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Montag, 14. Oktober 2019

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Sopranistin Aurora Pena & lautten compagney Berlin beim Fontane-Abend in der KulturKirche Neuruppin, Copyright: Aequinox

Sopranistin Aurora Pena & lautten compagney Berlin beim Fontane-Abend in der KulturKirche Neuruppin, © Aequinox

Wie man sich in den A-Cappella-Olymp singt

10 Jahre Aequinox-Festival Neuruppin

Es war das Jahr der Jubiläen beim kleinen, aber feinen Barockmusik-Festival Aequinox im brandenburgischen Neuruppin und Umgebung, das nun am Sonntag zu Ende gegangen ist. Das musikalische Hausensemble, die lautten compagney Berlin mit ihrem umtriebigen Leiter Wolfgang Katschner, feiert 2019 sein 35-jähriges Bestehen und zeigte wieder köstlich junggebliebene Darbietungen. Das Leipziger Calmus Ensemble, das im fulminanten Abschlusskonzert ‚Landmarks‘ im Konzertsaal der Neuruppiner Kliniken auftrumpfte, begeht sein 20-jähriges Bestehen, und last but not least feiert das Festival Aequinox selbst in diesem Jahr sein 10-Jähriges: Gleich zum Eröffnungsabend, der kurzweiligen Shakespeare-Revue ‚Sommernachtstraum‘ am Freitag Abend im Kulturhaus Stadtgarten Neuruppin, wartete die Gastgeberin Gabriele Letto vom veranstaltenden Förderverein Siechenhauskapelle Neuruppin e. V. mit einigen Kennzahlen des Festivals auf: So gab es bei Aequinox – ergänzt um die Daten aus diesem Jahr – in den vergangenen 10 Jahren 64 Konzerte, 6 Podiumsgespräche, 32 Veranstaltungsorte und über 15.200 Konzertbesucherinnen und -besucher! An Finanzmitteln – Eintrittsgeldern, Fördermitteln, Sponsorengaben – standen insgesamt über eine halbe Million Euro parat: Das ist eine ansehnliche Bilanz! Das Publikum spürte auch diesmal wieder das Flair der Veranstaltungen, die inzwischen eine feste Größe im Brandenburger Kulturkalender einnehmen. Auch auf die Hotelerie, Gastronomie und das Umfeld hat Aequinox einen positiven Effekt, hebt die Gastgeberin im abschließenden Pressegespräch hervor.

Im Fokus der diesjährigen Ausgabe stand die Beziehung der Musik zur Literatur: Theodor Fontane, der größte Sohn Neuruppins wurde 1819 – vor 200 Jahren – in eben dieser kleinen Stadt in der preußischen Provinz geboren. Anlass genug für die Stadt, ein ganzes Jahresprogramm auf die Beine zu stellen. Sein berühmtester Roman 'Effi Briest' inspirierte Regisseur und Dramaturg Christian Filips und Wolfgang Katschner am Samstag Abend zu einer dreieinhalbstündigen Mammut-Revue über die Niederungen und Verzückungen des Ehebruchs. Da zündete – neben Spitzenleistungen der beiden lesenden Protagonisten Eva Mattes und Christian Filips – auch musikalisch ein unwiederbringliches Feuerwerk, da die einzelnen Szenen immer wieder ansprechend musikalisch-sinnlich illustriert wurden. Da sang nicht nur das Calmus-Ensemble in Hochform, sondern es brillierte auch die junge spanische Sopranistin Aurora Pena in Händels Arien aus dessen Oper 'Giulio Cesare' mit exzellentem Accompagnato der lautten compagney. Als Verweis auf die ansonsten zu mehr Raum gelangende jugendpädagogische Arbeit des Festivals rahmte das Blechbläserquintett der Musikschule des Landkreises Ostprignitz-Ruppin den Ehebruchsstoff ein.

