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Montag, 16. September 2019

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Dido and Aeneas, Remembered, Copyright: Paul Leclair/Ruhrtriennale2019

Dido and Aeneas, Remembered, © Paul Leclair/Ruhrtriennale2019

'Dido and Aeneas, Remembered' auf der Ruhrtriennale

Götter, Gräber und Gelehrte

Die Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord misst 170 Meter in der Länge und 34 Meter in der Breite. Eine gigantische, ehemalige Industriehalle, die Kartenverkauf, Restaurations- und Einführungsbereich, ein komplettes Theater mit Technik, Bühnenlandschaft, Zuschauertribüne, Orchestergraben und einige Museumsvitrinen u. a. mit Kabelsalat, angestaubten Fernbedienungen, Ripped Jeans, künstlichen Nagelverlängerungen und CD-Scherben beherbergt. Witzige, mal passende, mal unpassende Texte ergänzen die Requisitensammlung, die im Laufe des Musiktheaterabends für Belustigung sorgen wird.

'Dido und Aeneas, Remembered', das Musiktheater der diesjährigen Ruhrtriennale, ist eine Koproduktion der Opéra de Lyon und Opera Vlaanderen. Pianist und Regisseur David Marton und Jazzgitarrist und Komponist Kalle Kalima haben die Musik von Henry Purcell neu bearbeitet und das Libretto von Nahum Tate um die Götter Jupiter und Juno ergänzt. Letztere entdecken auf einer Ausgrabungsstätte in der Wüste nicht nur Stein- und Skelettreste, sondern auch Kabelsalat und CD-Scherben. Aeneas flieht aus dem von den Griechen zerstörten Troja. Heimatlos finden seine Gefährten und er Asyl bei Dido, die ihrerseits aus dem syrischen Tyrus flüchtete und nun als Königin in Karthago lebt. Beide verlieben sich, während Juno und Jupiter über ihre Zukunft streiten. Schließlich interveniert Venus. Aeneas verlässt daraufhin Karthago und Dido. Er setzt seine Reise fort, um dem Schicksal gemäß Rom zu gründen, während Dido sich aus Trauer und Gram das Leben nimmt.

Seelenqualen und Sprachimprovisationen

Musikalisch fasziniert der Abend. Das Orchester der Opera de Lyon unter der musikalischen Leitung von Pierre Bleuse überzeugt mit homogener, rhythmisch bewegter, tänzerischer Leichtigkeit und getragenen Trauergesten. Die Übergänge zwischen Geräusch und Musik, barockem Impetus und den Affekt einfühlsam zuspitzender harmonischer Verfremdung und Improvisation sind fließend. Wunderbar, wie sich in dieser Produktion das historisch und kulturell weit auseinander liegende Instrumentarium – wie Geige, Bratsche, Cello, Kontrabass sowie Continuogruppe aus Cembalo, Gambe und Theorbe und elektrisch verstärkter Gitarre – farblich ergänzen und bereichern. Das gilt ebenfalls für den Gesang. Alix Le Saux macht vor allem zu Beginn Schmerz und Seelenqualen der trauernden Dido erfahrbar. Claron McFadden redet ihr klangvoll vibrierend zu, das Glück nicht auszuschlagen. Guillaume Andrieux verkörpert farblich schillernd den trojanischen Prinzen Aeneas. Star des Abends ist die Allround-Künstlerin Erika Stucky, die als Hexe mit effektvollem Auftritt und virtuosen Sprachimprovisationen das Publikum in den Bann zieht.

Die großartige Bühnenlandschaft von Christian Friedländer besteht aus einem riesigen Ausgrabungszelt auf der Bühne und kleineren, nicht einsehbaren Beistellzelten an den Seiten. Live-Videos projizieren die Begegnungen dort auf die Rückwand des Ausgrabungszeltes oder fokussieren das Ausgrabungsgeschehen, die Ankunft der Flüchtlinge, den Streit der Götter. Handlungen, Begegnungen und Szenen werden wie archäologische Fundstücke neben- und übereinandergelegt, ergeben ein komplexes, teilweise humorvolles, teilweise verstörendes Bild, das sich gottlob nicht mit einfachen Erklärungen zufrieden gibt.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Dido and Aeneas, Remembered: Opernproduktion

Ort: Landschaftspark Duisburg-Nord,

Werke von: Henry Purcell

Mitwirkende: Orchestre de l'Opéra de Lyon (Orchester)

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