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Dienstag, 12. November 2019

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Katharina Persicke, Copyright: Hans Jörg Michel

Katharina Persicke, © Hans Jörg Michel

Dvoráks 'Rusalka' am Staatstheater Darmstadt

Im Mondlicht

Die Nixe Rusalka pubertiert. Sie will raus, die Menschenwelt außerhalb ihres Lebensraumes kennenlernen und vor allem die Liebe. Eine Vorstellung hat sie nicht, auch nicht den Anflug einer Ahnung. Warnungen schlägt sie in den Wind. Der Preis, den sie dafür zahlen muss, spielt keine Rolle. Willig gibt sie ab, was ihr Sein bestimmt. Von naiver Neugier getrieben, stakst sie auf wackligen Beinen über das felsige Land. Die erste Begegnung mit dem Prinzen ist jedoch Ernüchterung pur, nicht Annäherung, Werbung, Liebesschwüre sind sein Ding. Er will sie haben, nimmt sie, schiebt sie wegen einer anderen beiseite, kehrt reumütig zurück. Doch es ist zu spät. Rusalka gibt ihm den Todeskuss und schwimmt als Wasserleiche auf dem See.

So erzählt die junge Regisseurin Luise Kautz am Staatstheater Darmstadt auf der Bühne und in Videoeinspielungen 'Rusalka' von Antonín Dvořák. Konsequent bewahrt sie dabei das Märchenhafte und schafft viel Raum für die durchweg hervorragende Sängerriege, die sich von der Übersetzung in die deutsche Sprache von Werner Hintze und Bettina Bartz erfreulicherweise nicht irritieren lässt. Es bleibt ein Rätsel, warum man noch immer auf diese unpoetische, gegen jeglichen Sinn, Rhythmus und Melodielinienverlauf verstoßende Version zurückgreift.

In zartesten Tönen

Bühnenausstatterin Lani Tran-Duc gestaltet ein vom Mondlicht erleuchtetes, mystisches Ambiente aus schwarzglitzernden Hügeln, eingetaucht in viel Nebel und immer wieder zu musikalischen Motiven aus dem Orchester synchron ausgeleuchtet. Die Parade-Arie dieser Oper an den 'Silbernen Mond', in welcher Rusalka ihre Sehnsucht nach Liebe formuliert, aber auch ihrer Angst vor dem Verlust Ausdruck verleiht, gestaltet Katharina Persicke in zartesten Tönen, beweist in den weiteren Partien dramatischen Ausdruck und verströmt Anrührendes in den lyrischen Passagen.

Diese in der Ansprache an den 'Silbernen Mond' gestaltete Atmosphäre bestimmt durchgängig das Bühnenbild. Selbst im Schloss erhellt Mondlicht die Szenerie, allerdings hier ernüchternd fahl, und erzeugt bedrohlich glitzernde Effekte auf den Ketten der abgesenkten, käfigartig wirkenden Ringen im sonst leeren Raum. Für den Wassermann entwarf Hannah Barbara Bachmann ein Kostüm, das ihn mit der Szenerie völlig verschmelzen lässt. Würde, Weisheit, Askese verströmt Johannes Seokhoon Moon, ein Bassbariton, wie man ihn lange nicht hörte. Er verfügt trotz seiner Jugend über eine relativ weiche, dennoch bereits ausgeprägt kraftvolle Stimme mit viel Höhe und Volumen und beweist eine Bühnenpräsenz, die packt. Der Tenor Thorsten Büttner hat es als Prinz nicht leicht. Eher bemüht wirkt sein Spiel. Nur wenn er singt, mag man ahnen, dass sich hinter diesem strahlenden Tenor mit so viel Schmelz und Zartheit ein ausbaufähiger Charakterdarsteller verbirgt. Aufhorchen lässt am Premierenabend auch Julian Orlishausen als märchenhaft überzeichneter Wildhüter, nachdem er die unsägliche Umbaupausen-Parodie mit dem Schwan erledigt hat. Gemeinsam mit der quirligen Mezzosopranistin Xiaoyi Xu als Küchenjungen verströmt er verspielte Leichtigkeit im sonst düsteren Raum.

Lyrische Expressivität

Irritiert verfolgte man das Pantomimen-Spiel des hervorragend disponierten Opernchores des Staatstheaters, der zwischendurch in bunten Alltagskostümen der Gegenwart manche Paarverrenkungen zur tänzelnden Musik aus dem Orchestergraben vollzieht, stimmlich jedoch in jedem Moment den für Dvořák so satten wie melodiösen Klang erzeugt. Daniel Cohen am Pult des Staatsorchesters Darmstadt signalisiert mit den ersten Tönen, dass es ihm um die lyrische Expressivität dieser Musik geht. Unter seiner Leitung gelingt dem Orchester Vielfarbigkeit und Stimmungsfülle in teils pastellfarbenen Klängen, in den leisen Passagen zudem ein auf das Äußerste angelegtes avanciertes Spiel, das sich im Fortissimo entfesselt, bedauerlicherweise zu oft zu stark und zu Lasten der dynamisch differenziert gestaltenden Sänger. Das allerdings lässt sich korrigieren.

Antonín Dvořák leistete sich den Luxus, in seinen letzten Lebensjahren nur noch Opern zu komponieren. Er wusste um seine Bedeutung als Symphoniker, war überzeugt, dass die Oper das ideale Medium ist, um eine breite Zuhörerschaft zu erreichen. Dem jungen Regieteam und dem bestens disponierten Ensemble in Darmstadt gelingt es, diese Zielsetzung einzulösen.

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Kritik von Christiane Franke

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Rusalka: Antonín Dvorak

Ort: Staatstheater ,

Werke von: Antonín Dvorák

Mitwirkende: Staatsorchester Darmstadt (Orchester)

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