Fernöstliche Geheimnisse

Eva Mattes, die ‚stille Königin der deutschen Vorleserinnen‘, wie die FAZ sie nennt, hatte schon in der feingesponnenen Revue am Samstag Vormittag in der Alt-Ruppiner Neumühle ihren ersten Glanzpunkt gesetzt: Hier hatte sie ihre zahlreichen Hörer im Obergeschoss dieser einmalig nostalgischen Location zwischen Antiquitäten aller Art mit dem Programm ‚Die Reisen des Marco Polo ODER Nichts über China‘ auf eine imaginäre Reise in das Land der fernöstlichen Geheimnisse gelockt. Ein Konglomerat aus literarischen Ergüssen, Düften und betörender Lieder wurde hier zu einer ‚Chinoiserie in Wort und Musik‘ zusammengemixt, so dass sich auf ganzer Linie beim Publikum Reiselust einstellte, weil Eva Mattes mit atemberaubender Phantasie in der Stimme ihre Hörer in den Bann zog. Die Musik der lautten compagney fügte sich dazu in jeder Hinsicht: Zu Flöte (Martin Ripper), Violine (Catherine Aglibut), Violone (Annette Rheinfurth), Percussion (Peter Bauer) sowie den üblichen Lauten (Hans-W. Apel und Wolfgang Katschner) trat noch die chinesische Variante der Pipa (Wang Weiping) hinzu, die dem Instrumentarium eine authentische asiatische Note verlieh. Alle Musiker zeigten ihren Spielwitz und ihre Variabilität, um derartige Programme zum nachhaltigen Erfolg zu führen.

Das andere Programm ähnlichen Zuschnitts – ebenfalls dargeboten in Manfred Neumanns Kornspeicher Neumühle – hieß ‚Die Abenteuer des Don Quichote‘, wobei hier der Fokus nicht so sehr auf der Poesie, sondern eher auf dem staubtrockenen Humor lag, den die Vorleserin mit ihrer tiefen Charakterstimme versprühte. Aus der Sicht der Stute Rosinante werden hier in zweistündigem Galopp die Abenteuer des spanischen Ritters Don Quichote frei nach Miguel Cervantes‘ Roman aufgetürmt und zwar in einer Weise, die jeglicher Beschreibung spottet. Wie auf den Leib geschrieben scheint diese Story der Schauspielerin Mechthild Großmann, die hier zu Bestform auflief. Auch im Privatgespräch ist sie eine unverwüstliche Stimmungskanone und kann höchst amüsant über die ‚Aventüren‘ bei ihren Reisen mit der Deutschen Bahn zu ihren Arbeitsorten lästern. So hatte die Wahlhamburgerin und bekannte Staatsanwältin aus dem Münster-'Tatort' keine Skrupel, die bald lüsternen, bald weinseligen, bald abgeschmackten Erlebnisse aus der spanischen Provinz in die Manege zu blöken. Dazu träufelte mal heftiger, mal in den Schlaf wiegend die Musik der spanischen Renaissance in die Ohren und beseelte die wie gefesselt auf den Sitzen hockenden Veranstaltungsbesucher. An aufgeladenen Sprachbildern – ‚der Wein läuft ihm den Körper herab, wie das Blut dem gekreuzigten Herrn Jesus Christus‘ – mangelte es an diesem rasanten Vormittag jedenfalls nicht.

Dowland und E-Gitarre

Etwas für‘s sentimentale Gemüt ist immer das Late-Night-Konzert in der Siechenhauskapelle, einem dieser funkelnden mittelalterlichen Überbleibsel der alten Stadt Neuruppin, die am 26. August 1787 fast vollständig bei einem Stadtfeuer abbrannte. Die Münchner Sopranistin Hanna Herfurtner und der in Zürich lebende Gitarrist Max Frankl zeigten dabei, wie es funktioniert, ein neugieriges Publikum auch zu später Stunde ungetrübt bei Laune zu halten. Mit ihrem feinsinnigen Programm ‚The Dowland Realbook“ spielten die beiden nicht nur auf das in der Jazz-Musik standardmäßige 'Realbook' an, sondern nahmen mit John Dowland (1563–1626) einen Komponisten in die Mitte, der es auf deutschsprachigen Podien immer noch schwer hat. Zu Unrecht, wie sich herausstellte, denn Herfurtner entlockte ihm mit ihrem melodiösen Timbre unglaublich viel Aussagekraft. Lieder wie 'Awake sweet love', 'Time stands still' und insbesondere 'In darkness let me dwell' betörten das Publikum. Gerade die Kombination mit der E-Gitarre, die ja eigentlich nicht das richtige Instrument für Lieder der Renaissance zu sein scheint, entpuppte sich als Gewinn für die an Klangrausch gewöhnten Ohren der Gegenwart. Die E-Gitarre hatte hier etwas Fülliges, Orgelhaftes, Universales, und Max Frankl bediente sie einfühlsam und innovativ-experimentell.

