> > > > > 05.04.2019
Mittwoch, 19. Juni 2019

1 / 6 >

François-Xavier Roth, Copyright: Holger Talinski

François-Xavier Roth, © Holger Talinski

Das BR-Symphonieorchester im Herkulessaal

Ausflug in die Moderne

Zum wiederholten Ausflug in die Moderne lud das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in dieser Woche in den Herkulessaal der Münchner Residenz ein. Wie schon am Donnerstag stand auch am gestrigen Abend François-Xavier Roth als Gastdirigent am Pult. Ein ‚Buch‘ im eigentlichen Sinne, wie der Titel suggeriert, ist Pierre Boulez‘ 'Livre pour cordes' nicht. Vielmehr handelt es sich um einen zusammenhängenden, in kleinere Abschnitte unterteilten Satz. Darin exerziert Boulez quasi die Bandbreite technischer und klanglicher Möglichkeiten des Streicherapparats durch, ob gedämpftes Klangschema, flimmernde Tremoli oder opulent gestrichenes Volumen – die Münchner haben keine Probleme mit dieser experimentellen Herausforderung und schaffen es, farbliche und architektonische Essenz stilsicher aus der Partitur herauszudestillieren. Die einzelnen Stimmen positionieren sich klar, ein durchdringender Blick auf das komplexe Gefüge wird freigegeben und gekonnt atmosphärisch verdichtet.

French Connection

Als ausgewiesener und vielfach ausgezeichneter Spezialist für Bach und speziell die Moderne gilt Roths Landsmann Pierre-Laurent Aimard, der im Anschluss an Boulez sozusagen die ‚French Connection‘ konzeptionell und personell komplettiert. Als Solist in Bartóks drittem Klavierkonzert Sz. 119 nimmt er am Flügel Platz, schon auf den ersten Blick fällt auf: Aimard benutzt Noten. Der Grund dafür, dass sein Spiel etwas formalistisch distanziert wirkt, dürfte darin zwar nicht liegen. Tatsächlich wirkt seine Interpretation allerdings schon im Kopfsatz recht sachlich-analytisch und lässt die emotionale Komponente, von der Bartóks letztes Werk eben auch reichlich besitzt, etwas zu sehr außen vor. Musikalische Präsenz strahlt Aimards Vortrag zwar aus, der expressiv-temperamentvolle Bartók-Funke will allerdings nicht so recht überspringen.

Noch mehr als ein punktgenau an der Schnittstelle zum zweiten Satz einsetzendes Handy-Klingeln irritieren ab hier dann deutlich hörbare schnarch- und grunzartige Atmungsgeräusche, die Aimard beständig von sich gibt und die es a) so scheint es, ihm selbst und b) auch dem Zuhörer nahezu unmöglich machen, sich unabgelenkt zentriert in die sanfte Lyrik des 'Adagio religioso' zu vertiefen. Aimards etwas eigenwillige Angewohnheit beeinflusst seinen Vortrag hier ganz entschieden ungünstig. Im 'Allegro vivace' sind diese Nebengeräusche zwar allein schon dynamikbedingt nicht mehr hörbar. Auch hier lässt er jedoch zwar technische Fähigkeiten in virtuosen Partien aufblitzen, sein Zugang bleibt aber wiederum klanglich eher unterdimensioniert und holt etwa aus den Unisono-Akzentuierungen und -impulsen deutlich weniger Schattierungen heraus als möglich. Die insgesamt überzeugendere Leistung als der Solist liefert das BR-Symphonieorchester, das in seiner Begleitfunktion einen deutlich distinguierteren Zugang zu Bartóks Tonsprache findet.

Zumindest konzeptionell bleibt Aimard bei den Zugaben in der konzeptionellen Kontinuität des Abends: Aus den – wie das zuvor gehörte Konzert – im Jahr 1945 entstandenen 'Notations' von Boulez spielt er eine kleine Auswahl und lässt darin erkennen, dass ihm die Darstellung formal-rationaler Ton- und Formspielereien der Moderne eher zu liegen scheint als melodie- und harmoniebasiertes Repertoiregut früherer Epochen.

Tanzbar illustriert

Nach der Pause hat das BR-Symphonieorchester mit Strawinskys 'Der Feuervogel' wieder alleine Gelegenheit, in Sphären der Moderne zu schwelgen. Das gelingt unter Leitung von Roth hervorragend, die programmatischen Abschnitte erwachen zu wahlweise subtil koloriertem oder explosiv groß gestikulierendem Leben und erzählen eine musikalische Geschichte, die den Zuhörer dynamisch und agogisch unweigerlich fesselt und die Handlung in all ihren Wendungen und Facetten anschaulich illustriert. Kurz: Der Feuervogel und all die anderen Figuren erstrahlen in ihrer ganzen exotisch schillernden Pracht, die das getanzte Ballett ohne Weiteres vor dem inneren Auge darstellerisch auferstehen lässt. Das Radioprogramm von BR-Klassik bietet den Konzertmitschnitt für 30 Tage online zum Nachhören an – anklicken lohnt sich!

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Thomas Gehrig

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks: Boulez, Bartók, Strawinsky

Ort: Residenz (Herkulessaal),

Werke von: Pierre Boulez, Béla Bartók, Igor Strawinsky

Mitwirkende: Francois-Xavier Roth (Dirigent), Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks (Orchester), Pierre-Laurent Aimard (Solist Instr.)

Jetzt Tickets kaufen

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2019) herunterladen (3061 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Jacques Offenbach: Ouvertures des opéras bouffes et comiques - L'ile de Tulipatan

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 Folkwang Kammerorchester Essen im Portrait Mit Vollgas ins Haus des Teufels
Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich