> > > > > 11.04.2019
Montag, 24. Juni 2019

1 / 5 >

Sumi Jo, Copyright: Robin Kim

Sumi Jo, © Robin Kim

Das KBS Symphony Orchestra in Wien

Mahler auf Koreanisch

Mit einem abwechslungsreichen Programm im Gepäck gastierte am gestrigen Abend das koreanische KBS Symphony Orchestra an ehrwürdiger Stelle im Großen Saal des Wiener Musikvereins. Zur standesgemäßen Eröffnung im Gepäck: Zwei ‚Evergreens‘ mit Lokalkolorit aus der Feder von Johann Strauß. Schon in der 'Fledermaus'-Ouvertüre zeigt sich allerdings, dass dem Rundfunk-Klangkörper eine ganze Portion Strauß‘scher Esprit und Spritzigkeit fehlen. Sowohl dynamisch als auch agogisch kocht das Orchester unter Leitung seines seit 2014 amtierenden Chefs Yoel Levi eher auf Sparflamme und spielt am originellen Charme und ‚Schmäh‘ des Stücks weitgehend vorbei. Exemplarisch bleiben die Accelerando-Elemente eher in den Startlöchern stecken. Nicht viel besser ergeht es den 'Frühlingsstimmen' op. 410, in denen als Solistin die Sopranistin Sumi Jo ihren ersten Auftritt hat.

Temposchwankungen

Nicht nur bleibt auch hier das programmatische Flair bis in die Holzbläser-Sphären atmosphärisch recht blass, auch zeigt sich, dass Jos Stimme einiges von ihrem früheren Glanz verloren hat. Einst auf dem Weg nach oben sogar von Herbert von Karajan gefördert und mit weltweiter Reputation im Koloraturfach unterwegs, fehlt es ihr inzwischen in der Höhe deutlich an Durchschlagskraft und Volumen. Nichts geändert hat sich hingegen in tieferen Lagen, in denen ihr Timbre nach wie vor tonsicherere Geschmeidigkeit und Wärme ausstrahlt. Im weiteren Verlauf der ersten Konzerthälfte singt sie noch Mozarts Arie 'L‘amerò, sarò costante' aus 'Il Re pastore' KV 208, in der dasselbe Phänomen zu erkennen ist. Besser gelingen ihr der Vortrag des koreanischen Lieds 'Like the spring comes from the River' des Komponisten Gungsoo Im und Puccinis 'O mio babbino caro', mit der sie sich beim trotz allem begeisterten Publikum bedankt. In beiden kann sie – da hauptsächlich in tiefen Registern verortet – mit schlank ausgeformten und emotional eingefärbten Phrasen punkten. Zwischendurch spielt das Orchester noch die Ouvertüre zu 'Don Giovanni', in der es sich allerdings wiederum stilistisch schwertut und den Zugang zu Mozarts Tonsprache mit ihrer durch die Zeilen der Partitur luftig wehenden Eleganz vermissen lässt.

Zu wenig Grenzerfahrung

Nach der Pause folgt deutlich schwerere Kost: Mahlers Symphonie Nr. 1 D-Dur, der sich das KBS Orchestra allerdings nicht auf allen Ebenen ihrer Komplexität gewachsen zeigt. Schon im Kopfsatz bleiben stimmliche Konturen nur vage angedeutet, im zweiten Satz kommen tänzerisches Kolorit und motivische Verspieltheit nicht voll zur Geltung. Auch die rhythmische Raffinesse des dritten Abschnitts und dessen farbliche Illustration entfalten nicht recht ihre Wirkung, bis hierher leidet diese Mahler-Deutung an unterentwickeltem Temperament und stimmlich zu wenig greifbaren Formen. Überzeugend gelingt schließlich doch noch der vierte Satz, in dem sich die Klanglandschaften tatsächlich einmal richtig entfalten und Levi das Orchester auch mal in dynamische Grenzbereiche führt. Mit zwei Zugaben (Brahms‘ 'Ungarische Tänze' Nr. 1 und 4) klingt der Abend aus, auch hier bleiben die zündenden musikalischen Effekte leider eher Strohfeuer und die Partitur (etwa in den das Hauptthema durchsetzenden abwärts gleitenden Achtel-Figuren des g-Moll-Tanzes) nicht genügend durchhörbar. Das beschleunigende Momentum im vierten Tanz wird kaum erfasst.

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Thomas Gehrig

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


KBS Symphony Orchestra: Yoel Levi / Sumi Jo

Ort: Musikverein,

Werke von: Johann Strauß, jun., Wolfgang Amadeus Mozart, Gustav Mahler

Mitwirkende: Sumi Jo (Solist Gesang)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (6/2019) herunterladen (3061 KByte)

Anzeige

Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Christian Euler im Portrait "Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"
Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

weiter...
Alle Interviews...


Sponsored Links

Anzeige

Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich