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Mittwoch, 16. Oktober 2019

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Szenenfoto, Copyright: Hans Engels

Szenenfoto, © Hans Engels

Die Münchner Philharmoniker spielen Schumann

Frühling im Gasteig

Nicht nur die Außentemperaturen, zumindest teilweise auch das Programm war kurz vor dem kalendarischen Frühlingsanfang an diesem Sonntagvormittag der Jahreszeit angemessen. Die Anspielung gilt Schumanns B-Dur-Symphonie op. 38, der sogenannten 'Frühlingssymphonie'. Eigene Äußerungen über persönliche Assoziationen und Stimmungen zur Entstehungszeit sowie eine poetische Anleihe bei dem Dichter Adolf Böttger standen für die Namensgebung Pate – lediglich eine weit weniger schöngeistige Mindermeinung vertritt die Ansicht, die einleitende Trompeten-Stimme imitiere vergleichsweise profan einen Leipziger Nachtwächter. Letztere gelingt zum Einstieg jedenfalls makellos intoniert, auch im weiteren Verlauf des ersten Satzes zeigt sich schnell die musikalische Handschrift Pablo Heras-Casados am Pult der Münchner Philharmoniker.

Erfrischende Strahlkraft

Er führt das Orchester zu einem wunderbar entschlackten, schlanken und frischen Klangbild. Fein gewobene Streichersequenzen, gepaart mit durchlässigen Holz- und Blechstimmen, erzeugen tatsächlich so etwas wie die programmatisch intendierten frühlingshaften Hochgefühle. Rauschende Tremoli und Crescendi runden den schwärmerisch-romantischen Tonfall ab. Das Larghetto ruht metrisch fein ausbalanciert in sich, das Scherzo erstrahlt in erhabener Klangfülle, durchzogen von feinen Holz-Schleiern und mit einem elastisch federnden Trio. Gebündelte dynamische Kräfte werden im Schlusssatz freigesetzt. Auch die sich nach der Pause anschließende Es-Dur-Symphonie op. 47 trägt einen Beinamen – die 'Rheinische', der diesmal allerdings nicht der thematisch explizit erklärten Sphäre des Komponisten entstammt. Geschrieben worden sein soll sie im Überschwang der Gefühle anlässlich des Umzugs der Familie Schumann nach Düsseldorf. Ob sie aus heutiger Sicht lokalpatriotisch hyperkorrekt nun besser ‚Links- oder Rechtsrheinische‘ heißen sollte – die euphorische, spielfreudige Grundstimmung bringt Heras-Casados Ansatz jedenfalls gekonnt auf den Punkt.

Fesselnder Zugang

Entschlossen zupackende Phrasierung im Kopfsatz und schwerelose Dreiviertel-Leichtigkeit im Scherzo zeichnen die ersten beiden (der atypischer Weise insgesamt fünf) Abschnitte aus. ‚Nicht schnell‘ soll der dritte Satz zu spielen sein, die Münchner wählen ein adäquat schreitendes Tempo und behandeln ihn mit viel klanglichem Feingefühl. Stimmliche Übersicht und absolute Klarheit in der Diktion behalten die Philharmoniker in den kontrapunktischen Passagen des mit ‚Feierlich‘ überschriebenen vierten Teils, dessen breit ausgeformtem Hauptmotiv verleihen sie edle, majestätische Züge. Wörtlich genommen im Sinne der Satzbezeichnung versprüht der Finalsatz aufgeweckte Vitalität, etwa in den signifikant artikulierten Synkopen. In Anbetracht dieses von Anfang bis Ende vollauf überzeugenden Zugangs verlässt man den Saal mit einem weinenden und einem lachenden Auge: Mit Bedauern darüber, dass Schumann nur vier Symphonien geschrieben hat – in vorfreudiger Aussicht darauf, dass die beiden restlichen von denselben Beteiligten an gleicher Stelle vom 25. bis 27.04. aufgeführt werden.

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Kritik von Thomas Gehrig

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Münchner Philharmoniker: Pablo Heras-Casado

Ort: Gasteig,

Werke von: Robert Schumann

Mitwirkende: Münchner Philharmoniker (Orchester)

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