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Montag, 16. September 2019

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Everything that Happened and Would Happen, Copyright: Heinrich Brinkmöller-Becker/Ruhrtriennale 2019

Everything that Happened and Would Happen, © Heinrich Brinkmöller-Becker/Ruhrtriennale 2019

'Everything that happened...' – Ruhrtriennale 2019

The Dust of History

Halle 3 der Jahrhunderthalle Bochum. Kleine Säulen und 5 Musikerinseln aus Schlagzeug, Saxophon, Ondes Martenot, Orgel und E-Gitarre rahmen die noch leere Spielfläche. Gegenüber ist die steil ansteigende Zuschauertribüne installiert. Während die Zuschauer ihre Plätze einnehmen, beginnt die Performance. 2018, als Koproduktion der in London ansässigen Kunstorganisation Artangel, 14-18 NOW, Centenary Art Commissions und der Park Avenue Armory, wurde 'Everything that happened and would happen' auf dem Manchester International Festival uraufgeführt. Ein gewaltiges, die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung herausforderndes Gesamtkunstwerk – wie geschaffen für die gigantischen Ausmaße und raue Industriearchitektur der Jahrhunderthalle. Er wolle einen Raum öffnen, ‚mit Bildern, Worten und Geräuschen, der weit genug ist, um den Eindruck zu vermeiden, die Menschen auf der Bühne wollten uns vorgeben, was wir zu denken haben‘, schreibt Heiner Goebbels im Programmheft zur Intention seiner bewegten Installation.

Vielschichtige Szenenfolge

Texte, Musik, Licht, Bühnenbildelemente und Bewegung, Videoprojektionen formen im Laufe des Abends immer wieder neu entstehende Tableaus, setzen sich aus manchmal scheinbar zufällig aufeinandertreffenden Elementen zu einer vielschichtigen, diskontinuierlichen und assoziationsreichen Szenenfolge zusammen. Wunderbar, wie im Entstehungsprozess Texte und Musik, Handarbeit, künstlerische Darstellung und Technik sich vernetzen und ineinandergreifen, Neues und Altes verwoben wird. Ich springe in meiner Wahrnehmung mal hierhin, mal dorthin, lasse mich verführen von dem ständig wechselnden Bühnenbild, dessen Elemente ursprünglich von Klaus Grünberg zur Ruhrtriennale-Produktion von 'Europeras 1&2' entworfen wurden. Und erinnere mich: Heiner Goebbels eröffnete im Jahre 2012 seine künstlerische Leitung mit der Inszenierung dieses kritischen, dekonstruierenden Opernwerkes von John Cage. Requisitenboxen werden aufgefahren, Stoffbahnen entfaltet, Säulenverzierungen herangerollt und und und. Damals wie heute erinnert das immerwährend bewegte und neu komponierte Bild an die barocke, kunstvolle Guckkastenbühne mit ihrem vorderen Bühnenvorhang, den die Raumtiefe betonenden, seitlich eingeschobenen und Natur darstellenden Kulissenbahnen, der fahrbaren Bühnenmaschinerie und dem bemalten, die große Raumtiefe der Halle auskostenden Prospekt. Nur der Operngesang fehlt.

Am Ende des heutigen Abends liegen die Stoffbahnen übereinandergeschichtet am Boden. Angedeutete Trümmer rauchen, eine Wasserfläche tut sich auf und links versucht ein noch zuckendes, eingeklemmtes Lebewesen dem Plastik zu entkommen. Müssen sich Ereignisse der Geschichte abgewandelt wiederholen, wie es die Dramaturgie von 'Everything that happened and would happen' nahelegt, oder ließe es sich als Kritik des theatralen, spekulierenden Zaubers interpretieren?

Hin und wieder werden Texte in verschiedenen Sprachen verlesen. Manchmal verstehe ich sie, manchmal nicht. Meistens sind sie übertitelt. Es sind Auszüge der provokant ironischen, dekonstruierenden 'Europeana' des tschechischen Schriftstellers Patrik Ouředník. 100 Jahre Geschichte erscheinen hier dekonstruiert – wie eine hin und herspringende Komposition aus wichtigen, alltäglichen und trivialen Informationen. Ab und zu werden im Proszenium aktuell zusammengestellte Nachrichtenbilder des Euronews-Programms 'No Comment' gezeigt – z. B. die Begrüßung von Bootsflüchtlingen auf Lampedusa oder Herzen häkelnde Frauen auf den Straßen von Mexico.

Farbenreiche Schicht

Und die Musik? Sie bildet eine ganz eigene farbenreiche Schicht aus Schlagzeug, Saxophon, Ondes Martenot, Orgel und E-Gitarre, ist von Pausen durchsetzt und einfühlsam und ausdrucksstark gestaltet. Mal höre ich zunächst sehr verhalten, leise erklingende, vereinzelte Klangfiguren, die mich an Messiaen und Natur erinnern. Mal sind es stählern klirrende, verzerrte Geräusche, die Bilder technischen Fortschritts wachrufen oder drohende Klanggewitter für Naturkatastrophen und Kriege. Wann die Musiker die Bild- oder Textideen improvisierend aufgreifen, verfremden und weiterentwickeln, wirkt zufällig. Und doch spitzt sich – auch das musikalische Geschehen – dramatisch zu. Laute Sirenen, Glissandi und Trommelwirbel künden vom apokalyptischen Ende, das im nach und nach entstehenden Tableau seine Entsprechung findet.

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Kritik von Ursula Decker-Bönniger

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Everything that happened and would happen: Musiktheater von Heiner Goebbels

Ort: Jahrhunderthalle,

Mitwirkende: Heiner Goebbels (Inszenierung)

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