> > > > > 31.05.2019
Samstag, 15. Juni 2019

Herbert Blomstedt, Copyright: J.M. Pietsch

Herbert Blomstedt, © J.M. Pietsch

Herbert Blomstedt und das BR-Symphonieorchester

Exzeptionelle Erfahrung

Geboren wurde Herbert Blomstedt in den USA, seine eigentlich angestammte Nationalität ist Schwedisch, gelebt hat er aber auch eine Zeitlang in Finnland. Schon von Haus aus weist er einen entsprechenden Bezug zur nordischen Orchesterliteratur auf, viel skandinavisches Flair stand auch auf dem Programm des Konzerts, in dem der der mittlerweile 92-jährige am Freitagabend in der Münchner Philharmonie im Gasteig am Pult des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks stand.

Unmissverständliche Sprache

Am Beginn steht Sibelius‘ a-Moll-Symphonie op. 63, ein musikalisch betont nüchternes, entschlacktes Werk absolut frei von ‚Zircus‘ wollte der Komponist, wie er es selbst formulierte, damit schaffen. Ebenso frei von jeglichem ‚Schnickschnack‘ ist Blomstedts Dirigierweise, minimale Gesten und Blicke genügen, um die Musiker genau auf den Weg zu führen, der ihm klanglich vorschwebt. Heraus kommt eine stilsicher herausgefilterte, pure musikalische Essenz, die eine motivisch und stimmlich klare, unmissverständliche Sprache spricht. Die Klasse der einzelnen Instrumentalisten des Münchner Klangkörpers zeigt sich schon im Kopfsatz, exemplarisch in der warm geführten Cellostimme oder in der Flötenpartie. Die wechselhaften Facetten zwischen abrupt aufwallendem Affekt und Verschwinden im buchstäblichen klanglichen ‚Nichts‘ (zum Ausklang des zweiten Satzes), zwischen hoffnungsvoll aufgeheiterten Momenten und düster-resignativen Stimmungen beleuchtet Blomstedts Dirigat mit der ihm eigenen Präzision bis hinein in die markanten Glockenspiel-Einwürfe.

Unwiderstehlich

Entscheidend dafür, dass die Werke seines Landsmanns Wilhelm Stenhammar in den letzten Jahren wieder vermehrt Eingang ins Konzertleben gefunden haben, hat Blomstedt sich – auch in seiner Zusammenarbeit mit dem BR-Symphonieorchester – immer wieder eingesetzt. So auch in dessen Intermezzo aus der Festmusik 'Sången' op. 44, in der er nach der Pause ein sinnlich-rauschhaftes Streicher-Timbre erzeugt. Ein vergleichsweise rasches Tempo nimmt Blomstedt im 'Andante con moto'-Abschnitt des ersten Satzes von Mendelssohns anschließender a-Moll-Symphonie op. 56, landläufig bekannt als 'Schottische'. Das nimmt der Musik aber nichts von ihrer geheimnisvoll-magischen Aura, im weiteren Verlauf besticht seine Interpretation durch die gewohnt deutlich herausgearbeiteten dynamischen und agogischen Kontraste. Flimmernde Sogwirkung par excellence entfaltet der zweite Satz, in dem die tremolierend unterlegte Melodik unwiderstehlich dahinfliegt. Das Adagio vereint sensibel ausgesungene Lyrik mit kraftvoll rein intonierten Trompeten-Fanfaren. Im Schlusssatz schlägt Blomstedt wiederum betont rasante Tempi an, der stimmlichen Durchhörbarkeit tut das weiterhin keinerlei Abbruch, im Gegenteil: Neben- und Mittelstimmen treten hier mehrfach weit klarer als in der Mehrzahl anderer Interpretationen zutage. Auch in seiner musikalischen Wirkung überzeugt dieser Ansatz – die romantisch schwelgenden Emotionen werden bis in die strahlend aufgehellte Schluss-Sequenz mit omnipräsenter Energie ausgelebt. Es bleibt dabei: Wann immer Herbert Blomstedt mit diesem Orchester zusammenarbeitet – heraus kommt eine exzeptionelle Klangerfahrung. Letztere steht auf BR-Klassik für 30 Tage lang online zum Nachhören bereit.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Herbert Blomstedt

Ort: Gasteig,

Werke von: Jean Sibelius, Wilhelm Stenhammar, Felix Mendelssohn Bartholdy

Mitwirkende: Herbert Blomstedt (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester)

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