> > > > > 15.03.2019
Sonntag, 21. Juli 2019

Yonah Acosta, Copyright: Wilfried Hösl

Yonah Acosta, © Wilfried Hösl

'Der Widerspenstigen Zähmung' in München

Schluss mit unlustig!

Fast auf den Tag genau vor 50 Jahren erlebte John Crankos Ballett 'Der Widerspenstigen Zähmung' seine Stuttgarter Uraufführung, so erlauchte Namen wie Marcia Haydée und John Neumeier zierten damals den Besetzungszettel. Seither ist es zum festen Bestandteil des klassischen Kernrepertoires weltweit avanciert. In der immerhin 133. Auflage seit 1976 ging das Stück am Freitagabend im Münchner Nationaltheater über die Bühne.

Virtuose Grazie

Wieder einmal griff Cranko (wie etwa auch in 'Onegin') auf die bewährte Zusammenarbeit mit Kurt-Heinz Stolze zurück, der die Idee des damaligen Intendanten am Stuttgarter Staatstheater, Walter Erich Schäfer, das musikalische Grundgerüst aus der Vielzahl von Klaviersonaten des Shakespeare-Zeitgenossen Domenico Scarlatti zu basteln, genial umsetzte. Exemplarisch dafür die auf Flötenbasis im Orchester imitierte Gesangseinlage Gremios, die gleichzeitig vieles über das Konzept des Stücks als solches aussagt – keine ‚branchenüblich‘ pathetisch-tragische Kost, sondern einfach eine luftig-leichte Komödie. Gleichsam als Vorreiter in dieser Disziplin, dachte sich Cranko hier zur Abwechslung wohl einfach mal: ‚Schluss mit unlustig!‘. Entsprechend rasant, bunt und humorvoll sind Choreographie und Charaktere ausgestaltet – letztere fast durch die Bank glänzend dargestellt: Lauretta Summerscales in der Titelrolle verkörpert die Läuterung von der zickigen zur sanftmütigen Katharina authentisch bis in die kleinste Geste, in der sie – und darin liegt ihre Kunst – bei aller bockigen Rüpelhaftigkeit stets anmutige Eleganz wahrt. Von energisch-ungehaltenen schnellen Schrittfolgen, über erste zaghafte Annäherungen im Pas de deux mit Petrucchio, dann wieder in vom aufdringlichen Lautenklang Hortensios genervten Chainés bis hin zu am Ende souverän ausgeführten Grand jetés weist sie ihre makellos ausgefeilte Technik nach. Prisca Zeisels Darstellung der Bianca gelingt mit virtuoser Grazie.

Action und Ästhetik

Ob volltrunken nach dem ergiebigen Kneipenbesuch, im eigenen fulminant getanzten Solo oder in zweisamer Interaktion als zielstrebig erzieherischer Frauen-Versteher gibt Yonah Acosta (Petrucchio) eine in Sprüngen und Hebungen sicher agierende, schauspielerisch gewandte Figur ab. Von kleinen Landungsungenauigkeiten abgesehen, findet sich Emilio Pavan in seinem Rollendebüt als Lucentio auf Anhieb bestens zurecht. Alexey Popov tanzt und mimt den ‚dummen August‘ in Gestalt des Gremio mit sympathisch-liebenswerter Albernheit. Wo die getanzte Synchronität zwischen den drei Freiern lediglich zu Anfang nicht ganz genau stimmt, sitzt sie dafür wieder gestochen scharf im Pas de six zum Ende hin. Ob auf Hochzeiten oder im Karneval – das Corps de Ballet feiert die Feste mit so akkurater Symmetrie, wie sie fallen. Ein gewohnter Volltreffer und Augenschmaus ist Jürgen Roses Bühnenbild. Myron Romanul führt das Bayerische Staatsorchester zu einem insgesamt schlanken, stimmlich ausdifferenzierten Klang, der dynamisch allerdings nicht ganz alle Farbvaleurs von Stolzes Arrangement ausleuchtet. Dennoch: Diese schwungvolle Umsetzung von Crankos genialem, witzig-charmantem Konzept zwischen Action und Ästhetik macht alles in allem einfach gute Laune. Im April und im Juni ist sie in dieser Spielzeit nochmals zu sehen – wer noch nicht drin war: Vormerken!

Mehr erfahren über den Autor

Kritik von Thomas Gehrig

Kontakt aufnehmen mit dem Autor

Kontakt zur Redaktion


Der Widerspenstigen Zähmung: Ballett in zwei Akten von John Cranko

Ort: Bayerische Staatsoper,

Werke von: Domenico Scarlatti

Mitwirkende: Bayerisches Staatsorchester (Orchester), John Cranko (Regie)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Ihre Meinung? Kommentieren Sie diesen Artikel.

Jetzt einloggen, um zu kommentieren.
Sind Sie bei klassik.com noch nicht als Nutzer angemeldet, können Sie sich hier registrieren.


Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (7/2019) herunterladen (2731 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Felix Mendelssohn Bartholdy: Sinfonia IX in C major - Allegro molto - Presto - piu Presto

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

 4442 im Portrait Musik ohne Grenzen
Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

weiter...
Alle Interviews...


Hinweis:

Mit Namen oder Initialen gekennzeichnete Beiträge geben die Meinung des Verfassers, nicht aber unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Die Bewertung der klassik.com-Autoren:

Überragend
Sehr gut
Gut
Durchschnittlich
Unterdurchschnittlich