eine merkwürdige Leere bei dem Versuch, die Tragik der Figur näher zu fassen. Liest man Fontanes 1882 skizziertes Novellenfragment 'Oceane von Parceval', das Hans-Ulrich Treichel als literarische Vorlage dem Libretto zugrunde gelegt hat, so fällt die moderne, schroffe, fast existentialistische Grundhaltung der Protagonistin auf. ‚Sie wirft das Leben weg, weil sie fühlt, dass ihr Leben nur ein Schein-Leben, aber kein wirkliches Leben ist‘, heißt es bei Fontane. Und die Musik Detlev Glanerts?

Seelendrama und Walzerton

Schon die Introduktion kündet vom Seelendrama. Geheimnisvolle Sirenengesänge spitzen sich in Blech-, Schlagwerkgewitter und Akkordschlägen des gesamten Orchesters zu. Robert Carsen, der für Inszenierung, Bühne und Licht verantwortlich zeichnet, lässt dazu den wilden Ozean im herangezoomten Auge eines schemenhaften Frauengesichts aufleuchten. Dann die erste Szene der Oper. Sie spielt – in scharfem Kontrast – auf einer Hotelterrasse mit Blick aufs leicht bewegte Meer. Ganz der traditionellen Opernkomposition verhaftet, lässt Glanert die Besitzerin Madame Louise im Walzerton von vergangenen Zeiten schwärmen, während Hausdiener Georg sich über den heruntergekommenen Zustand des Hauses beschwert, um sodann im leichten Parlandostil die glamouröse Speisefolge des Buffets aufzulisten. Man feiert das Ende der Saison. Schritt für Schritt erscheinen die farblos gewandeten Gäste. Pastor Baltzer, von peitschenden Trommel-, Blech- und Akkordhieben begleitet, eröffnet das Buffet. Anschließend spielt das Bühnenensemble aus Es-Klarinette, Trompete, Tenorhorn, Klavier, Violine und Kontrabass zum Tanz auf. Man tanzt Polka.

Wenn Oceane dann endlich in der zweiten Szene im langen, fließenden Glitzerkleid die Bühne betritt, setzt die Musik für einen kurzen Moment aus. Alle halten erschrocken inne. Martin von Dircksens Annährungsversuche verhallen zunächst im Walzerrausch. Er kann sie schließlich zum Tanzen bewegen. Und während sich der Galopp wild und wilder gebärdet, Madame Louise im Gespräch mit Pastor Baltzer von Oceanes scheinbarem Reichtum und möglichen Geldsegen für die Renovierung des Hotels erzählt, beginnt Oceane plötzlich, sich von ihrem Tanzpartner zu lösen. Sie zieht die Schuhe aus, wälzt sich am Boden und verstört in wilden kreisenden Tanzbewegungen die erneut erstarrte Gesellschaft. Ein aufgebrachtes Orchester kommentiert das Geschehen.

Stimmungsbilder

Neben den kammermusikalischen, filigran ausgearbeiteten Instrumentalparts sind es diese expressiv aufgeladenen, schroff die Perspektive wechselnden Stimmungsbilder, die zu den stärksten des Abends zählen. Hier scheint nicht die Handlung entscheidend zu sein, sondern eine spätromantische Musik, die sich verselbstständigt und eigene Bedeutungsräume schafft. Und wenn am Ende des 1. Aktes Oceane zu dem Schluss kommt, ein Messer zu nehmen und sich aus dem Bild zu schneiden, ist eigentlich alles gesagt.

Viel Applaus erhielten Donald Runnicles und das Orchester der Deutschen Oper Berlin für ihre ausdrucksstarken, differenziert dargebotenen Stimmungsbilder. Maria Bengtsson stellt überzeugend die dramatisch aufschreiende, verletzte Ozeane dar, während Nicole Haslett die kokett schillernde Gesellschafterin Kristina singt. Doris Soffel ist eine tiefgründige, klangvoll schwärmende Madame Louise. Albert Pesendorfer verkörpert mit bassigem Stimmtimbre das drohende, religiöse Gewissen. Nikolai Schukoff stellt anschaulich den missverstehenden, verliebten Martin von Dircksen dar. Christoph Pohl ist der mit Kristina anbändelnde Dr. Albert Felgentreu, Stephen Bronk überzeugt als flexibel interpretierender Hausdiener Georg.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Oceane: Ein Sommerstück für Musik in zwei Akten

Ort: Deutsche Oper,

Mitwirkende: Donald Runnicles (Dirigent), Orchester der Deutschen Oper Berlin (Orchester), Christoph Pohl (Solist Gesang), Nikolai Schukoff (Solist Gesang), Albert Pesendorfer (Solist Gesang), Doris Soffel (Solist Gesang), Maria Bengtsson (Solist Gesang)

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