Weniger Fortune hatte das Konzert ‚Trionfo di Piffari‘ der Capella de la Torre. Es macht sich eben nicht so gut, zur Winterszeit in einer völlig unbeheizten Kirche, diesmal in der architektonisch ansprechenden Kirche Fehrbellin, ein Konzert ausschließlich mit Bläsermusik der Renaissance auszurichten, selbst wenn Katharina Bäml (Schalmei und Leitung) sich noch so mühte, durch ansprechende Moderation die Veranstaltung aufzulockern. Die Werke von Francesco Landini, Josquin Desprez, Thoinot Arbeau oder zum Schluss von Adrian Willaert klingen halt doch alle recht ähnlich. Was die Ausführungskünste betrifft, waren die Musiker natürlich bestens präpariert, doch reicht das eben manchmal nicht.

Viel besser gefiel da der Abschluss der Musiktage am Sonntag Nachmittag mit dem Vokalensemble Calmus. Bei den fünf aus Leipzig, die sich seit nunmehr 20 Jahren der A-cappella-Tradition verschrieben haben, stimmte einfach alles: Klang, Balance, Programmzusammenstellung und Performance. Mit ihrer neuen Kreation ‚Landmarks – Meilensteine‘ fahren sie auf eine Reise durch zwölf Länder und singen Titel elf unterschiedlicher Komponisten. Das ist Kontrast pur und führt zu einem Wechselbad der Gefühle. Gleich der Anfang mit dem schwedischen Volkslied 'Till Österland vill jag fara' zieht die Hörer hinein in die Kultur der Skandinavier, deren Nachbarn Finnland mit Jaako Mäntyjärvi (*1963) vertreten waren. Er komponierte mit 'Come Live With Me' und 'The Silver Swan' absolut besinnlich-kontemplative Nummern. Da tüftelte Calmus philosophisch am Abgesang der Welt, ehe die Sachsen aufbrachen in die heiter-baltische Sphäre der litauischen Hochzeitslieder. Da sprudelte der Quell. Ebenso durchdacht war die subtile Moderation in diesem Konzert, die zwischen den Musikblöcken von einem auf das andere Calmus-Mitglied überging. Jeder hatte etwas zu sagen, sehr persönlich und fachlich kompetent. Das machte eine sehr liebenswürdige Komponente des Vortrags aus.

Stiller Kontrapunkt

Eine ganz andere Klangsprache entfalteten Anja Pöche (Sopran), Stefan Kahle (Counter), Tobias Pöche (Tenor), Ludwig Böhme (Bariton) und Manuel Helmeke (Bass) in Francis Poulenc‘ drei Chansons aus der Kollektion 'Sept Chansons' (1936). In dem Jahr, als die Nazis in Deutschland für Olympia trommelten, entwickelte der Franzose eine Art stillen Kontrapunkt und fokussierte die Traurigkeit in 'A peine défigurée'. Besonders entrückt kam das Chanson 'Belle et ressemblante' daher, das die Künstler völlig schwerelos sangen. Dieses Ensemble gehört zu den besten seines Faches! Vollkommen eintauchen in die Romantik durfte der Hörer im Laufe des Vortrags von Johannes Brahms‘ 'Waldesnacht'. Vorwitzig wurde es, als die Gruppe 'Zuquinha de Abreus Tico-tico' anstimmte, das rein lautmalerisch brasilianisches Flair einfing. Calmus ließ es sich nicht nehmen, noch einen Gag einzubauen und zitierte ganz beiläufig dazu aus Piero Umilianis Hit 'Mah Nà Mah Nà', bekannt aus Sesamstraße und Muppet-Show. So kam auch das unterhaltsame Moment nicht zu kurz.

Besonderer Anerkennung gebührt dem Ensemble auch deshalb, weil es die dunklen Seiten der deutschen Geschichte keineswegs verleugnete: Mit '‘S brent' des polnisch-jüdischen Komponisten Mordechaj Gebirtig – als Feuer und Mord über das Schtetl hereinbrechen – erinnerten die Interpreten an Shoa und Verfolgung der Juden. Aber Calmus kann auch das Unterhaltungsgenre bedienen: Mit zwei Songs von Sting und zwei weiteren aus der Feder von Georg Kreisler, der auf der Galgenhumor-Klaviatur das musikalisch-politische Kabarett wie kein zweiter beherrschte, sangen sie sich in den A-cappella-Olymp. Natürlich nicht, ohne Zugabe (aus Australien) zu verschwinden.

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Kritik von Manuel Stangorra

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Aequinox Musiktage zur Tag & Nachtgleiche: 21. bis 24. März 2019

Ort: Kulturhaus,

Werke von: John Dowland, Francis Poulenc, Georg Friedrich Händel

Mitwirkende: Calmus Ensemble (Chor)

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