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Sonntag, 18. August 2019

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Tonkünstler-Orchester vor dem Wiener Musikverein, Copyright: Martina Siebenhandl

Tonkünstler-Orchester vor dem Wiener Musikverein, © Martina Siebenhandl

Das Tonkünstler-Orchester im Wiener Musikverein

Illuminierte Strahlkraft

Ausschließlich der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zuzuordnende Werke hatte das Tonkünstler-Orchester Niederösterreich anlässlich seines Auftritts am Samstagabend im Großen Saal des Wiener Musikvereins in seinem Programm – darunter zu Beginn erstmals in der eigenen Orchestergeschichte überhaupt die Liebesszene aus Richard Strauss‘ Oper 'Feuersnot'. Am Pult steht an diesem Abend der französische Dirigent Fabien Gabel, der zum Einstieg gleich unmittelbar in die rauschhafte Sinnlichkeit dieser Strauss-Rarität entführt. Aus den sanft glimmenden, allmählich emporsteigenden Streicher- und Holzbläser-Sphären führt er dynamisch sukzessiv hinauf in mächtig orchestrierte Sphären, die er ganz im Sinne des Operntitels zum funkensprühenden Erglühen bringt. Wagner lässt – von Strauss bewusst intendiert – mit klanglichem Bombast grüßen, den die Tonkünstler gut durchhörbar auftragen.

Vereinnahmende Innigkeit

Im Anschluss betritt die amerikanische Cellistin Alisa Weilerstein die Bühne, um den Solopart in Ernest Blochs (1880–1959) 'Schelomo' (Hebräische Rhapsodie für Violoncello und Orchester) zu übernehmen. Die Partitur hält sich hier mit den Herausforderungen an den Spieler nicht lange auf. Schon in den Anfangssequenzen wandert die Stimme über hohe Lagen bis hinab in dunkelste Tiefen – in beiden zeigen sich sowohl Weilerstein als auch ihr Instrument (sie spielt ein Cello des Londoner Instrumentenbauers William Forster aus dem Jahr 1790) den hohen Anforderungen gewachsen. Weilerstein ist dabei nicht nur technisch jederzeit Herrin der Lage, sondern versteht es auch, die vorgegebenen Stilmittel bravourös einzusetzen. So verleiht sie beispielsweise schon den Fermaten im Eingangsabschnitt wirkungsvolle Intensität, im weiteren Verlauf setzt sie die exzentrischen Stimmungsschwankungen konsequent um. Gabels Dirigat lässt ihr dabei den Freiraum, den ihr hörbar stark aus dem emotional inspirierten Moment heraus lebendes Spiel braucht – nicht ohne auch das Orchester ein gewichtiges musikalisches Wort mitsprechen zu lassen. Die zahlreichen Tempo-, Takt- und Stimmungswechsel lässt Weilerstein ausdrucksvoll sprechen: Kantiges ‚Marcato‘, ja sogar ‚Marcatissimo‘ sowie sich behutsam vorantastende Melodik setzt sie gleichermaßen musikalisch ziel- und passgenau ein. Für die Ovationen des Publikums bedankt sie sich als Zugabe mit der Sarabande aus Bachs Cello-Suite Nr. 3 C-Dur – mit vereinnahmender Innigkeit vorgetragen.

Widerlegtes Klischee

Nach der Pause gibt es Erich Wolfgang Korngolds Sinfonietta für großes Orchester op. 5, deren Titel formal – jedenfalls zur Hälfte – irreführend ist. Zwar ist die Besetzung tatsächlich opulent, entgegen der grammatischen Verkleinerungsform ist das Werk aber alles andere als miniaturhaft, sondern mit einer Spieldauer von ca. 45 Minuten durchaus breit angelegt. Lange Zeit etwas despektierlich in die Schublade eines ‚Filmkomponisten‘ eingeordnet, ist Korngolds Œuvre bis heute erst noch dabei, sich im Konzertsaal zu etablieren. Entgegen besagtem Klischee ist schon der Kopfsatz thematisch komplex konzipiert, bis in die Details des mit satztechnisch anspruchsvollen kontrapunktischen Mitteln geknüpften Stimmengeflechts zeichnet der Klangkörper unter Gabel ausgefeilte Konturen. Auch im Scherzo und im Schlusssatz erzeugen die Tonkünstler klanglich hell illuminierte Strahlkraft, dazwischen im Andante schlägt Korngold leisere Töne an, in die sich die Tonkünstler ebenfalls mit charismatisch warmem Timbre hineinversetzen. Ob ekstatisch ausgelassenes Tutti oder saubere Intonation einzelner Solostimmen (etwa die wunderbar herauszuhörende Stradivari von Konzertmeister Chiril Maximov) – Korngolds Musik erfährt hier die gewissenhafte Behandlung, die sie verdient. Bereits die Uraufführung fand 1913 in Wien statt, an entsprechend geschichtsträchtigem Ort zeigt dieser Abend, wie sehr sich die Auseinandersetzung mit seinem Werk lohnt. Der Konzertmitschnitt wird im Radioprogramm von Ö1 am 23.04. ausgestrahlt. Wer generell spannendes Repertoire an der Schwelle zur Moderne erleben und neu entdecken möchte, sollte einschalten.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Tonkünstler-Orchester Niederösterreich: Strauss, Bloch, Korngold

Ort: Musikverein,

Werke von: Richard Strauss, Ernest Bloch, Erich Wolfgang Korngold

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